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1378(km)

1378 km
© Jens M. Stober

DE
2010
Computerspielmodifikation basierend auf Half-Life 2 (2004)
PC

Das Multiplayer-Spiel 1378(km) zeichnet die deutsche Geschichte entlang der 1378 Kilometer langen Grenze nach, die Deutschland bis 1989 in zwei Staaten geteilt hat. 1378(km) versetzt die bis zu 16 Spielenden ins Jahr 1976 und an detailliert nachgebildete Grenzabschnitte, wo es sie zwischen zwei Rollen wählen lässt: Sie können als Flüchtlinge versuchen, den Todesstreifen zu überwinden und so von der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) in die Bundesrepublik Deutschland (BRD) zu fliehen. Oder sie wählen die Rolle eines DDR-Grenzsoldaten, dessen Aufgabe es ist, die Flüchtenden am Überqueren der Grenze zu hindern.

Den Grenzsoldaten der DDR wurde stets suggeriert, dass Fluchtversuche mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern seien. Die Anwendung von Schusswaffen war ein probates Mittel, um den Absperrmaßnahmen der DDR die nötige Glaubhaftigkeit zu verleihen – und das, obwohl der Schusswaffengebrauch geltendem DDR-Recht widersprach. Gewinnen kann man das Spiel 1378(km) deshalb nur dann, wenn man nicht schießt. So haben die Spieler*innen in der Rolle des Grenzsoldaten auch die Möglichkeit, Flüchtlinge ohne Anwendung von Gewalt zu verhaften oder gar selbst zu Flüchtlingen zu werden. Erschießen sie in der Rolle eines Grenzsoldaten einen Flüchtling, werden sie nach der Wiedervereinigung Deutschlands in einem Mauerschützenprozess zur Verantwortung für ihre Tat gezogen.

Trotz des pazifistischen Ansatzes entschied sich Jens M. Stober, damals noch Student der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, für ein Spiel aus der Ego-Shooter- Perspektive und entwickelte 1378(km) als Half-Life-2-Mod. Dies ist sicherlich einer der Hauptgründe für den Medien- Skandal, welchen 1378(km) noch vor seiner Veröffentlichung auslöste. Eigentlich sollte das Spiel anlässlich des 20. Jahrestages der Wiedervereinigung am 3. Oktober 2010 erscheinen. Doch die negative Berichterstattung großer deutscher Printmedien, die das Spiel als ›widerwärtig‹ und ›geschmacklos‹ bezeichneten, sowie das gewaltige negative Echo seitens der deutschen Politik und der Opferverbände stoppten dieses Vorhaben. Und das, obwohl bis dahin außerhalb der Karlsruher Hochschule noch niemand das ganze Spiel kennengelernt hatte. Im Internet existierte zu diesem Zeitpunkt lediglich ein kurzer Trailer, der allerdings zu einer Anzeige gegen Jens M. Stober wegen Gewaltverherrlichung führte. Die Anzeige gegen den Studenten wurde schließlich fallen gelassen, das Spiel mit einiger Verspätung im Dezember 2010 veröffentlicht.

Wie die meisten Spiele der Ausstellung wird auch 1378(km) in die Kategorie der ›Serious Games‹ eingeordnet. Diese Spiele behandeln ›ernste‹ Themen und dienen nicht ausschließlich der Unterhaltung, sondern vermitteln gleichzeitig spezifische Inhalte dokumentarischer oder bildungsrelevanter Natur. Dennoch stellt sich die Frage, ob ein als Mischung aus Geschicklichkeitsspiel und Adventure inszeniertes Game dem Themenkomplex Migration und Flucht gerecht werden kann. »Wenn Menschen an individuelle und politische Grenzen geraten,«, so Christian Huberts, »stoßen Computerspiele vorläufig an ihre Grenzen.«

Das Spiel von Jens M. Stober polarisiert und trägt damit zu den bereits kontroversen und heterogenen Erinnerungskulturen eines einstmals durch zwei Diktaturen gebeutelten Landes bei.

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