Vivienne Chows Briefe aus Berlin #6 Ich sehe die Welt in Berlin - Teil 1

To Beer or Not to Beer
© Vivienne Chow

Die Hongkonger Journalistin Vivienne Chow dokumentiert mit ihren Briefen aus Berlin ihre mehrmonatige Recherchereise durch die Kunst- und Kulturszene der deutschen Hauptstadt. Neue Briefe erscheinen wöchentlich im Magazin.

Diese Woche ist Berlin zum Synonym für Freiheit geworden. Die Nachricht, dass Liu Xia, die 57-jährige Künstlerin und Witwe des verstorbenen Nobelpreisträgers Liu Xiaobo, nach fast acht Jahren Hausarrest Freiheit in der deutschen Hauptstadt gefunden hat, rückte die Stadt in weltweites Scheinwerferlicht. Journalisten von allen großen internationalen und Hongkonger Pressekanälen (mich mit eingeschlossen) schnüffeln der großen, exklusiven Story hinterher, welche die Ankunft der Witwe des bekanntesten chinesischen Regimekritikers mit sich bringt, der letztes Jahr in chinesischer Gefangenschaft an Krebs verstarb, während wir mit schlechtem Handyempfang und der Tatsache kämpfen, dass keine Kreditkarten akzeptiert werden.

Während die meisten Journalisten diese Story jagen, mache ich einen Schritt zurück und denke wieder über Berlin nach - warum ist die deutsche Hauptstadt so attraktiv, obwohl es nicht die effizienteste oder schönste Stadt ist? Warum ist sie Magnet für Künstler, Autoren, Startups - für die kreativsten Talente der Welt?

Hongkong bezeichnet sich immer selbst als eine internationale Stadt, aber die Definition von international ist eingeschränkt. International in Hongkong bedeutet so viel wie englischsprechend, also die angelsächsische Welt. International hat in Berlin eine andere Dimension. Es ist die Hauptstadt von Deutschland und Deutsche machen den größten Teil Bevölkerung aus. Aber international hier bedeutet…international in dem Sinne, dass man Kultur von verschiedenen Orten der Welt erleben kann und die Kunst ist der Schlüssel dazu.

Hier in Berlin treffe ich das Berliner Künstlerkollektiv Slavs and Tatars, das sich als ''Fraktion der Polemik und Intimität'' versteht, ''die sich mit dem als Eurasien benannten Gebiet östlich der Berliner Mauer und westlich der Chinesischen Mauer beschäftigt.'' Ich habe das Glück, die Gelegenheit zu haben, mich mit einigen Teilen des Ostens und Westens vertraut zu machen, hauptsächlich, weil ich aus Hongkong komme und quasi bilingual bin in Chinesisch und Englisch. Aber was dazwischen liegt, davon weiß ich so gut wie nichts. Und mein Aufenthalt in Berlin stellt sich als unerwartete Einführung in diesen Teil der Welt heraus.

Ich besuchte die Ausstellung von Slavs and Tatars ''Made in Dschermany'' im Albertinum, einem Museum für moderne Kunst in Dresden, welches zwei Stunden Fahrt von Berlin entfernt ist. Auf den ersten Blick schien die Ausstellung ein wenig abschreckend, da viele der Arbeiten textbasiert sind und der Text auf Arabisch ist. Der Ausstellungstitel ist ein Wortspiel mit ''Made in Germany'', welches fast immer eine Garantie für hohe Qualität ist, und welches mit dem Tetragraphen ''dsch'' vorne die Fremdheit betont.

Aber wenn man etwas genauer hinschaut, dann erzählt diese Ausstellung, welche Installationen und Mixed Media-Kunst umfasst, Geschichten über die Politik von Sprache und wie Sprache zum politischen Werkzeug wurde (und immer noch ist). Die Installation ''Gut of Gab''  wirft einen humorvollen Blick darauf. Dadurch, dass man die Lippen vom Körper entfernt, stellt man die Frage, wie und ob Sprache und Wörter, dargestellt durch die Lippen, aus dem Kontext gegriffen werden können. Die Serie der büscheligen Teppiche ''Love Letters''  überdenkt die Karikatur von Vladimir Mayakovsky und erforscht, wie die Sowjets Alphabete und veränderte Sprache erzwangen, so dass diese nicht gleichzeitig verständlich waren, um ihre Herrschaft zu begünstigen. Unter anderem stellte ''Love Letter No. 2'' eine Zunge hinter Gittern dar, so als ob Wörter und Sprache die größte Bedrohung für Machthaber wären, und tatsächlich ist dies heute leider auch noch so.

  • Gut of Gab © Vivienne Chow
  • Alphabet Abdal © Vivienne Chow
  • Love Letters No. 2 © Vivienne Chow
  • Love Letters No.1 © Vivienne Chow
  • Love Letters No.9 © Vivienne Chow