Berlinale Raum und Zeit Wenn die Raumzeit aus den Fugen gerät und sich die Wahrnehmung intensiviert

Berlinale Ticketschlange

Während wir uns von inspirierend kuratiertem Kino aus der ganzen Welt verwöhnen lassen, fühlt sich zur Zeit der Berlinale doch alles etwas anders an.

Ohne näher auf Einsteins Relativitätstheorie eingehen zu wollen, bleibt das Konzept der Zeit während der Berlinale doch eine relative Komponente. Die achtstündige Vorführung des Wettbewerbsfilms Hele Sa Hiwagang Hapis (A Lullaby to the Sorrowful Mystery) etwa, von dem legendären philippinischen Filmemacher Lav Diaz, kann sich wie ein schon wieder verflogener Traum anfühlen. Sich hingegen gemeinsam mit den an Schlafmangel leidenden Pressekollegen für lediglich zwei Nespresso-Maschinen im Grand Hyatt befindlichen Pressecenter anzustellen, dauert eine Ewigkeit. Dann wiederum war das einstündige Interview mit Jordan Schiele ein derart angenehmes Gespräch, dass es mir wie wenige Minuten erschien.

Unterdessen wird der Raum gleichfalls dehnbar. Der kurze Weg zwischen U-Bahn Station und Berlinale Palast kommt einem schon mal so vor wie Moses vor dem Roten Meer, besonders wenn man sich für die Pressevorführung um 9 Uhr verspätet hat und befürchten muss, dass man nicht mehr reingelassen wird. Auf den Cocktailparties, für die der brasilianische Stand berühmt ist, wird einem stets schnell und schmerzhaft klar, dass eine unüberwindliche Diskrepanz zwischen geschätzter und tatsächlicher Distanz zwischen einem selbst und all den Caipirinha-Gläsern herrscht. Und bei der Entfernung zwischen der m-appeal Party im Prince Charles und der Lass Bros Party im SO36 handelt es sich nicht nur um ein paar Häuserblocks auf der Oranienstraße, viel bedeutender ist die „Entfernung“ zwischen Dress-Codes, Musikstilen und Demografie der Gäste.

Ja, die Berlinale bringt Menschen unterschiedlichster Orte dieser Welt und unterschiedlichster Berufsfelder der Filmindustrie zusammen: Regisseure, Produzenten, Handelsvertreter, PR-Agenten, Presse, Zuschauer und viele mehr. Es ist eine zehntägige Blase, in der Zeit und Raum verzerrt werden, ein wenig wie Disneyland. Die Berlinale ist ein Kosmos für sich, umgeben von Schönheit und Fantasie – man wird süchtig!