Vivienne Chows Briefe aus Berlin #2 Die Architektur der Wahrheit

Die Architektur der Wahrheit
© Vivienne Chow

Die Hongkonger Journalistin Vivienne Chow dokumentiert mit ihren Briefen aus Berlin ihre mehrmonatige Recherchereise durch die Kunst- und Kulturszene der deutschen Hauptstadt. Neue Briefe erscheinen wöchentlich im Magazin.

Ob man es glaubt oder nicht, obwohl ich bereits mehrmals nach Berlin gereist bin, habe ich das Reichstagsgebäude in Berlin erst diesen Monat zum ersten Mal besucht.

Ich bin kein großer Fan von Touristenhotspots und deswegen, trotz seiner großen historischen, kulturellen und politischen Bedeutung, war ein Besuch des Reichstags nie Teil meiner Reiseplanung. Als ich nun aber für das IJP Premium Fellowship diesen Sommer nach Berlin zurückgekehrt bin, nahm ich an der vom IJP Centre organisierten Führung durch den Reichstag teil.

Wie es sich herausstellen sollte, war diese Tour ein beeindruckendes Erlebnis. Ich lernte nicht nur etwas über die faszinierende Geschichte des Reichstagsgebäudes, das heute den Deutschen Bundestag beherbergt, ich verstand auch, was große Architektur bedeutet.

Reichstag 1 © Vivienne Chow Der renommierte britische Architekt Sir Norman Foster ist für die Restauration des historischen Wahrzeichens verantwortlich, das 1893 erbaut und während des Zweiten Weltkrieges schwer beschädigt wurde. Das Schicksal des Gebäudes wurde erst 1990 entschieden, nachdem Deutschland wiedervereint worden war. Foster gewann den Auftrag im Jahr 1992 und arbeitete von 1995 bis 1999 an dem Projekt.

Reichstag 2 © Vivienne Chow Die meisten Menschen kennen die Kuppel, die ikonische Glasstruktur, die auf dem Reichstag thront und dem Gebäude eine moderne und spektakuläre Erscheinung gibt. Aber Aussehen alleine ist nicht die größte Leistung von Fosters hervorragender Restaurationsarbeit. Es war seine Fähigkeit, Geschichte neu zu erzählen und die Wahrheit aufzudecken – durch Architektur.

Während der Führung stießen wir auf ein russisches Graffiti, das auf eine Wand geschmiert war. Uns wurde gesagt, dass die russischen Graffitis, die von den Sowjets als Zeichen ihres Sieges hinterlassen wurden, erst während der Restauration des Gebäudes durch Foster entdeckt wurden. Der Architekt war davon überzeugt, dass die Graffitis bleiben sollten, um die Menschen an die Geschichte zu erinnern.

Reichstag 3 © Vivienne Chow Fosters Restauration ist durch das natürliche Licht, das die Glaskuppel einlässt, und die Spiegelstruktur, die die Kuppel stützt, ebenso ein Symbol der neuen Ära Deutschlands. Die Konstruktion spart Energie, aber symbolisiert ebenso demokratische Transparenz.

Ein weiteres Highlight ist das poetische Kunstwerk des französischen Künstlers Christian Boltanski. Ich habe bereits Boltanskis poetische Windspielinstallationen an vielen Orten rund um die Welt gesehen, von La forêt des murmures auf der Insel Teshima in Japan bis hin zur Oude Kerk in Amsterdam und der Louis Vuitton Foundation in Paris, aber ich wusste bisher nicht, dass eine seiner Arbeiten im Reichstag untergebracht ist.

Reichstag 4 © Vivienne Chow Die Arbeit mit dem Titel Archiv der Deutschen Abgeordneten ist eine ernste, aber auch schöne Installation monumentalen Ausmaßes bestehend aus Metallboxen, welche mit den Namen der demokratisch gewählten Mitglieder des deutschen Parlaments zwischen 1919 und 1999 beschriftet sind – sogar der Name Adolf Hitlers kann auf einer dieser Boxen gefunden werden. Die Metallboxen sind wie zwei Mauern gestapelt und durch einen schwach beleuchteten Gang getrennt, der die Besucher zum Durchgehen einlädt.

Durch diese schmale Passage von Boltanskis Installation zu gehen fühlt sich an wie ein Spaziergang durch die Geschichte. Die Einstellung gegenüber der eigenen Geschichte gefällt mir besonders gut an Deutschland – Geschichte ist das Fundament von heute, welches ehrlich und respektvoll behandelt werden muss. Geschichte kann nicht vergessen oder gelöscht oder neu geschrieben werden.

Reichstag 5 © Vivienne Chow Möchten Sie mehr Briefe aus Berlin lesen? Hier finden Sie den Artikel von letzter Woche!