Future Perfect Das Schaf im Wolfspelz

LAMM
LAMM | Foto (CC): Adam Schwarz

Wer nicht fragt, bleibt stumm. Weil Schweigen nichts verbessert, stellen die Redakteure des Onlinemagazins LAMM Fragen für einen nachhaltigeren Konsum. Unternehmen, seid achtsam!

Sie und ich, wir sind kritische Konsumenten, die über vieles nachdenken. Zum Beispiel: Kompostiert Starbucks eigentlich seine Kaffeesatzberge? Oder wie kommt das Möbelunternehmen Hinz und Kunz dazu, Tropenholz-Liegestühle anzupreisen? Dass uns solche Fragen beschäftigen, ist vorbildlich, nur braucht es, um tatsächlich etwas zu verändern, den richtigen Adressaten.

Aufklären und kritisch machen

Auch Alexandra Tiefenbacher stellt viele Fragen. Und sie will Antworten darauf. Von Starbucks, dem Tropenholz-Möbelgeschäft und vielen anderen Unternehmen, die aus ihrer Sicht ökologischer wirtschaften könnten. Über solchen Fragen, Ursachen und möglichen Lösungen brüten Tiefenbacher und ihre Kollegen in Zürich-Altstetten, wo LAMM seinen Sitz hat. Das Online-Nachhaltigkeitsmagazin nimmt Unternehmen unter die Lupe, wo wir anderen es nicht tun und schweigend weiterkonsumieren.

Hinter LAMM oder den Lämmern, wie die Redaktion sich selbst nennt, steckt eine Herde wissensdurstiger Umwelt-, Rechts- und Politikwissenschaftlerinnen sowie Berufsredakteure, die sich 2009 zu einem Studierendenverein zusammengeschlossen haben. Selbstironisch nennen sie sich die Liga der aussergewöhnlichen Montagsmailer, kurz LAMM. Ihre Mission: Leserinnen und Leser auf ihrer Website montagsmailer.ch über nachhaltigen oder vermeintlich nachhaltigen Konsum aufzuklären und zu kritischeren Verbrauchern zu machen.

Der Welt mehr Fragen stellen

Ein Nachhaltigkeitsmagazin zu gründen war nicht ihre Absicht, als Tiefenbacher im Gründungsjahr erstmals einen kritischen Leserbrief schrieb. Zu dieser Zeit dümpelte die frisch gebackene Umweltwissenschaftlerin und -pädagogin in diversen Praktika herum und hatte viel Zeit zum Grübeln. So wandte sie sich mit der Frage, warum es in der Stadt Zürich eigentlich keine Grünabfuhr – auf Hochdeutsch: Bio-Mülltonnen – gibt, an den Zürcher Tagesanzeiger. Die Zeitung druckte Tiefenbachers E-Mail ab; die Stadt Zürich antwortete ihr prompt. Verblüfft, dass auf eine Frage – auf ihre Frage! – eine Reaktion gekommen war, beschloss sie, der Welt fortan mehr Fragen zu stellen. Und so gründete sie zusammen mit ihrem WG-Kollegen und einem weiteren Freund die Montagsmailer-Liga.

Mittlerweile zählt die Herde der Lämmer bereits 15 Arbeitstiere. Sie alle arbeiten engagiert und freiwillig dafür, ihre 4.000 Leserinnen und Leser aus der Schweiz und Deutschland mit brisanter Konsumkritik zu versorgen. „Wir sind als Medium komplett unabhängig“, erzählt Tiefenbacher, „und durchleuchten das Konsumangebot deshalb viel stärker und kritischer als andere Umweltmagazine.“

Durch ehrliche Kritik zu verantwortlichem Handeln

Jeden Montag schicken die Montagsmailer einem Unternehmen eine E-Mail mit einer Frage, welche die Lämmer und ihre Leserschaft beschäftigt. Formuliert ist das Schreiben jeweils aus Sicht eines zufriedenen, aber kritischen Kunden. Dieser hakt beispielsweise beim großen Reiseveranstalter nach, der seine Hotels zu Unrecht als ökologisch zertifiziert anpreist. Frage und Antwort werden auf der LAMM-Webseite publiziert und in einen Beitrag mit Hintergrundinformationen und Kommentaren eingebettet. „Etwa 50 Prozent der Angeschriebenen antworten direkt, weitere 25 Prozent, wenn man sie daran erinnert“, so Tiefenbacher. Die betroffenen Unternehmen wissen dabei nicht, dass die „Lämmer“ dahinter stecken – denn diese wenden sich ja als interessierte Kundinnen und Konsumenten getarnt an die Firmen.

„Für manch einen mag diese Art von Journalismus etwas radikal klingen“, gesteht die Magazin-Chefin. Und vermutlich sehen die Firmen in den Montagsmailern eine Horde extremer Öko-Agenten, die tatkräftige Unternehmen an den Pranger stellen wollen. Doch um Hetze oder Verurteilung geht es LAMM nicht. Die Absicht dahinter sei vielmehr, Unternehmen durch ehrliche Kritik zu einem verantwortlicheren Handeln gegenüber Mensch und Natur anzuregen. „Konsumentenanliegen – und wir sind ja selbst Konsumenten – haben im Unternehmen mehr Gewicht und werden auch ehrlicher beantwortet als Medienanfragen“, weiß Tiefenbacher.

Mit Logik und Alltäglichem etwas ins Rollen bringen

Überraschend an den LAMM’schen Beiträgen ist die Perspektive, aus denen die Redaktion jeweils ein Thema beleuchtet. „Wir versuchen, uns von der gängigen Kommunikationsart der Umweltorganisationen zu unterscheiden und mit Logik zu argumentieren“, erklärt die Liga-Präsidentin. montagsmailer.ch will ein „Logik-Magazin“ sein, fern von Tränendrüsen- und Schimpffinger-Taktik. Überzeugen sollen intelligente und sachliche Argumente, die sogar ökologisch unsensiblen Menschen einleuchten. Die Berichte haben stets einen praktischen Hintergrund und zeigen Nachhaltigkeit nicht aus theoretischer Sicht, sondern aus dem Alltag heraus. Amüsant und aufschlussreich sind etwa die Beiträge der Rubrik „LAMM im Alltag“, in denen Redakteurinnen ihre Selbstversuche in nachhaltigem Leben dokumentieren – auch die gescheiterten.

Die Montagsmailer wollen „richtigen“ Nachhaltigkeitsjournalismus betreiben, mit Beiträgen, die fachlich in die Tiefe gehen, weil Umweltwissen die Basis und der Journalismus das Mittel zum Zweck ist. Und diese Arbeit zahlt sich aus: Rückmeldungen von Mitarbeitern häufen sich, die dank der Berichterstattung über ihr Unternehmen intern etwas ins Rollen bringen konnten. Auch die Leserzahlen steigen kontinuierlich, und immer öfter melden sich Interessierte, die gerne bei LAMM mitschreiben möchten.

Fünf Jahre nach Tiefenbachers Leserbrief können die Bewohner Zürichs übrigens ganz selbstverständlich ihr Grünzeug entsorgen. Zugegeben, der Grünabfuhr-Erfolg ist nicht direkt auf dem Mist der Lämmer gewachsen, aber sicherlich waren ihre Fragen guter Dünger. Die „Lämmchen“ von damals sind mittlerweile zu einer robusten, selbstbewussten Schafherde herangewachsen, die ihren Weg über die eigene Weide hinaus fortsetzen wird. Ob sie die Landschaft verändern werden? Dies steht ausnahmsweise außer Frage.