Das chinesische Kino blüht auf Vielfalt und frischer Wind

Qin Hao in „Crosscurrent“
Qin Hao in „Crosscurrent“ | © Berlinale

Das Jahr 2016 beginnt gut für das chinesischsprachige Kino, mit einer eindrucksvollen Vielfalt an Stoffen und Bildsprache und vielen Überraschungen von neuen Filmemachern.

Die Filmauswahl auf der diesjährigen Berlinale zeigt, dass sich das chinesische Kino langsam von dem selbstbezogenen Exotizismus entfernt, für den die Filme der fünften Generation oft kritisiert wurden. Stattdessen wartet das chinesischsprachige Kino, wie wir es in den verschiedenen Sektionen der Berlinale sehen, mit frischen Perspektiven, neuen Entdeckungen und kreativen Ausdrucksformen auf. Es ist ein Kino, das die chinesischsprachigen Regionen in ihrer ganzen Bandbreite und ohne Scheuklappen reflektiert.

Der einzige chinesische Wettbewerbsbeitrag in diesem Jahr ist Yang Chaos (杨超) Film Crosscurrent (长江图). Yang Chao gewann 2004 in Cannes mit Passages (旅程) bereits die Goldene Palme und zeigt nun eine Liebesgeschichte auf einer Bootsfahrt auf dem Yangzi-Fluss, die wohl dem Genre des Magischen Realismus am nächsten kommt. Das Internationale Forum des Jungen Films – kurz Forum genannt – zeigt City of Jade (翡翠之城) von Midi Z. (赵德胤) und Wang Bings (王兵) Ta’ang (德昂), Zhang Hanyis (张撼依) Life after Life (枝繁叶茂), der von Jia Zhangke (贾樟柯) produziert wurde, sowie Old Stone (老石) von Johnny Ma. Zu den teilnehmenden Filmen in der Berlinale-Sektion Panorama, das einen Ausblick auf die Tendenzen des Arthouse-Kinos geben möchte, gehören das Drama Dog Days, in dem der amerikanische Regisseur Jordan Schiele die Geschichte eines gestohlenen Babys in einem Vorort von Changsha erzählt, und der Film My Land (吾土) von Fan Jian (范俭), in dem der Einfluss der Gentrifizierung auf Gemüsebauern im Fokus steht. Ein wenig beachtetes Thema beleuchtet Inside the Chinese Closet. Die junge italienische Regisseurin Sophia Luvarà erzählt darin von schwulen Männern und lesbischen Frauen in Shanghai, die Zweckehen eingehen, um das Gesicht der Familie zu wahren und nicht mit sozialen Konventionen zu brechen. Wayne Wang, der US-amerikanische Regisseur chinesischer Herkunft, der mit seinem Film Joy Luck Club bekannt wurde, zeigt die japanische Produktion While the Women are Sleeping mit Takeshi Kitano. In der Sektion Generation, die Filmen von und für Kinder und Jugendliche gewidmet ist, läuft der Film What’s in the Darkness (黑处有什么). Der Regisseur Wang Yichun (王一淳) porträtiert hier auf clevere Weise aus der Perspektive eines Teenagers eine Kleinstadt, die Anfang der 1990er-Jahre von einer Verbrechensserie geplagt wird.

Von Shanghai bis nach Yunnan, vom Yangzi-Fluss bis nach Burma, von der Geschichte bis ins Heute und von Filmikonen bis zu Debütanten des chinesischen Films – das chinesischsprachige Kino zeigt sich in einer enormen Dynamik und Spannbreite. Multinationale Koproduktionen gehören genauso dazu wie kühne Themen, Menschlichkeit und ein starker Wille zu künstlerischem Ausdruck. Im Vergleich zum letzten Jahr, in dem große chinesische Stars wie Zhou Yun (周韵) die Berlinale besuchten, mag es dieses Jahr etwas weniger glamourös zugehen – dafür aber umso cinematischer.