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Escape from Woomera

Escape from Woomera
© The escape from Woomera project team

AU, NZ
2004
unvollendet / unfinished
Computerspielmodifikation basierend auf Half-Life,
PC

Bei Escape from Woomera handelt es sich um eines der ersten explizit politischen Spiele der Computerspielgeschichte und um eine der ersten Computerspielmodifikationen, die im Kontext bildender Kunst Beachtung fand. Als sich 2003 ein Team von teilweise nach außen anonym bleibenden Designer*innen, Künstler*innen und Journalist*innen in Australien und Neuseeland zusammenfand, um das Spiel zu entwickeln, ging es ihnen nicht nur darum, auf die rigide Flüchtlingspolitik Australiens aufmerksam zu machen. Das Team wollte auch zeigen, dass ein Computerspiel durchaus in der Lage ist, sich ernsthafter und aktueller politischer Themen anzunehmen.

Escape from Woomera siedelt seine Handlung in einem Aufnahme- und Internierungslager in Australien an – man strandet als illegaler Asylsuchender im Woomera Immigration Reception and Processing Centre, dem größten Lager des Landes. In Woomera, das in der südaustralischen Wüste liegt, kam es immer wieder zu Ausbrüchen und Aufständen im Lager, um gegen die Situation dort zu protestieren. Organisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch machten auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam. Das Lager in Woomera wurde im Jahr 2003 schließlich geschlossen. Daraufhin wurden die verbliebenen Bewohner*innen in ein anderes Lager in Südaustralien umgesiedelt. Da den Medien der Zugang zu den Internierungslagern verwehrt wurde, wandten die Entwickler* innen sogar investigative Methoden an, um Informationen über das Lager in das Spiel zu integrieren. Vor allem aber basiert Escape from Woomera auf Erfahrungsberichten von ehemaligen Bewohner*innen des Lagers, mit denen die Entwickler*innen zum Teil sehr enge Freundschaften unterhielten und bis heute unterhalten. In Escape from Woomera steuern die Spielenden den Asylsuchenden Mustafa, der eine Schlepperbande bezahlt hatte, um ihn aus dem Iran zu bringen, wo seine Eltern ermordet wurden. Nach drei Monaten in Woomera wird Mustafas Asylantrag abgelehnt, sodass er sich zur Flucht entschließt, um der Deportation in den Iran und den daraus folgenden Konsequenzen wie Folter und Tod zu entgehen.

Die Spieler*innen haben die Aufgabe, aus dem Lager auszubrechen, indem sie verschiedene Aufgaben lösen und Kontakt zu anderen Bewohner*innen des Lagers aufnehmen. In Escape from Woomera wird die aus vielen konventionellen Computerspielen bekannte Energie- bzw. Zeitanzeige in eine ›Hoffnungsanzeige‹ umtituliert und somit zur Metapher menschlichen Überlebenswillens. Die Spielfigur verfügt nur über ein bestimmtes Kontingent an ›Hoffnung‹ – je nach Spielhandlung und -dauer steigt oder fällt dieses. Wird man beispielsweise bei einem Ausbruchsversuch gefasst und in Einzelhaft gesperrt, sinkt die Hoffnungsanzeige in Abhängigkeit zu den in Isolation verbrachten Stunden und Tagen. Bei erfolgreichem Handeln steigt die Hoffnung. Je schneller man Aufgaben löst,desto hoffnungsvoller wird die Spielfigur. Dem Entwicklungsteam war es ein großes Anliegen, kein Spiel über das Leiden und die Ohnmacht zu kreieren, sondern den Blick auf die Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit zu lenken: »It‘s like portraying the heroism aspect of the story rather than the victimhood«, betont Katharine Neil, die die Entwicklung des Spiels leitete. Da die Finanzierung eines von der Entertainment-Industrie losgelösten Spiels im Jahr 2004 noch mit erheblich höherem finanziellen Aufwand verbunden war als heute, entschied sich das Team für eine Modifikation des Spiels Half-Life und damit für die First-Person- Perspektive, die zu einer Identifizierung der Spielenden mit der Spielfigur beitragen sollte.

Escape from Woomera prägte die Diskurse um die politischen Dimensionen des Computerspiels sowie um das Genre des Newsgames entscheidend mit. Es wurde von NGOs kritisiert, die dem Entwicklungsteam die Trivialisierung eines existenziellen Problems vorwarfen und von Politiker*innen angegriffen, weil es eine staatliche Förderung von 25.000 AUD erhalten hatte. Trotz dieser Förderung wurde Escape from Woomera nie fertig gestellt.

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