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Regisseurin Xiang Zi im Gespräch
„Wenn mir jemand etwas nicht zutraute, sagte ich mir, jetzt erst recht“

A Dog Barking at the Moon
© Acorn Studio

A Dog Barking at the Moon (再见 南屏晚钟) heißt das erste abendfüllende Spielfilmdrama der Regisseurin Xiang Zi (相梓). In präzise und subtile Bilder umgesetzt werden in dem Film Themen direkt thematisiert, die in der chinesischen Gesellschaft oft noch tabuisiert werden: Der homosexuelle Mann, der vordergründig eine Ehe mit einer Frau eingeht und sich aus verschiedenen Gründen nicht als LGBT outen kann, der Glaube an eine Sekte und eine Eltern-Kind-Beziehung, in der man aufeinander angewiesen ist und sich gleichzeitig gegenseitig verletzt. Trotz all dieser schmerzhaften Zerrissenheit offenbart der Film aber auch Wärme und Verständnis. So entsteht eine außergewöhnliche Tragikomödie, die mit viel schwarzem Humor Themen wie das chinesische Familienleben, die Gefühlswelt der Chinesen sowie ihre Unfähigkeit zur Kommunikation auf vielschichtige Weise miteinander verbindet.

 

Von CHEN Yun-hua (陈韵华)

Im Film kehrt die seit vielen Jahren in den Vereinigten Staaten lebende Huang Xiaoyu mit ihrem französischen Mann Benjamin nach China zurück, um ihre Familie zu besuchen und dort die Zeit vor ihrer Niederkunft zu verbringen. Xiaoyus Eltern sind sich seit langer Zeit entfremdet. Die Mutter ist einer Sekte verfallen und der Vater ist schwul, ohne sich öffentlich outen zu können. Indem der Film die schwierige Familienproblematik mit Rückblenden in die Vergangenheit geschickt miteinander verknüpft, tritt die erwachsene Xaioyu in einen Dialog mit der Xiaoyu aus Kindertagen und versucht so die über die Jahre angestaute Verbitterung und die Unversöhnlichkeit der Eltern zu verstehen. Das Wort Versöhnung mag einem leicht über die Lippen gehen, der Weg dahin jedoch ist ein schmerzhafter Prozess, in dem alte Wunden wieder aufgerissen werden. Doch es sind genau diese Details, die einen in A Dog Barking at the Moon ehrlich und aufrichtig mitfühlen lassen.
A Dog Barking at the Moon-2 © Acorn Studio Im Folgenden lesen Sie das Interview mit der Regisseurin Xiang Zi, das im Rahmen eines einstündigen Gesprächs auf der Berlinale entstand:

Wie kam es zu der Realisierung Ihres ersten langen Spielfilms?

Xiang Zi: Dazu muss ich erst von einem Fehlschlag berichten. Nach meinem Abschluss an der New York Film Academy haben José und ich geheiratet und sind nach Spanien gezogen. Mein erstes Kind brachte ich jedoch in Peking zur Welt, weil ich das chinesische Essen so vermisste. Anschließend übernahm ich in China die Regieassistenz für eine Internetserie. Erst in den ersten Tagen am Drehort wurde mir klar, dass es dort weder fließendes Wasser, noch ein ausreichendes Catering für die Crew gab.

Zudem war der Regisseur ziemlich planlos. Er wollte jede Szene aus jeder Einstellung sehen, so dass sich unsere Einsatzzeiten immer mehr in die Länge zogen. An einem Tag drehten wir 20 Stunden, legten uns knapp sechs Stunden aufs Ohr, um dann noch einmal 22 Stunden zu drehen. Einmal verließ der Regisseur abrupt das Set, weil er mit einer Requisite unzufrieden war. Irgendwann hängte ich den Job dann an den Nagel. Damals fasste ich den Entschluss, selbst ein Drehbuch zu schreiben und mein Mann hat mich dabei sehr unterstützt. Innerhalb von zwei Wochen schrieb ich das Drehbuch runter. Ich habe das Script dann allerdings immer wieder überarbeitet, so dass es insgesamt 21 Fassungen gab.
A Dog Barking at the Moon-3 © Acorn Studio Das Ganze klingt nach einer Geschichte, die über Jahre in in Ihnen gereift ist?

Richtig. Das Exposé zum Film hatte ich schon Ende 2016 zu Papier gebracht und mich dann um Anschubfinanzierungen bemüht, jedoch ohne eine Rückmeldung zu bekommen. Nachdem ich weder einen Filmfonds noch einen Investor auftun konnte, beschloss ich die Finanzierung selbst auf die Beine zu stellen. Ich lieh mir Kapital von Freunden und löste mein Sparbuch auf. Den Hauptdarstellern Na Renhua (娜仁花) und Nan Ji (南吉) gefiel das Drehbuch so gut, dass sie für eine sehr geringe Gage spielten. Zudem erhielt ich viel Unterstützung von ehemaligen Kommilitonen aus Studienzeiten, die alle für sehr wenig Geld arbeiteten. Die Kosten des Films haben sich dadurch sehr im Rahmen gehalten.

Ihr Film berührt auch das Thema der bikulturellen Ehe. Welche interkulturellen Erfahrungen haben Sie während Ihrer Arbeit in den USA, China und Spanien gemacht?

Ich habe zwar 2006 in Peking einen BA-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften gemacht, kam jedoch in meinem dritten Studienjahr mit der unabhängigen chinesischen Filmszene in Berührung. Im September 2009 belegte ich in Songzhuang bei Peking an der Filmschule von Li Xianting (栗宪庭) einen einmonatigen Kurs über die Produktion von Independent-Filmen. Danach realisierte ich innerhalb von neun Monaten meinen ersten Kurzfilm. Zu der Zeit kam ich mit vielen herausragenden unabhängigen Filmleuten in Kontakt, darunter Wang Hongwei (王宏伟), Ying Liang (应亮) oder Yang Jin (杨瑾). Ich lernte auch, wie man in seinem Debütfilm die Kosten kontrolliert, also wie man mit wenig Geld einen Film dreht. Nach meinem Universitätsabschluss bewarb ich mich bei der New York Film Academy. Es ging mir darum zu lernen, wie man noch professioneller und konkreter an das Filmemachen herangeht, für Filmtheorie oder Filmgeschichte habe ich mich weniger interessiert.

Am 1. Januar 2011, einem Tag mit heftigen Schneefällen, kam ich in New York an. Etliche Kulturunterschiede sind mir allerdings erst bewusst geworden, als ich wieder zurück in China war. Es war wie ein umgekehrter Kulturschock. Ich fühlte mich plötzlich fremd im eigenen Land. In den USA hatte ich mir sehr positive Erinnerung an meine Heimat bewahrt. Das lag an meinem Studentenstatus in China. Ich hatte mich noch nicht in der Gesellschaft beweisen müssen und hatte wie in einem Elfenbeinturm gelebt. Ich sah vor allem die schönen Seiten und lebte wie in einer heilen Welt. Als ich jedoch nach meiner Zeit im Ausland nach China zurückkam und den Ernst des Lebens kennenlernte, wurde mir klar, dass meine schönen Erinnerungen mit der Realität wenig zu tun hatten.
A Dog Barking at the Moon-4 © Acorn Studio Viele Details in Ihrem Film gehen doch auf sehr persönliche Erfahrungen zurück?

Ja, insbesondere was die Sektenproblematik betrifft. Als ich zehn Jahre alt war, schloss sich meine Mutter einer Sekte an. Das war 1998. Es war die Zeit von Falun Gong und meine Mutter und ihre gesamte Verwandtschaft übten deren spirituelle Praktiken. Ich saß mit meinen Cousins und Cousinen damals zusammen vor den Lehrvideos der Sekte, weil meine Mutter und mein Onkel darauf bestanden, dass wir uns das mit ihnen ansehen und dann die Qigong-Übungen praktizieren.

Anfang des Jahres 1998 gewann ich beim nationalen Aufsatzwettbewerb, dem „Frühlingsknospen-Cup“ (春蕾杯), den ersten Preis. Damals wurde mir klar, dass ich ein gewisses Talent zum Schreiben besaß. Schon als Kind hatte ich gerne gereimt und Spaß an der chinesischen Form der Gelegenheitsgedichte (打油诗) gefunden.

In der zweiten Hälfte des Jahres eskalierte die Sache mit Falun Gong. Als die Regierung anfing gegen die spirituelle Bewegung vorzugehen, hieß es von dem Vater eines Klassenkameraden, er hätte sich eines Tages den Bauch aufgeschnitten, um nach dem „Rad des Dharma“ zu suchen. Damals war ich noch zu jung, als dass ich mir ein eigenes Urteil hätte bilden können. Das ging so weit, dass ich glaubte, es wäre unrecht, nicht auf Li Hongzhi (李洪志), den Gründer von Falun Gong zu hören. Es nahm fast masochistische Züge an.

Nach dem Einschreiten der Regierung mussten alle ihre Bücher und Videokassetten abgeben. Meine Mutter ist charakterlich allerdings sehr anfällig für diese Dinge, so dass sie 2014 einer anderen Sekte verfiel. Auch als ich schwanger war und später, als ich im Wochenbett lag, kamen ständig Leute ins Haus, um uns zu bekehren. Das, was ich im Film erzähle, ist also direkt aus meinem Leben gegriffen. Dass ich mich damals im wahren Leben so aufregte und mich an die Polizei wandte, lag an den Erfahrungen, die ich als Jugendliche gemacht hatte und die mich auf erschreckende Weise so stark geprägt haben.

Als ich sah, dass ein neuer Irrglaube drohte, junge Leute ins Verderben zu stürzen, empfand ich es als bürgerliche Pflicht, dem nicht tatenlos zuzusehen und ging zur Polizei. Die erschien schließlich bei den Versammlungsorten der Sekte. Meine Mutter machte mir wegen der Anzeige starke Vorwürfe. Sie meinte, ich hätte Karma auf mich geladen, das mich in die Hölle brächte. Wir hatten einige Auseinandersetzungen in dieser Sache. Der Teil mit der Sekte beruht also komplett auf meinen persönlichen Erfahrungen.

Interessanterweise stellen Sie die Szenen, in denen es um die Sekte geht, humoristisch dar oder vergrößern absichtlich die Distanz zwischen Film und Realität. Etwa wenn Sie die Szene einer Autofahrt auf einer Theaterbühne spielen lassen. Liegt das daran, dass die Geschichte zu nah an Ihrem Leben ist?

Genau, ich habe einfach das Gefühl, dass ich dadurch im realen Leben viel gelitten habe. Ich könnte es nicht ertragen, mich davon auch noch in der künstlerischen Auseinandersetzung quälen zu lassen. Deshalb wollte ich die Geschichte im Film etwas ins Lächerliche ziehen. Man lebt schließlich nur einmal. Man kann sich einfach so durch die Tage schleppen oder man kann etwas aus seinem Leben machen. Auf jeden Fall sollte man sich nicht zu sehr runterziehen lassen, sonst macht das Leben keinen Spaß. Auch wenn deine Mutter an eine Sekte glaubt, gibt es immer auch positive Dinge im Leben. Man muss nur sehen, dass die schönen Seiten des Lebens die unerfreulichen Seiten überstrahlen. Das ist auch eine Art Linderungsprozess. Außerdem habe ich mir die CDs der Sekte ja selbst auch angehört und fand sie haarsträubend und sehr komisch.

Das heißt, dass der Teil mit der Sekte zuerst da war und die Rahmenhandlung über das LGBT-Thema erst später dazukam?

Der Sektenteil ist relativ wichtig, da das aufgrund der religiösen Verstrickungen meiner Mutter in meinem Leben eine große Rolle gespielt hat. Auf das Thema Homosexualität kam ich, weil ich ein großer Fan des Films Farewell My Concubine (霸王别姬) von Chen Kaige (陈凯歌) bin. Mein Vater hat immer gerne die weiblichen Dan-Rollen der Peking-Oper gesungen. Er betrieb das rein als Hobby. Wenn er in die Dan-Rolle schlüpfte, bekam er etwas Weibliches. Meine Mutter verstand und mochte das nicht. Sie schimpfte, machte sich über ihn lustig und verbot ihm zu singen. Damals verstand ich die Hintergründe nicht. Als ich später Farewell My Concubine sah, war ich richtig begeistert. Ich finde, dass es in dem Film nicht nur um Gender und die sexuelle Orientierung geht, sondern um das Verhältnis von Bürger und Freiheit: Warum darf man nicht das wollen, wonach man sich sehnt? Tatsächlich hat das viel mit dem gesellschaftlichen Umfeld zu tun. Deshalb habe ich diesen Aspekt auch mit hinein genommen und dem Film so einen künstlerischen Touch gegeben.

Man lebt schließlich nur einmal. Man kann sich einfach so durch die Tage schleppen oder man kann etwas aus seinem Leben machen. Auf jeden Fall sollte man sich nicht zu sehr runterziehen lassen, sonst macht das Leben keinen Spaß.

Wenn man einen Film ganz unabhängig produziert, hat man viel künstlerische Freiheit. Gibt es trotzdem Aspekte, bei denen Sie es schade finden, nicht mehr Geld zur Verfügung gehabt zu haben?

Mit dem Ton bin ich nicht ganz zufrieden. Hätte ich schon in China zehn- oder zwanzigtausend Yuan für einen Tonmeister ausgeben können, wäre der Film vielleicht noch besser geworden und bei der Postproduktion hätte ich womöglich Geld gespart. Da es am Set Probleme mit dem Ton gab, musste ich später einige Stellen nachvertonen, wobei das Resultat nicht ganz so wurde wie in meinen ursprünglichen Regieanweisungen. Bei der Nachvertonung waren wir schon wieder in Spanien. Ich stand kurz vor der Geburt und meine EU-Aufenthaltserlaubnis war abgelaufen.

Es gab also keine Möglichkeit, nach China zurückzukehren, und so musste ich vor Ort Tonmeister für die Postproduktion ins Studio holen. Ich schrieb den Text auf einen Zettel und sie versuchten den Ton aus der Originalversion wieder herzustellen. Aber so etwas lässt sich schwer kopieren und am Ende mussten wir Kompromisse eingehen. Die Szene im Klassenzimmer etwa, in der zwei junge Mädchen miteinander tratschen, haben wir mit zwei Kindern aus Barcelona nachvertont. Allerdings wird im Film in Pekinger Mundart gesprochen, während die Mädchen einen südchinesischen Dialekt haben, weil ihre Familien aus Südchina stammen. In einem Film, der ganz im Peking-Dialekt gehalten ist, wirkt das letztlich etwas störend.

Als Frau hat man es im Filmgeschäft nicht leicht. Welche Erfahrungen haben Sie persönlich gemacht?

Einmal hörte ich, wie ein Investor sagte, er würde niemals in das Startup einer Frau investieren, und damit hat er nicht nur die Filmbranche gemeint. Es ging darum, dass man Zeit versäumen könnte, wenn Frauen heiraten und Kinder kriegen, und dass Frauen womöglich mehr Zeit und Energie in das Familienleben investieren. Ich habe das Gefühl, dass Frauen in der gegenwärtigen Gesellschaft generell benachteiligt werden, weil viele Chancen zuerst einmal den Männern und erst an zweiter Stelle den Frauen eingeräumt werden. Den Frauen bleibt da gar nichts anderes übrig, als in der Familie mehr Verantwortung zu übernehmen. Ich hoffe, dass sich das in Zukunft bessert. Ich selbst habe zwei Töchter und wünsche mir, dass sie in einem Umfeld mit mehr Chancengleichheit leben.

Als ich klein war, vermittelten mir meine Eltern, dass man sich als Frau zehnmal mehr anstrengen muss, um gut zu sein und die gleichen Möglichkeiten zu bekommen. Bis zur Oberstufe der Mittelstufe hatte ich sehr gute Noten. Trotzdem hieß es jedes Mal, wenn man sich mit Freunden oder Verwandten traf: Wenn Mädchen gut in der Schule sind, heißt das noch gar nichts. Spätestens, wenn man in der Schule in die höhere Mathematik einsteige, verlören sie den Anschluss. Als ich dann etwas älter war, hieß es dann, innerhalb der Gesellschaft könne man den Jungs aus diesem oder jenem Grund nicht das Wasser reichen. In solchen Äußerungen spiegelt sich das Vorurteil der Gesellschaft, dass Frauen nicht erfolgreich sein können. Manche verinnerlichen es, wenn sie schon von klein auf so runter gemacht werden. Bei mir war es aber genau andersherum. Wenn mir jemand etwas nicht zutraute, sagte ich mir, jetzt erst recht. So denke ich auch als Erwachsene. Als niemand Geld in mich investieren wollte, machte ich mir nichts daraus und finanzierte den Film eben aus eigener Tasche. Ich ließ es einfach darauf ankommen.  

Im Juni wollte ich anfangen zu drehen, im Februar merkte ich, dass ich wieder schwanger war, eben mit meiner zweiten Tochter. Viele Freunde fragten mich, ob ich den Film überhaupt noch machen würde? Wie sollte das funktionieren, im vierten Monat mit dem Baby im Bauch? Aber ich wollte auf jeden Fall drehen. Jemand riet mir, die Dreharbeiten ein Jahr zu verschieben. Doch das kam nicht in Frage. Wenn man schwanger ist, hat man nur einen dicken Bauch, nach einem Jahr hätte ich mich um das Kind kümmern und stillen müssen, das wäre noch schwieriger geworden. Und Tonaufnahmen, wenn ein Kind schreit, kann man das ganz vergessen. Damals entschied ich, am Set einen zwölf-Stunden-Tag einzuhalten. Ohne Überstunden und mit menschenwürdigen Arbeitsbedingungen wie fließendem Wasser und Verpflegung. Die Produktionsleitung übernahm ein ehemaliger Kommilitone aus den USA, der auch lange in China gearbeitet hatte und der meinte, man könnte die amerikanischen Verhältnisse nicht auf China übertragen. Wir haben das Zeitpensum dann nur an ein oder zwei Tagen überschritten. Aber das lag daran, dass wir das Set vom Süden Pekings über den sechsten Ring nach Changping, in einen Stadtbezirk im Nordwesten von Peking, verlegen mussten und wir ewig unterwegs waren. Zum Drachenbootfest haben wir auch noch einen halben Tag frei gegeben.

Außerdem hatte ich an einem Tag eine Voruntersuchung, so dass am Vormittag nicht gedreht wurde. Oft hatten wir innerhalb von acht oder zehn Stunden schon alles im Kasten. Den Crewmitgliedern blieb also noch ausreichend Zeit für einen Friseurbesuch oder ein spätes Abendessen. Es gab noch ein Privatleben außerhalb der Drehzeit. Ich finde kreative Arbeit muss Spaß machen und wollte verhindern, dass schlechte Stimmung aufkommt.

Nach Abschluss der Dreharbeiten rückte die Geburt näher, für die ich nach Spanien fuhr. Weil unsere älteste Tochter schon in Peking zur Welt gekommen war, wollten wir für die Geburt unserer zweiten Tochter in Spanien sein. Also musste auch die Postproduktion in Spanien stattfinden, genau in der zweiten Hälfte meiner Schwangerschaft. Es war relativ mühsam. Weil die Leute von der Bildbearbeitung, vom Ton und vom Schnitt kein Chinesisch verstanden, musste ich die ganze Zeit dabei bleiben. Am 27. November hatte ich den Kaiserschnitt. Drei Tage davor war ich noch mit dem Ton und dem Schnitt zugange und eine Woche nach der Geburt saß ich schon wieder im Studio und machte mich an die Tonmischung. Gleichzeitig hatte ich meine kleine Tochter auf dem Arm und stillte. Das Trinken an der Brust klappte noch nicht so gut und ich hatte Schmerzen. Während ich mit den anderen an der Tonnachbearbeitung, dem Dialogschnitt und der Tonmischung arbeitete, musste ich regelrecht die Zähne zusammenbeißen. Da sagte ich zu ihnen: Jetzt wird mir bewusst, dass ich für diesen Film wirklich alles gegeben habe.

Können Sie uns etwas über den chinesischen und englischen Titel des Films sagen?

Der chinesische Originaltitel Lebewohl - Nachtglocken von Nanping (再见 南屏晚钟) lässt sich kaum vernünftig ins Englische übersetzen. Es ist der Titel eines chinesischen Liebeslieds aus der Generation meiner Eltern, das einen vielsagenden Text hat: Es ruft Träume in mir wach, ich eile hastig durch den Wald, verliere mich im dichten Grün, nur Bäume, die der Wind wiegt... . So einen Filmtitel kann man nur durch einen anderen ersetzen, der für das ausländische Publikum die Idee zumindest teilweise transportiert. Dabei geht natürlich auch etwas verloren.

Man spricht heute gerne von der Herkunftsfamilie. Oftmals, wenn man versucht die Probleme in seiner Herkunftsfamilie zu lösen, merkt man einfach nur, wie machtlos man ist.

Der englische Titel geht auf den Namen eines Bildes von Joan Miró zurück: Der Hund bellt den Mond an. Rechts im Bild sieht man einen Hund und auch der Mond steht in der rechten Bildhälfte, nur dass der Hund unten und der Mond über ihm ist. Auf der linken Seite befindet sich eine Treppe. Für mich drückt das Bild eine gescheiterte Kommunikation aus. Der Hund will vielleicht mit dem Mond kommunizieren, aber der Mond verweigert sich seiner Botschaft. Aber auch wenn der Hund auf die Leiter steigen würde und dem Mond ein Stückchen näher käme, würde das die Kommunikation nicht unbedingt verbessern. Man kann einen anderen Menschen nie ganz und gar verstehen. In einer Kommunikation kann es immer zu fatalen Missverständnissen kommen, so wie in dem Film.

Man kann den Film also in gewisser Weise als eine Botschaft an Ihre Mutter verstehen?

Zum Teil ja. Andererseits geht es aber auch um einen persönlichen Heilungsprozess. Ich wollte den langjährigen Knoten in meiner Brust lösen. Ich weiß auch nicht, ob meine Mutter, sollte sie diesen Film sehen, aus einer anderen Perspektive heraus verstehen kann, wie der Glaube an die Sekte unser Leben beeinflusst hat. Vielleicht ist es auch so, dass sie ihren Irrglauben nie aufgeben wird, egal wie wir unsere Kommunikation gestalten. Es gibt aber noch ein anderes Problem. Als ich den Film abgedreht hatte, dachte ich, jetzt wäre ich geheilt. Dabei hatte ich nur an der Oberfläche herumgedoktert. Ich habe mir zwar selbst geholfen, aber schließlich sind wieder neue Dinge hoch gekommen. Man spricht heute gerne von der Herkunftsfamilie. Oftmals, wenn man versucht die Probleme in seiner Herkunftsfamilie zu lösen, merkt man einfach nur, wie machtlos man ist.

(an dieser Stelle schaltet sich Produzent und Regieleiter José Val Bal ein)

José Val Bal: Bei unserer Zusammenarbeit im Film herrschte zwischen uns, da wir verheiratet sind, natürlich ein großes Einverständnis. Außerdem hatten wir das Drehbuch in der Vorproduktion bereits detailliert durchgesprochen. So konnten wir sehr fokussiert drehen und wussten genau, welche Kameraeinstellung und was für ein Licht wir wollten. Weil ich meine Frau kenne und weiß, was sie mag, konnte ich einige Details bezüglich der Lichtgestaltung selbst festlegen. Durch die Erfahrungen, die wir bei dem Dreh in Wuxi in der Nähe von Shanghai gemacht hatten, haben wir uns gegen ein ungeeignetes Arbeitsumfeld entschieden. Wir wussten viel klarer, was wir wollten, und haben großen Wert auf die Arbeitsatmosphäre gelegt. Deshalb haben wir in den neunzehn Arbeitstagen auch noch Urlaubszeit eingeräumt. So kam jeder gerne zur Arbeit und hat sogar aus eigener Initiative zur Lösung von Problemen beigetragen.

Ich selbst habe viel von „Benjamin“. Als ich gerade in Peking angekommen war und in der Nähe des fünften Rings wohnte, war ich dort der einzige Ausländer. Weil ich gar nichts verstand, wirkte es für mich manchmal so, als würden sich die Chinesen streiten, dabei war alles in bester Ordnung. Tatsächlich habe ich viele sehr amüsante Kulturschocks erlebt.

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