Future Perfect Zwischen Reisfeld und Golfplatz

Shijia Haus, Zeitgemäßer Hausprototyp in Anlehnung an den traditionellen Hofhaustyp, Jiangxi
Shijia Haus, Zeitgemäßer Hausprototyp in Anlehnung an den traditionellen Hofhaustyp, Jiangxi | Foto: Rufwork.

Eine neue Generation von Architekten spricht sich gegen Massenbebauung und die Dominanz internationaler Stararchitektur in China aus. Durch ihre Arbeit im und mit dem ländlichen Raum geben sie Impulse für die Aufwertung und den zeitgenössischen Umgang mit Chinas gebauter Kulturlandschaft.

Massensiedlungen dekoriert mit französischen Plastiksimsen und griechischen Betonsäulen, aus dem Boden schießende Städte, manche davon zur Hälfte leer stehend, aber auch eine beachtliche Sammlung von internationaler Stararchitektur, einen Frank Gehry hier und einer Zaha Hadid dort – der Bauboom in China ist ungebrochen.

Landschaft und Reform

Die tiefgreifenden Reformen von Deng Xiaoping (邓小平) Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre, haben nicht nur das ökonomische Wachstum und den Erfolgskurs Chinas bestimmt, die anschließende Urbanisierung hatte drastische soziale Umbrüchen in der chinesischen Gesellschaft und Eingriffe in die Umwelt zur Folge.

Aus einer vornehmlich ländlichen Bevölkerung, die in kollektiv geführten Dörfern lebt, entwickelt sich seit Deng Xiaopings Reformen eine zunehmend städtische Bevölkerung. Heute liegt China’s Urbanisierungsrate bei 50 Prozent (2011), dabei ist es der Plan der Zentralregierung Chinas, bis zum Jahre 2030 die Urbanisierungsrate auf 70 Prozent zu erhöhen. Laut Chinas zwölftem Fünfjahresplan aus dem Jahr 2013, werden dabei bis zum Jahre 2025 etwa 350 Millionen Menschen in die Städte umsiedeln, das sind 40 Millionen mehr als die Gesamtbevölkerung der USA im Jahre 2012.

Im Rausch des Wachstums und im Drang nach Modernisierung werden Dörfer überbaut, versetzt, oder durch ganze Städten ersetzt. Der Erhalt und die Weiterentwicklung von lokaler Baukultur und Traditionen spielt zumeist eine untergeordnete Rolle.

Landschaft und Urbanisierung

Dabei ist sowohl die ländliche Bevölkerung als auch der ländliche Raum treibende Kraft für die Urbanisierung Chinas. Wenn auch in einem geringerem Masse als in den letzten Jahren, hat das Hukou (户口) Gesetz nach wie vor einen großen Einfluss auf die Verstädterung der Landschaft Chinas.

Mit diesem Gesetz wird unter anderem die Stadtbevölkerung von der Landbevölkerung getrennt. Infolgedessen wird die herkömmliche Beziehung von Land und Stadt in China im Zuge des Wachstums zunehmend untergraben und hinterlässt eine Landschaft, in der Stadt- und Landrechte aufeinanderprallen.

Folglich ist die klare Trennung von Stadt und Land nicht mehr zutreffend – im Gegenteil: Fischteiche grenzen an internationale Fabriken, Dörfer sind überbaut von Infrastruktur-Projekten, Reisfelder liegen neben Megawohntürmen und eingezäunten Golfplätzen, während fünfstöckige, halbfertige Einfamilienhäuser dicht inmitten von vernachlässigten Reisfeldern auf die Rückkehr ihrer Eigentümer aus der Stadt warten.

Landschaft und Architektur

Junge Architekten in China setzen sich vermehrt mit der Verstädterung des ländlichen Raumes und der Frage nach der Baukultur Chinas auseinander. Dabei sprechensie sich verstärkt für einen Umgang aus, der auf den lokalen Kontext eingeht und reagiert. Auf der Suche nach zeitgemäßen Alternativen greifen sie dabei auf traditionelle Material- oder Konstruktionstechniken zurück, beziehen Bewohner in den Bauprozess ein, und erweitern die konventionelle Architekturpraxis.

Unter der Schirmherrschaft der Universität Hongkong ist 2006 die Architekturgruppe Rural Urban Framework, kurz Rufwork, entstanden, die sich dieser Thematik angenommen hat. Gegründet von John Lin (林君翰) und Joshua Bolchover, arbeitet die Non-Profit Organisation vornehmlich mit sozialen Vereinen und Behörden im ländlichen Raum Chinas.

Die Universität ermöglicht die Arbeit im Spannungsfeld zwischen Forschung und Praxis, involviert Architekturstudenten, aber auch junge Architekten, die frei von kommerziellen Zwängen, nicht nur wissenschaftlich sondern auch praktisch, Ideen und Impulse für die rurale Landschaft in China entwickeln.

Auslöser für die Arbeit von Rufwork war eine Autofahrt in das Dorf Qinmo (琴模) in der Provinz Guangdong. Die achtstündige Reise führte von Hongkong über Shenzhen in das Perlflussdelta, bis zu sehr abgelegenen Dörfern an der Grenze zwischen Guangdong und Guangxi. Der Übergang von der städtischen zur ländlichen Agglomeration und der Blick auf eine Landschaft im Prozess der Urbanisierung warf für die Architekten die Frage auf, wie sie in diesem Prozess, der vornehmlich ohne Architekten und Architektur verläuft, wirksam sein können.

Seit nun schon sechs Jahren kann Rufwork auf die Entwicklung von über 18 Dörfern Einfluss nehmen. Abhängig von der Lage ist jedes Dorf sehr unterschiedlich von den Prozessen der Urbanisierung in China beeinflusst. Einige Dörfer sind komplett in ein dichtes städtisches Gefüge eingeschlossen; mit dem Wachstum der Stadt haben sie ihre Felder an Bauunternehmer aufgegeben oder wurden von großangelegten Infrastrukturprojekten von ihren Feldern abgeschnitten. Andere Dörfer wiederum lösen sich auf – traditionelle Gedenkstätten für die Vorfahren verfallen und Wohnhäuser sind verlassen. In einigen Fällen führt die der jungen Generation in die Städte dazu, dass die Kinder und die Alten im Dorf zurückbleiben und damit die soziale Dorf- und Familienstruktur zerrüttet wird.

Mit kleinen architektonischen Eingriffen geht Rufwork auf die jeweilige Situation der Dörfer ein. In Qinmo, baute Rufwork eine neue Schule und renovierte ein traditionelles Hofhaus. Das Hofhaus ist heute zum sozialen Zentrum des Dorfes geworden und zusammen mit der Kadoori-Farm Hongkong entwickeln die Dörfler im Hof des Hauses alternative Farmmethoden. In Shijia (石家) hat Rufwork ein zeitgemäßes Dorfhaus gebaut, dass den traditionellen Lehm-Hofhaustyp aufgreift und mit nachhaltiger Wasser- und Biogasversorgung verbindet und somit modernisiert. In Tongjiang (桐江) und Mulan (木兰) wurde Recycling von Bauschrott Leitthema für den Neubau der Schulen, und in Lingzidi (岭子底) und Taiping (太平) konnten die Dörfer mit der Renovierung und dem Neubau von Brücken wieder mit ihren Feldern verbunden werden.

In jedem Projekt hat Rufwork den Anspruch, einerseits mit den limitierten Mitteln, die für diese Projekte zu Verfügung stehen , eine zeitgemäße Architektursprache zu entwickeln und andererseits Architektur im Kontext des Dorfes und der Verstädterung der Landschaft zu verstehen. Mit ihrer Arbeit steigern sie nicht nur die Wertschätzung für die lokale Bautradition, sondern arbeiten auch Ansätze für eine nachhaltige Entwicklung der Dörfer in China aus und sind damit Vorreiter und gutes Beispiel für einen alternativen Ansatz im Umgang mit der Kulturlandschaft Chinas.
 

Der Artikel entstand im Zuge der Buchveröffentlichung Homecoming: Contextualizing, Materializing and Practicing the Rural in China, Gestalten Verlag 2013, für das Goethe-Institut. Das Buch Homecoming stellt weitere inspirierende Ansätze von den Architekten Huang ShengYuan, Hsieh Ying-chun, Hua Li, Liu Jiakun, John Lin, Meng Yan, Tong Ming, Wang Weijen, und Zhang Ke vor. Eingeleitet und historisch reflektiert wird Homecoming von Joshua Bolchover, Frank Dikötter, Juan Du, Yung Ho Chan, Cole Roskam, Philip Tinari, Robin Visser, und Zhu Tao.