Berlinale-Blogger 2016 „Crosscurrent“: Ein Roadmovie auf dem Wasser

"Crosscurrent" | ©Berlinale

„Crosscurrent“ vom Regisseur Yang Chao (杨超) war 2016 der einzige chinesische Film im internationalen Wettbewerb der Berlinale. Bei diesem Roadmovie mit Boot übertrumpfen Atmosphäre und Bilder die Erzählung und Darsteller.

Wortwörtlich bedeutet der chinesische Filmtitel „Bild des Yangtze“ (长江图) und so ist Crosscurrent eine Eloge an den Yangtze Fluss. Einst die Muse vieler wichtiger Kunstwerke der chinesischen Geschichte hat sich dessen Bild seit dem Bau des Dreischluchtendamms drastisch verändert. Als Gao Chun (高淳) mit dem kleinen, rostigen und klapprigen Frachtschiff seines kürzlich verstorbenen Vaters flussaufwärts fährt, entdeckt er ein Manuskript mit Gedichten mit Fußnoten über Häfen entlang des Yangtze Flusses. Als er an diesen Häfen Halt macht, trifft er jedes Mal auf dieselbe mysteriöse Frau, An Lu (安陆).

An Lu hat viele Gesichter, sie ist Mutterfigur, Prostituierte, Liebhaberin, Kind, Femme Fatale, Nonne, eine Flussgöttin – sie ist gleichzeitig sündhaft und heilig, physisch und metaphorisch. So wirkt Gao Chuns Reise auf dem Yangtze Fluss wie eine Reihe durchlebter Reinkarnationen, Metamorphosen und Parallel-Welten, immer eingebettet in buddhistische Metaphorik und Symbolik. Doch so sehr Crosscurrent auch mystisch und verwirrend sein mag, es ist nicht vergleichbar mit Alain Resnais Meisterwerk Letztes Jahr in Marienbad (1961). Mystik und Poetik werden hervorgehoben durch ein Dutzend Gedichte und wechselwirkende Momente von Sozialrealismus, Romanze, Thriller, Krimi und Gangstertum – es wirkt manchmal so, als schwanke dieser ehrgeizige Film zwischen gewollter Ambivalenz und dem Wunsch verstanden zu werden – – auch die Erzählerstimme versucht beides gleichzeitig und endet letztlich in der Orientierungslosigkeit.

Der Kameramann von Crosscurrent, Mark Lee Ping-Bing, gewann den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung, indem er diese Orientierungslosigkeit mit einer unter atemberaubend schönen Inszenierung des Yangtze Flusses ausglich – ob im Angesicht von Nebel, Regen oder Sonnenschein. Seine Kamerafahrt ist reine Poesie erfüllt von faszinierenden Kontrasten zwischen Hell und Dunkel, Fluss und Land, offenen Landschaften und Aufnahmen begrenzter Innenräume, Urbanität und visuellen Zeitreisen, Nostalgie und Spiritualität.

Was mich noch lange begleiten wird sind die Momente in denen das Schiff durch die Morgen- und Abenddämmerung fährt und seine Silhoutte und die der Berge im Hintergrund verschwinden – das ist die Art Kino, die am meisten an chinesische Tuschemalerei und Kalligraphie erinnert, und die träumerischen Momente des Yangtze Flusses wiederauferstehen lässt.