Interview mit Jordan Schiele Cinephil und Sinophil

"Dog Days" | Regisseur: Jordan Schiele

San Fu Tian ist ein beeindruckendes Werk des neuen chinesischen Kinos von dem New Yorker Filmemacher Jordan Schiele. Der Film behandelt die Geschichte Lulus, die als Tänzerin in einem billigen Nachtclub arbeitet und nach ihrer verlorenen Tochter sucht, die gemeinsam mit Ihrem Freund Bai Long verschwunden ist. In unserem Gespräch sprach Jordan Schiele über seine multikulturelle Identität und die tiefe Verbundenheit zu China und dem chinesischen Kino. Dieses Interview, während dem wir immer wieder zwischen Englisch und Chinesisch wechselten war eine fantastische interkulturelle Erfahrung für mich.

Wie kommt es, dass Du so gut Chinesisch sprichst?

Ich begann während meines Bachelor-Studiums Chinesisch zu lernen, anschließend ging ich ins Ausland  an die Oxford Universität und studierte dort intensiv Mandarin-Chinesisch, einschließlich klassischem Chinesisch. Anschließend zog ich nach Shanghai und lebte dort für ein Jahr. Danach verbrachte ich drei Jahre an der Filmschule in Singapur, wo ich Freunde habe die ebenfalls Chinesisch sprechen. Und im Anschluss daran zog ich nach Peking. Ich mag es sehr in die chinesische Sprache einzutauchen und verbringe auch viel Zeit mit einheimischen Freunden.

Wie bist du auf die Idee gekommen, von dem Unglück einer jungen Mutter zu erzählen, die ihr Kind verloren hat?

Alles begann mit den persönlichen Geschichten einiger Freunde aus Peking. Eine Inspirationsquelle etwa war eine Freundin in meinem Alter, die alleinerziehende Mutter ist und die man wohl zu den Bei Piao (北漂) zählen könnte (Eine Bezeichnung für meist junge Chinesen, die aus der Provinz nach Peking ziehen, um dort reich, berühmt oder beides zu werden). Mit zwei Jobs und ihrem geschiedenen Ehemann  sind es unglaublich anstrengende und schwierige Bedingungen ein Kind großzuziehen. Ich glaube ich habe das persönlicher genommen als sie selber. In China gibt es diese aufopfernde Hingabe für die Familie, die man so nirgends erlebt und ich finde das sehr interessant. Anders als in den USA, wo ein gutes Leben gleichbedeutend ist mit Karriere und Stabilität, doch viele Menschen fühlen sich von ihren Familien nicht unterstützt und daher isoliert. In China wiederum steht die Familie an erster Stelle – auch heute noch. Es geht darum, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen und das Essen zu teilen. Übrigens wurde auch ich von Frauen aufgezogen, meiner Mutter und meiner älteren Schwester, die sich immer darum bemüht haben mir eine vollste Unterstützung zu gewährleisten. In gewisser Weise kann ich den Kontext also nachvollziehen.

Wie siehst du deine Rolle als amerikanischer Filmemacher bei der Produktion eines chinesischen Films?

Das ist eine gute Frage. Ich sehe mich nicht ausschließlich als amerikanischen Filmemacher. In China werde ich immer ein Ausländer sein, auch weil Chinesisch eine viel zu schwierige und großartige Sprache ist, um sie perfekt zu beherrschen. Aber meine Identität als New Yorker vermittelt mir einen Zugang zu den unterschiedlichsten Kulturen. New York ist nicht nur eine amerikanische Stadt, sondern vor allem eine Weltstadt. Viele New Yorker haben einen anderen Blick auf Identität, aus dem einfachen Grund, weil sie von Menschen aus der ganzen Welt umgeben sind. Obwohl ich nie einen Film in New York gedreht habe, sind doch viele Dinge die ich absorbiere von dort, wie Farben, Gerüche oder Kulturen. In China habe ich als Filmemacher wieder andere Dinge absorbiert. Ich habe in einem Hu Tong(胡同), also einer der alten Pekinger Gassen, gelebt und habe es geliebt. Meine chinesischen Freunde haben mich dafür immer ausgelacht und meinten ich sei ein „Gulou“ oder Lama Tempel-Ausländer“ (鼓楼老外 /雍和宫老外). Ich liebe es aus den traditionellen Innenhöfen herauszukommen und den Menschen um mich herum zuzuhören. Da ist immer viel los und sie alle haben reichliche Geschichten zu erzählen. Dort zu leben ist eine Erfahrung fürs Leben. Mein Herz schlägt für China. Obwohl ich immer noch die Perspektive eines Fremden habe und auch banales immer wieder fasziniert, ist ein Teil meiner von mir chinesisch. Das ich nicht mehr wirklich eine Identität habe ist meine Identität. Ich möchte vor allem authentisch sein und das auch als Filmemacher beibehalten.

Dein Film wirkt nicht so als sei er von einem Nicht-Chinesen gemacht worden. Ich finde es besonders interessant wie es dir chinesische Transportmittel angetan haben. In San Fu Tian zeigst du eine ganze Reihe davon: Von Motorrädern über Lastwägen, Taxis und Zügen bis hin zu Bussen.

Das ist wundervoll. Es freut mich, dass du das erwähst. Es gab sogar noch mehr Transportmittel, die wir dann aber herausgeschnitten haben! China ist sehr dynamisch, das liegt nicht zuletzt an den hohen Transportmittel-Aufkommen. Die Menschen sind immer in Bewegung. Bei dem Film handelt es sich selbstverständlich nicht um einen Road-Movie, aber die Mutter muss auf der Suche nach ihrem Kind alle möglichen Mittel nutzen, Transportmittel inklusive.

Du hast erwähnt, dass dir die Authenzität des Films wichtig war. Meinst du mit Authentizität auch, dass du an ein chinesisches Publikum gedacht hast, als du deinen Film produziert hast?

Es gibt viele ausländische Filmemacher, die Filme in China drehen, die nicht für ein chinesisches Publikum gedacht sind. Letztlich hoffe ich natürlich, dass es sich bei meinem Film um eine universelle Geschichte handelt, die überall funktioniert. Ich glaube dass Film und jede andere Kunstformimmer auch mit Kulturaustausch zu tun hat. Mein Wunsch ist es also, einen kleinen Beitrag zum Austausch zwischen den USA und China und anderen Teilen der Welt zu leisten.