Aussenseiter in chinesischen Filmen Klagelieder der Verbannten

Die Schauspielerin Su Xiaotong in „What's in the Darkness
© Kong Desheng

Anders als in „Gone with the Bullets“ (一步之遥) aus dem letzten Jahr, welcher die Gemeinschaft und den Pomp zelebrierte, tauchen die chinesischen Filmbeiträge aus diesem Jahr tief in die Welt der Ausgestoßenen und des Banalen ein.
 

Für die Kurzfilmkategorie Berlinale Shorts stellen die diesjährigen Beiträge Ankern verboten (禁止下锚) und Weißer Vogel (白鸟) marginalisierte Charaktere in den Mittelpunkt und wirken dabei wie zwei Seelenverwandte oder verloren geglaubte Brüder. What’s in the Darkness wiederum schafft es, das von beiden Filmen transportierte Gefühl der Einsamkeit und des Unerwünschtseins durch einen außergewöhnlich pointierten, schwarzen Humor zu relativieren – ich halte das für brillant, denn ist Humor nicht das einzig sinnvolle Mittel, um mit den Konflikten unserer Zeit umzugehen? Das brutale und teils abstoßende Close Up eines Schweine-Beins, dass Adern, Blutergüsse und Texturen auf schmerzhafte Weise zeigt, sieht der Betrachter durch den Expertenblick von Qu Jings (曲靜) Vater, der forensischer Ermittler ist. Die Situation wendet sich zum Komischen, als der Vater vollen Ernstes und mit eiserner Miene den Metzger nach der Todesursache des Schweins fragt. Das alles spielt in den 1990er Jahren in einer Kleinstadt in der Henan Provinz, die an der Oberfläche zwar konservativ wirkt, wo Frauen aber den lüsternen Blicken der Männer ausgesetzt sind. Der Vater, weit und breit der einzige studierte Polizist, wird immer wieder zum Gespött der nach außen höflich und freundlich wirkenden Menschen, wenn er wie besessen Kriminalfotos macht und über Verbrechen und Bestrafung philosophiert.

Dieser ständige Konflikt des Vaters mit seiner Umwelt wird von Qu Jing, seiner Tochter im Teenageralter, akribisch beobachtet. Selbst eine Außenseiterin in der Schule – weder hübsch oder fleißig genug, um beliebt zu sein, noch aufsässig genug, um Unmut auf sich zu ziehen – freundet sie sich mit einer anderen Außenseiterin an. Ein allem Anschein nach frühreifes Mädchen, das sich bereits mit den Eitelkeiten der Erwachsenen und ihren Sexualtrieben herumschlägt.

Das Klagelied des Nichtdazugehörens erklingt auch in den eingangs erwähnten Filmen Ankern verboten von Chiang Wei Liang (曾威量) sowie Weißer Vogel von Wu Linfeng (吴林峰) wieder. Ersterer handelt von zwei rastlosen Wanderarbeitern, die auf ihren Wegen an der Meeresküste, Gebirgspfaden, Kiosken, Fernbussen und Bruchbuden vorbeikommen. Hier stehen auf- und abdonnernde Stahlgatter metaphorisch für eine Insel, wo „Ankern verboten“ ist. In Weißer Vogel geht es um einen HIV-positiven Mann und dessen im Ausland lebende Cousine, beide verwaiste Außenseiter der Gesellschaft, die in einer vor Schweiß und Schwüle dampfenden Stadt aufeinander treffen.

Was verbirgt sich in der Dunkelheit? Eine einsame Seele, eine intolerante Gemeinschaft oder eine Welt voller unberechtigter Kriminalität und Bestrafung?