Gewinner des Silbernen Bären Acht Stunden, 17 Jahre: „Hele Sa Hiwagang Hapis“

Hele Sa Hiwagang Hapis | A Lullaby to the Sorrowful Mystery
Regie: Lav Diaz

Acht Stunden mögen einem für einen Film etwas lang erscheinen, doch „Hele Sa Hiwagang Hapis“ zeigt die ausgeprägte Schönheit des Kinos als Kunst der Zeit.

Ich muss diesen Text mit einer Entschuldigung beginnen. Meine rund 300 Wörter werden dem umwerfenden Film von Lav Diaz in keiner Weise gerecht. Der Grund liegt in simpler Mathematik: Bei 485 Minuten Spielzeit kann ich jeder Filmminute nicht einmal ein Wort widmen, und selbst wenn ich es könnte, ließen sich die Eindrücke, die dieser Film bei mir hinterlassen hat wohl kaum angemessen in Worten beschreiben.

In Hele Sa Hiwagang Hapis (A Lullaby to Sorrowful Mystery), dessen Handlung über 17 Jahre umspannt, beleuchtet Lav Diaz die Zeit des philippinischen Kampfes gegen die spanische Kolonialherrschaft am Ende des 19. Jahrhunderts. Das wunderbar paradoxe daran ist, dass dieser episch anmutende Film im Grunde absichtlich anti-episch und anti-heroisch ist. Während der gesamten Zeit sehen wir fast nie das Gesicht von André Bonifacio, dem Vater der philippinischen Revolution. Auch die Exekution des Dr. José Rizal, einer anderen Schlüsselfigur der Revolution geschieht abseits des Bildschirms; gezeigt werden nur Gewehrläufe, die aus der Richtung der Kamera kommen und schluchzende Frauen und zitternde Männern, mit denen wir in der Halbtotale direkt konfrontiert werden. Anstatt Allwissenheit vorzutäuschen, nutzt Diaz die acht Stunden zur Schaffung eines meditativen Erlebnisses, fast wie in Trance. Anstelle von heroischen Figuren sehen wir Menschen im Gewühl des alltäglichen Lebens, unter der Last ihrer Schwächen und Schuld, und gleichzeitig voller Anmut und Liebe. Das fortwährende Gesumme des tropischen Dschungels; das Chiaroscuro von stilvollen Schwarzweiß-Kontrasten; dazu das Markenzeichen von Diaz: Einzelbilder und lange Schnitte – in seiner Mystik und abstrakten Schönheit  ist jedes Einzelbild ein fotografisches Meisterwerk – der denkbar eleganteste Weg, um eine kollektive historische Wunde zu heilen.

Lav Diaz © Bradley Liew Ich ende mit einer Erinnerung an ein Abendessen mit Lav Diaz. Als ich im Jahr 2012 während des Internationalen Filmfests in Edinburgh als Dolmetscherin für den chinesischen Regisseur Wang Bing (王兵) arbeitete, nahm uns Lav Diaz mit zu einem Abendessen der Jury zu der er damals gehörte. Obwohl ich mich nicht mehr genau an unser Gespräch erinnere, habe ich noch klar die Aura der Coolness und Weisheit vor mir, die ihn umgab. Seine Augen scheinen das Leben durchdrungen zu haben, genau wie seine Kamera.