Retrospektive der Berlinale Zwischen Auflehnung und Anpassung

„Karla“ von Herrmann Zschoche
„Karla“ von Herrmann Zschoche | Foto (Ausschnitt): DEFA-Stiftung, © DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

In einem interessanten Vergleich zeigt die Retrospektive deutsche Filme des Jahres 1966 aus Ost und West.

Die Retrospektive im vergangenen Jahr würdigte Technicolor, in diesem Jahr sind die meisten Filme Schwarz-Weiß: In einer ungewöhnlichen Zusammenstellung zeigt das Festival deutsche Filme des Jahres 1966, aus Ost und West. Beginnen wir mit der DDR: Dort wurde, nachdem man die Zensurpolitik eigens gelockert hatte, rund die Hälfte aller Filme dieses Jahrgangs verboten – ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der DDR. Das 11. Plenum des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) verhinderte den Start allzu rebellischer Filme oder verbannte sie nach kurzer Laufzeit in den Giftschrank. Vernichtet wurden sie allerdings nicht. So konnte Frank Beyers Arbeiterballade Spur der Steine im Herbst 1989, nach dem Fall der Mauer, aufgeführt werden. Karla von Hermann Zschoche oder Jürgen Böttchers freigeistiges Jugendporträt Jahrgang 45 werden nun wie viele andere in der ursprünglichen wie auch in der Zensurfassung gezeigt. Einige dieser Filme gelten inzwischen als Klassiker. Für die Regisseure allerdings wirkte der berufliche Einschnitt oft vernichtend.

Der sanfte Lauf der Dinge

Nahezu umgekehrt und doch auch ähnlich war die Entwicklung im Westen. Im Jahre 1962 hatte das Oberhausener Manifest erklärt: „Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.“ Nun kamen die ersten Filme in die Kinos und ernteten begeisterte Kritiken und Preise. Die Filmemacher Alexander Kluge (Abschied von gestern), Peter Schamoni (Schonzeit für Füchse) und Volker Schlöndorff (Der junge Törless) begründeten so ihre Karrieren und den Ruhm des Neuen Deutschen Films. In der Öffentlichkeit sind diese Filme dennoch kaum bekannt – das deutsche Fernsehen zeigt bis heute lieber „Papas Kino“, gegen das sie einst aufbegehrten. Eine echte Wiederentdeckung ist Der sanfte Lauf mit einem jungen Bruno Ganz, der am Potsdamer Platz nun überall von den Plakaten blickt. In der Geschichte des in Prag geborenen Bernhard, der sich nur widerstrebend ins Arbeitsleben einfügt, verarbeitete Haro Senft auch die eigene Biografie. Die jetzige Aufführung empfand er als späte Ehrung, er starb kurz vor Beginn des Festivals.

Neue Architektur, alte Strukturen

Vergleicht man nun die Filme aus Ost und West, finden sich viele Gemeinsamkeiten. Nicht die deutsche Vergangenheit, sondern die Zukunft steht im Vordergrund. Zwischen Auflehnung und Anpassung suchen die jungen Protagonisten – und auch viele Protagonistinnen – ihren Platz in der neuen Nachkriegsgesellschaft. Deren Architektur ist zweckmäßig-modern oder gar avantgardistisch, doch die Strukturen gehören den Erwachsenen. Das Wort „Aufbruchstimmung“ würde in die Irre führen, von der Resignation sind die Figuren nie weit entfernt. So erweist sich das Jahr 1966 im Westen, während die Filme aus dem Osten sogar tendenziell aufmüpfiger erscheinen, als Zwischenstation vor der großen Rebellion von 1968. Der neue Impuls ist vor allem ästhetisch zu spüren, im nüchternen, fast dokumentarischen Blick auf die Verhältnisse. Aber auch ein frecher, an die Nouvelle Vague angelehnter Film wie Playgirl des ebenfalls erst jüngst wiederentdeckten Will Tremper zeigt, was damals möglich war – wenn auch nur für eine kurze Zeit.