Die Büro-Revolution Raus aus dem Büro, rein in den Coworking-Space

SMART·withus, Xiamen, FujianProvince
SMART·withus, Xiamen, FujianProvince | © SMART·withus

Ein Taxi bestellt man sich mit der chinesischen App Didi, etwas zu Essen mit einem der in China angesagten Lieferservices wie ele.me (饿了么, zu Deutsch: „Hast du Hunger?“), und will man wegfahren, muss man sich nur die Reise-App Ctrip (携程) herunterladen, um Flüge, Hotels und Tickets zu buchen. Jetzt kann man sich in China mit der App Mozzos (墨社) auch noch den eigenen Büroplatz aussuchen.

Die Zeiten haben sich geändert. Das Internet bestimmt allmählich den Großteil unseres Lebens: vom Shoppen über die Mahlzeiten bis hin zur Mobilität. Warum also zum Arbeiten in das immer gleiche Bürogebäude tigern?

Im neuen Zeitalter sollte der eigenen Schreibtisch nicht mehr an einen bestimmten Ort in irgendeinem Büroturm gebunden sein. Vielmehr sollten sich sowohl der klassische Büroangestellte wie auch der neue Typus des Freiberuflers immer genau das konkrete Arbeitsumfeld aussuchen, in dem er die meiste Anregung für die Entfaltung seines Potentials bekommt. Sei es, weil es dort so gut nach Kaffee duftet, wegen der schicken Einrichtung oder weil man dort die richtigen Leute trifft. Tatsache ist: Die amerikanische Idee des „Sharing Office“ hält nun auch in China Einzug.

Wie aber kann man den Menschen, die gerne flexibel arbeiten möchten, dabei helfen den richtigen Büroplatz zu finden? Eine Antwort auf die Frage nach dem Büro der Zukunft bekommt man bei Zhang Fan (张帆), der mit Mozzos die erste chinesische Social-Media-Plattform für Bürogemeinschaften gründete.

Die Büro-Revolution

Zhang Fan oder „Uncle Rice“ (fan-shu饭叔), wie Bekannte ihn in Abwandlung seines chinesischen Namens nennen, empfängt zum Interview in einem Coworking Space. Beim Betreten der Bürolounge steigt mir der Duft von Kaffee in die Nase. An über den Raum verteilten Bistrotischen sitzen Mitarbeiter, die entweder an ihren Laptops arbeiten oder miteinander plaudern. Zu einer Seite schließt sich ein Arbeitsbereich an, der sich durch durchsichtige Glaswände in mehrere Bürokabinen teilt. Dort machen sich verschiedene Typen von Start-Up-Unternehmern gerade an die Arbeit.

Zhang Fan bestellt sich erst einmal einen Kaffee. Da er heute noch nichts gegessen hat, schiebt er sich mit der Entschuldigung, er sei erst nach drei Uhr ins Bett gekommen, während er die Fragen beantwortet, immer wieder einen Keks in den Mund.

Seit er sich vor sechs Jahren selbstständig gemacht hat, gehört Schlafmangel für Zhang Fan eigentlich zur Normalität. Er erzählt, wie er vor der Gründung von Mozzos einmal an einer von einem Consultingunternehmen organisierten Veranstaltung teilgenommen hatte, bei der es darum ging, den besten Geschmack einer Sojasoße zu bestimmen. „Eigentlich ein komplizierter Marktforschungsprozess, aber wir waren innerhalb von zwei Stunden fertig. Wie hatte man das geschafft?“ Die Beraterfirma hatte für die Testaktion einfach verschiedene Fachleute in ein Großraumbüro eingeladen, um dort ein Brainstorming über das Aroma von Sojasoßen zu machen.

„Offene Räume öffnen auch gedanklich Räume“, meint Zhang Fan, „verglichen mit den Kemenaten eines Bürogebäudes kommt man in so einem Gemeinschaftsraum viel einfacher zu dem, was man braucht!“ Nachdem Zhang Fan das verstanden hatte, ließ ihn die Idee nicht mehr los. „Das Konzept des Büro-Sharing sollte jedem zur Verfügung stehen, ganz egal, ob man als Büroangestellter, Unternehmer oder Freiberufler tätig ist. Teilen macht das Leben lebenswerter und die Arbeit macht so einfach mehr Spaß. Doch das wichtigste ist, die Sharing-Economy zur größtmöglichen Entfaltung zu bringen.“

Um seine Idee zu verbreiten und es den Interessenten zu ermöglichen, die für sie geeigneten Räume noch schneller und einfacher zu finden, suchte sich der studierte Softwareingenieur Mitstreiter, mit denen er erst einmal ein Internet-Portal einrichtete, den Vorläufer von Mozzos. Wenn es ums Geschäft geht, hat Zhang Fan hohe Ansprüche: „Mein Credo war immer: Wenn wir nicht in der Lage sind, aus der Kundenperspektive über Probleme nachzudenken, sind wir nur Programmierer und keine Ingenieure. Man muss die Fähigkeit haben, konstruktiv zu denken.“

Seit gut einem Jahr hat Mozzos nun Informationen von über 1.000 Coworking Spaces aus ganz China gesammelt, teilweise auch aus Hongkong und Taiwan. Jedes Gemeinschaftsbüro kann bei Mozzos eigene Daten eintragen, Fotos hochladen, eigene Wünsche formulieren oder nach Kooperationen suchen. „Jeder Raum hat seine eigene Location und Spezifik und jeder stellt sich anders dar. Im Grunde genommen bieten wir eine Bühne an, auf der man sich präsentieren kann. Wir arbeiten daran, zu einem Kartennetz für Coworking-Räume in China zu werden. Auf die von uns gesammelten Daten kann von den Usern frei zugegriffen werden. Wir treten nicht als Vermittler auf, wir sind nur der Knotenpunkt, an dem die Informationen zusammenlaufen.“

  • 3W Shanghai Space © 3W Shanghai Space
    3W Shanghai Space
  • 27 Bund, Shanghai © 27 Bund
    27 Bund, Shanghai
  • baseCO, Shanghai © baseCO
    baseCO, Shanghai
  • COHUB, Shanghai © COHUB
    COHUB, Shanghai

Vom konkreten Raum zur Community

Öffnet man heute die Mozzos-App, zeigt einem das intuitiv zu bedienende Interface die verschiedenen „Büros“ in der Nähe an. Wer einen Büroraum sucht, muss nur in die App gehen, um dessen geografische Lage und Ausstattung sowie die Profile der dort arbeitenden Personen und Teams und deren Bewertungen des Raums abzurufen. „Die App kann dir außerdem das nahest gelegene Büro sowie die genaue Entfernung anzeigen. Über ein Navigationssystem kann man sich ein Taxi dorthin bestellen oder auch ein Rad über die beliebte Fahrradverleih-App mobike (摩拜单车) buchen.“

Eine einfach zu bedienende App, die es einem ermöglicht noch schneller ans Ziel zu kommen und ganz nach persönlichem Geschmack auszuwählen. Aber – ist das schon alles? Einfach nur Menschen und Räume zusammenzubringen, das trifft die Idee des Büro-Sharing noch nicht im Kern. „Ich möchte die Art, wie die Menschen arbeiten, verändern. Es geht nicht nur darum, aus konkreten Räumen verschiedene Arbeitsorte auszuwählen, sondern vielmehr darum, Formen der Zusammenarbeit mit verschiedenen Menschen zu finden. Das reicht von der Möglichkeit die eigenen Fähigkeiten oder die des Teams zu darzustellen bis hin zu einem effizienteren Arbeiten und der Reduktion des Arbeitsaufwands.“

Wie man sieht: Bei Mozzos kann jeder Nutzer eines Gemeinschaftsbüros mit den jeweiligen Büropartnern Kontakte knüpfen, einen Kaffee trinken oder über das eigene Startup reden. Man will mehr über sein Gegenüber wissen? Bei Mozzos findet man mit einem Klick die wichtigsten Informationen. Das erspart einem peinliche Vorstellungssituationen. Brauchst du irgendetwas? Poste es einfach in der Community und lass dir von den anderen helfen. Verbinde dich mit mehr Menschen und teile noch mehr Ressourcen. „Es ist auch möglich Einladungen zu verschicken, um gemeinsam eine Party zu feiern oder eine Kunstaustellung zu organisieren. So findet man die besten Freunde. Wir bringen diesen Arbeitsstil immer mehr Menschen nahe, das ist einfach großartig!“

Im letzten halben Jahr wurden immer mehr Räume und Menschen bei Mozzos verzeichnet. Die Leute haben ihre Räume dort angemeldet, ihre Marken und Teams registriert oder haben sich von Mozzos geeignete Büros empfehlen lassen. Für Zhang Fan ist dies das größte Erfolgserlebnis. Mozzos hat in ganz China bereits über tausend Coworking-Räume rekrutiert, darunter über 600 Gemeinschaftsbüros. Und erst vor kurzem konnte die weltbekannte Co-Creation Firma Impact Hub mit Mozzos Unterstützung in Shanghai ihre erste Niederlassung eröffnen, so dass sich nun beide Firmen gemeinsam für ihr Anliegen eines „sozialen Unternehmertums“ einsetzen.   

In einem Positionspapier schreibt Zhang Fan: Der Firmenname „Mozzos“ leitet sich kulturell gesehen von der philosophischen Schule der Mohisten ab. In der Blütezeit chinesischer Philosophie, zur „Zeit der Hundert Schulen“, sprach sich der chinesische Philosoph Mozi (墨子, 5. Jh. v. Chr.) für den Zusammenhalt aller Familien, für Zusammenarbeit und Innovation aus. Damit war er wahrscheinlich der erste innerhalb der chinesischen Geschichte, der in die Richtung von Coworking-Räumen dachte; in diesem Sinne hoffe ich, dass unsere soziale Plattform unserer Gesellschaft etwas geben kann.