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The Westport Independent

西港独立社
© Coffee Stain Studios

SE
2016
Computerspiel / Computer game,
Android, iOS, PC, Mac, Linux

Mit der gleichen moralischen Herausforderung wie Papers, Please widmet sich The Westport Independent der alltäglichen Wirklichkeit eines totalitären Regimes. Als Chefredakteur*in eben dieser Zeitung hat man zu entscheiden, ob man sich der diktatorischen Regierung beugt oder stattdessen die Rebellen unterstützt und in Folge davon Restriktionen zu fürchten hat.

Die Handlung setzt drei Monate vor Erlassung eines Zensurgesetzes in einem fiktiven Staat nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Die Regierung kommuniziert Vorschriften für unabhängige Tageszeitungen, um die Redaktionen auf das neue Gesetz vorzubereiten. Diese werden aufgefordert, propagandistische Nachrichten zu verbreiten, die Loyalität zur Regierung damit zu stärken und diese nicht in Misskredit zu bringen. Positive Inhalte über die Rebellengruppen zu publizieren, wird dagegen untersagt.

Spieler*innen werden während des Spielverlaufs mit moralischen Entscheidungen und ihren Konsequenzen – mit »wicked problems«, wie Miguel Sicart diese nennt – konfrontiert: Beim Redigieren von Zeitungsartikeln können Überschriften ausgetauscht und Passagen – zugunsten der Regierung – gelöscht oder verändert werden. Verschiedene Sachverhalte werden so wie Puzzleteile zusammengefügt. Dabei ist es möglich, regierungskritische Semantiken im Subtext der Zeitung zu transportieren und den Widerstand damit subtil zu unterstützen. Die Entscheidungen der Spielenden haben jedoch weitreichende Konsequenzen sowohl für sie selbst als auch für ihre Redakteur*innen, wodurch sie sich und andere in Lebensgefahr bringen können.

Drei Parameter bilden den Kern von The Westport Independent: Die öffentliche Meinung, der Verdacht der Regierung gegen die Redaktion und die Popularität der Zeitung in der Bevölkerung. Aus dem Verhältnis dieser Werte zueinander entwickelt sich das Gameplay des Spiels. Unterschiedliche Balken zeigen an, wie stark zum einen die Öffentlichkeit mit den Rebellen sympathisiert und zum anderen inwieweit man als Spieler*in von den Machthabern verdächtigt wird, die Zensurrichtlinien zu untergraben. Der Widerstand der Rebellen wird stärker, wenn Unzufriedenheit in den Artikeln ausgedrückt wird. Die Bevölkerung distanziert sich von den Rebellen, wenn sie direkt mit Gewalttaten in Verbindung gebracht und für diese verantwortlich gemacht werden. Als Chefredakteur*in geben die Spielenden die redigierten Artikel an ihre Mitarbeiter*innen zur Bearbeitung weiter. Jeder Journalistin und jedem Journalist im Spiel sind Hintergrundinformationen wie ihr Bildungsstand, Wohnort oder ihre sozialen Kontakte, eine eigene politische Meinung sowie spielrelevante Parameter zugeordnet: Eine Person zum Beispiel, die mit den Rebellen sympathisiert, wird eher dazu bereit sein, einen regierungskritischen Artikel zu veröffentlichen.

The Westport Independent – dessen erste Version innerhalb von 72 Stunden im Rahmen eines ›Game Jam‹ entstand – ist ein Spiel, das die komplexen Zusammenhänge von Meinungsbildung und Einflussnahme zum Thema hat. Es ist ein Spiel über politische und mediale Kommunikation, über Semantik, Zensur und Propaganda. Neben den drei Gewalten eines Staates (Legislative, Exekutive und Judikative) können die Massenmedien als ›Vierte Gewalt‹ zwar nicht direkt politisch wirken, jedoch durch Berichterstattung und öffentliche Diskussion das politische Geschehen maßgeblich beeinflussen.

Voraussetzung für eine souveräne Berichterstattung ist allerdings die Unabhängigkeit der Redaktionen, die in The Westport Independent nicht nur bedroht, sondern per Gesetz durch einen totalitären Staat ausgehebelt worden ist.

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