Vivienne Chows Briefe aus Berlin #9 Die Wichtigkeit der Zeit zum Spielen

Mariana Hahn
© Vivienne Chow

Die Hongkonger Journalistin Vivienne Chow dokumentiert mit ihren Briefen aus Berlin ihre mehrmonatige Recherchereise durch die Kunst- und Kulturszene der deutschen Hauptstadt. Neue Briefe erscheinen wöchentlich im Magazin.

Komm schon. Verdreh ruhig die Augen. Ich weiß, was du denkst, wenn du den Titel des Briefes dieser Woche liest. Wenn ein schon fast sadistisch Arbeitswütiger wie ich über die Zeit zum Spielen spricht, dann ist das fast so absurd, wie wenn man bei diesem herrlichen Berliner Sommer in einer Lederjacke durch die Gegend läuft (nun ja, ich habe vor einiger Zeit eine kurze Kritik über Jacques Tatis “Tatis herrliche Zeiten” für den BBC Culture geschrieben, als dieser Film zu einer der 10 besten Komödien aller Zeiten gewählt wurde, also bin ich so gesehen dazu qualifiziert, über dieses Konzept zu sprechen). Aber genau deswegen verstehe ich die ausschlaggebende Rolle, die die Zeit zum Spielen haben kann.

Ich habe das große Glück, kreative Geister verschiedenster Couleur zu treffen und mit ihnen befreundet zu sein. Nichts (nun ja, außer gutes Essen) macht mir mehr Freude als mit Künstlern zu sprechen und mich von unseren Konversationen inspirieren zu lassen. Mit Künstlern zu sprechen ist für mich meine Zeit zum Spielen.

Diesen Sommer traf ich mich mit Mariana Hahn, eine junge Künstlerin in Berlin und ebenfalls eine Freundin von mir. “Ich will zurück nach Hongkong!” sagte sie mir. “Hongkong gibt mir viel Inspiration. Es gibt so viele unentdeckte kulturelle Identitäten, welche durch die Stadt streifen, vor allem auf den Inseln, die noch entdeckt werden müssen. Ich fühle eine echte Verbindung zu den Straßen, der Atmosphäre in der Luft. Ich liebe es.”

Ich traf Mariana zum ersten Mal am 3. Mai 2015, als sie eine Performance im Momentum im Künstlerhaus Bethanien während des Gallery Weekend durchführte, ich zum ersten Mal IJP-Stipendiatin war. Die konzeptuelle Performance war in erster Linie etwas mysteriös. Es war immer nur eine Person im Raum erlaubt. Nachdem man den Raum betreten hatte, musste der Besucher einen Brief von einem Stapel auf einem weißen Ständer neben dem Eingang ziehen. Drinnen verbrachte der Besucher dann einen der wohlmöglich intimsten Momente mit Mariana, welche aufrecht auf einem Stuhl an einer Wand saß, nackt, mit einer Maske aus einem Art Drahtgeflecht auf ihrem Gesicht. Ich streifte durch den Raum und dachte über den Text meines Briefes in meiner Hand nach, während ich Mariana anschaute und mich fragte, was sie wohl dachte und was diesen Sommer noch vor mir lag. Sie gab mir viel zum nachdenken.

Einige Monate später hatte Mariana ihre ersten Erfahrungen in Hongkong während eines Künstlerresidenzprogramms der MILL6 Foundation (heute bekannt als CHAT). Während ihres Aufenthalts in Hongkong recherchierte sie über die Herstellung von Fischnetzen und die Tradition der Comb Sister aus Shunde in China - Frauen, welche “selber kämmten” und geschworen hatten, niemals zu heiraten, während sie ihren Lebensunterhalt damit bestritten, Seide herzustellen. Im letzten Herbst kam sie auf diese Themen wieder zurück bei der Gruppenausstellung “Future Life Handbook” im Redtory Museum of Contemporary Art in Guangzhou. Wir trafen uns wieder, weil ich dazu eingeladen war, die Podiumsdiskussion der Ausstellungseröffnung zu moderieren und anschließend begleitete ich Mariana bei der Suche nach diesen Comb Sisters in Guangzhou. Wir fanden keine Comb Sisters, aber wir trafen ein buchstäbliches Dorf alter Frauen, die niemals geheiratet hatten und gemeinsam im selben Gebäude lebten. Wir hatten viel Spaß, uns gegenseitig kennenzulernen und ihre Geschichten zu hören, warum sie sich gegen die Ehe entschieden hatten - Frauenpower eines frühen modernen Chinas. Es war faszinierend und inspirierend.

Diesen Sommer habe ich einige Male Marianas Studio in Kreuzberg  besucht. Normalerweise besucht man ein Künstlerstudio mit einer bestimmten Absicht - um den Künstlern für eine mögliche zukünftige Kollaboration kennenzulernen, oder man sammelt die Werke des Künstlers, oder für ein Interview. Aber für mich ist ein Besuch in Marianas Studio Zeit zum Spielen. Wir scherzen herum und sprechen über wahllose Dinge im Leben, unsere Karmaverbindungen und über Haare - wir haben beide lange Haare und Haar ist eines der Themen, auf das Mariana sich konzentriert. Die Comb Sisters, die Seidenfäden und das Weben von Geschichten und Schwesternschaft haben alle mit Haar zu tun.

“Ich bin wegen meiner Kindheit so zu Haaren hingezogen,” erzählt mir Mariana. “Als ich klein war, musste ich die Haare meiner Großmutter kämmen. Das war seltsam. Da war dieses kleine Mädchen und die große Großmutter. Ihre Haare fielen ihren Rücken runter wie Schlangen. Es war komisch. Ich war sehr fasziniert davon.”

Also begannen wir, mit unseren Haaren zu spielen. Mariana flocht meine langen schwarzen Haare und scannte sie mit ihrem tragbaren Scanner. Ich bewunderte die Bilder - bisher war mich nicht bewusst, wie schön mein Haar ist. Das Thema Haar brachte uns dann zu Familienabstammungen und ich erzählte ihr von meinen Großeltern und meinem Großonkel, die ihre eigenen Fischnetze gewebt hatten, als sie die letzten drei Menschen auf der abgelegenen Insel Tai A Chau in Hongkong waren.

Auf einmal hatte ich diese Idee: Was wäre, wenn ich Mariana eines Tages dazu bringen könnte, Fischnetze am Strand von Tai A Chau zu weben als eine Art Tribut an meine Ahnen? Wir waren sehr begeistert von der Idee, die uns verbindet, und wie ich auf wundersame Weise meine Wurzeln durch Berlin nachverfolge.

Wie und ob dies jemals passieren wird, weiß ich auch nicht. Aber durch diese leichtherzige Zeit zum Spielen finde ich Inspirationen für kreative Ideen, auf die ich sonst nicht gekommen wäre.

Ab jetzt ist Mariana in Fujian in China und probiert sich an der Kunst des Porzellans aus und recherchiert weiter über Haar, während sie ihre Einzelausstellung im Ding Shun Museum dort vorbereitet. Ich bin mir sicher, sie wird durch die neue Umgebung inspiriert sein und neue Ideen zurück nach Berlin bringen.