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Interview
Die Pause im künstlerischen Arbeiten (1/2)

Recherche 2019
Recherche 2019 | © Stella Geppert

In dem Projekt Inklusive Pause setzen sich die drei Berliner Künstlerinnen Stella Geppert, Nicole Wendel und Saskia Wendland im Austausch mit ihren chinesischen Kolleginnen Kang Qing, Gao Shan und Zhou Yinchen aus Shanghai und den Philosophinnen Iris Dankemeyer und Yang Junlei mit dem Thema Zeitlichkeit auseinander.

Von Silvan Hagenbrock

Gemeinsam erarbeiten sie eine Ausstellung, die sich nicht nur mit Formen der Zeitlichkeit in der ästhetischen Arbeit auseinandersetzt - sie reflektiert auch die zeitliche Verfügbarkeit und Präsenz von Frauen im Kulturbetrieb. Die geplante Ausstellung wird im November 2020 im Liu Haisu Art Museum in Shanghai gezeigt. Das Goethe-Institut China sprach mit der Philosophin Iris Dankemeyer, die das Projekt zusammen mit der Philosophin Yang Junlei mit gezielten Fragestellungen begleitet. Außerdem erzählen die drei Künstlerinnen aus Berlin über ihre künstlerische Praxis und Erfahrungen von einer ersten Recherchereise im November 2019 nach Shanghai.

Goethe-Institut: Was bedeutet für Euch die Pause in „Inklusive Pause”?
 
Stella Geppert: Was uns in unseren künstlerischen Arbeiten verbindet, ist dieses Zeitliche und sich mit dem Zeitlichen zu beschäftigen. Und um eine Setzung zu machen, im Hinblick auf das große Thema, schien uns der Titel „Inklusive Pause“ sehr humorvoll. Der Titel ist aber auch ein gesellschaftliches Statement, weil Arbeitszeit normalerweise nach Arbeitsstunden berechnet wird. Entweder fragt der Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin und der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerin: „Inklusive Pause?“. Dieser Begriff bezieht sich auf die Arbeitskultur und somit auch auf ein Verständnis von Zeitlichkeit, wie etwas mit einbezogen wird oder nicht.
 
Nicole Wendel: Die Pause, oder die Frage nach der Pause ist wesentlich für unser Projekt, weil sie etwas mit unseren künstlerischen Prozessen zu tun hat. Wie bereiten wir uns zum Beispiel auf unser künstlerisches Arbeiten vor? Und dann kann man wiederum fragen: Ist die Pause eine Pause, oder ist es ein anderer Seinszustand, der wiederum den nächsten Seinszustand vorbereitet? Aber in jedem Fall unterscheidet sich diese Pause von einem Arbeitsmodus. Iris Dankemeyer hatte das so schön gefragt, nämlich, wenn man die Pause inkludiert, ist sie denn dann überhaupt noch eine?
 
Iris Dankemeyer: Ja, eine Pause ist eine Gegenwart. Nach Augustinus Aurelius (354–430 n.Chr.) gibt es eigentlich keine Vergangenheit und keine Zukunft, es gibt nur die Gegenwart. Die Vergangenheit ist nur die Erinnerung in der Gegenwart und die Zukunft ist nur die Erwartung in der Gegenwart. Ein bisschen ist die Pause ja auch so, man muss erst mal verkraften, was man erlebt hat und wie man sich in China getroffen hat. Man muss diese Bilder abrufen und verarbeiten. Dann muss man anfangen nach vorne zu denken. Was möchte man das nächste Mal tun? Was könnte als nächstes kommen? Ich glaube für mich ist eine Pause ein Moment der Transition. Dafür ist es wichtig, dass man diesen Abstand hat.

 © Saskia Wendland
Saskia Wendland: Die Pause ist ein essentieller Moment für unsere künstlerische Arbeit. Es ist dieser Zeit-Raum, dieser Zwischen-Raum, in dem ja nicht die Zeit stehen bleibt, sondern in dem sie eher eine besondere Qualität bekommt – hervorgerufen durch eine Art Innehalten. Und ja, ich denke auch, dass es dabei vor allem um einen mentalen Zustand geht.
 

Es gibt eigentlich keine Vergangenheit und keine Zukunft, es gibt nur die Gegenwart. Die Vergangenheit ist nur die Erinnerung in der Gegenwart und die Zukunft ist nur die Erwartung in der Gegenwart.

Augustinus Aurelius (354–430 n.Chr.)

 
Wie begleitest Du das Projekt  „Inklusive Pause” als Philosophin, Iris?
 
Iris Dankemeyer: Ich begleite die Reflexion der Künstlerinnen zum Thema und versuche, einige Denkimpulse zu geben. Zum Beispiel stelle ich ihnen ein paar Zitate zusammen. Ich stelle viel mehr Fragen als ich beantworte: Verstehen die Künstlerinnen unter Zeit nun eine messbare, abstrakte Quantität wie die Uhrzeit oder eine subjektive Qualität, ein persönliches Zeitempfinden? Vergessen sie die Zeit, wenn sie in ihren Studios arbeiten? Und soll Kunst eigentlich zeitlos oder zeitgenössisch sein? In Shanghai haben wir auch allgemeiner philosophiert, die Begegnung mit der Stadt war für uns alle eine intensive Erfahrung. Da fast alles anders ist, stellt man das Eigene automatisch infrage. Natürlich ist Philosophie heute eine Spezialdisziplin, aber man darf auch nicht vergessen, dass sie doch auch ein Allgemeingut bleibt. Gedanken zu existentiellen Fragen und der eigenen Lebenszeit beschäftigen fast alle Menschen. Die Philosophie macht sich halt etwas systematischer Gedanken.
 
Welche Rolle spielt Zeitlichkeit im philosophischen Diskurs?
 
Iris Dankemeyer: Eine große natürlich. Mir fällt gleich ein Zitat von Augustinus Aurelius ein: „Wenn mich niemand darüber fragt [was Zeit ist], so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.“ Schwer zu sagen! Ein sehr berühmter Titel ist natürlich Sein und Zeit von Heidegger (1889–1976). Der behauptet, die Philosophie habe bisher quasi zu gegenständlich und gegenwärtig gedacht und die Zeit als Schlüssel zum Sein vernachlässigt. Bei Kant (1772–1804) sind Zeit und Raum Formen der transzendentalen Ästhetik; Anschauungsformen, die angeblich unabhängig von der Erfahrung existieren. Die Frage nach der Zeit hat die Philosophen eigentlich in jedem Jahrhundert wieder beschäftigt und eine einfache Definition gibt es nicht. Die Künstlerinnen hatten in Shanghai selbst schon einen aktuellen philosophischen Titel im Gepäck: Über die Zeit von François Jullien. Da geht es um den europäischen Zeitbegriff im Gegensatz zur chinesischen Zeitauffassung.
 
„Zeit im künstlerischen Prozess” - Was genau versteht ihr darunter?
 
Stella Geppert: Der größte Werkzyklus von mir ist bisher durch Nichtstun entstanden. Eine Art des Zurücklehnens und Abwartens, was entscheidend und existentiell ist. Ich habe eine Technik für mich entwickelt, dass ich mich mit bestimmten Fragestellungen in einen Modus der Tiefenentspannung versetze. In den 20 Minuten erlebe ich ein aktives Denken im Halbschlafzustand. Mit meinem Körper verankere ich mich im Atelier. Ab wann erschaffe ich eine Präsenz innerhalb des Raumes und mit dem Bezugssystem zu den Objekten, an denen ich arbeite, zu den Materialien, mit denen ich arbeite? Das heißt, es ist auch immer eine Verhältnisforschung und eine Präsenzforschung. Sowohl im Moment des Schlafens und im Moment des Nichtstuns werden im körperlichen Prozess als auch im schöpferischen und inspirativen Prozess, Dinge aktiviert und Quellen angezapft, die von besonderer Bedeutung sind.
 
Saskia Wendland: Dieser Moment des Nichtstuns ist ja eine aktive Passivität. Absichtslos zu sein, aber innerlich diesen Raum zu schaffen, in dem man wach ist, um eine Inspiration oder einen Impuls wahrzunehmen. Das Nichts – so viel wie möglich nichts zu schaffen – ist die Grundlage, Teil der Vorbereitung und Teil des Prozesses. Das Vorbereiten und das Einstimmen darauf, wie ich arbeite und was ich brauche, um zu arbeiten, ist sehr wichtig.
 © Nicole Wendel
Nicole Wendel: Dahinter verbirgt sich die Frage: Wann beginnt Kreativität? Somatische Körperarbeit zum Beispiel ist ein ganz wichtiges Feld für mich. Es ist so, dass die Zeit oder die Zeitlichkeit im kreativen Arbeiten nicht in dem Moment, in dem man eine Form von Produkt herzustellen beginnt, sondern viel früher beginnt. Sie beginnt, wenn ich morgens zu Hause ganz banal die Waschmaschine ausgeräumt, meine Kinder versorgt und ich meinen Kaffee getrunken habe. Ich bin währenddessen dabei, mir einen Weg zu bahnen, der überhaupt in einen möglichen Freiraum führt, in dem künstlerische Arbeiten entstehen können oder auch nicht. Ich will damit nur sagen, dass es notwendig ist, die Tätigkeiten und ihre spezifische Zeitlichkeit vor und nach der eigentlichen künstlerischen Tätigkeit mit in Betracht zu ziehen, um das kreative Arbeiten überhaupt zu verstehen.

In dieser Aussage steckt schon ein Unterschied. Es meint beides dasselbe, dass etwas in Bewegung ist. Aber Aristoteles fasst das viel abstrakter und bei Konfuzius ist es ein Bild.

Konntest Du in Shanghai so etwas wie eine ähnliche Zeitauffassung feststellen, Iris? Und kannst Du deinen Austausch mit der Philosophin Yang Junlei in Shanghai beschreiben?
 
Iris Dankemeyer: Wir waren beide gleichermaßen sehr neugierig aufeinander. Wir haben beide auch ein bisschen gerätselt, was die Künstlerinnen eigentlich von uns erwarten. Üblicherweise werden wir ja erst gefragt, wenn ein Kunstwerk bereits fertiggestellt wurde. Dann kann man mit der Interpretation anfangen. Bereits während eines künstlerischen Prozesses einzusteigen ist unüblich. Wir fingen dann an uns auszutauschen. Ich habe Aristoteles zitiert, dass Zeit Bewegung sei und daraufhin nannte sie Konfuzius, dass Zeit ein Fluss sei. In dieser Aussage steckt schon ein Unterschied. Es meint beides dasselbe, dass etwas in Bewegung ist. Aber Aristoteles fasst das viel abstrakter und bei Konfuzius ist es ein Bild. Mir ist auch aufgefallen, dass ich nicht so leicht poetische Bilder finden kann wie Junlei. Sie ist quasi Konfuzius, ich bin eher Aristoteles.
 
Welche Rolle spielt die Materialität in der Darstellung von Zeit und Zeitlichkeit im künstlerischen Prozess?
 
Nicole Wendel: Materialität hat verschiedene zeitliche Dimensionen. Für mich ist zum einen die Zeichnung etwas sehr Direktes und sehr Unmittelbares, in der innerhalb einer Linie Zeit gespeichert, sortiert und aufgezeichnet werden kann. Das Format der Performance ist für mich wie, wenn eine Zeitdehnung innerhalb der Zeit passiert. Ich bin fasziniert von dem gemeinsamen Schaffen einer bestimmten Konzentration, die nicht nur von mir als Performerin entsteht oder eine Voraussetzung ist, um überhaupt eine Performance zu machen. Vielmehr bin ich an der Rückkopplung interessiert und in dem gemeinsamen Erleben durch das Publikum, wobei eine gemeinsame Zeitlichkeit entsteht. In meinen Performances arbeite ich häufig mit natürlichen Materialien, wie Kreide und Kohle. Das sind Zeichenmaterialien, die aus einer bestimmten Zeit heraus entstanden sind und, die die Natur in bestimmten zeitlichen Prozessen und Abständen hervorgebracht hat. Der chinesische Maler Liu Haisu (1896–1994) - Namensgeber des Museums in dem unsere gemeinsame Ausstellung in Shanghai stattfinden wird - hat selbst viel in den Nebelbergen gearbeitet und gezeichnet. Für mich ist diese Verbindung von Ort zu Körper ein wesentlicher Aspekt meiner Arbeit.
 
Stella Geppert: Einen Stein zu bearbeiten braucht wahnsinnig viel Zeit und hat immer auch etwas Klingendes. Die Resonanz zwischen Material und der Körperlichkeit, sich dem Material widmen sowie das Durchdringen des Materials sind zentrale Aspekte des bildhauerischen Prozesses. In diesen Aspekten ist die Zeitlichkeit bereits verankert. Das heißt, wenn ich mich entscheide, performative Tonskulpturen zu machen, dann verliert - auf die Dauer hin betrachtet - der Ton an Feuchtigkeit und verändert damit auch seine Materialität. Und ich glaube, dass dieser Aspekt auch für unser Projekt interessant sein kann, denn in Asien ist der Umgang mit Materialien und Zeitlichkeit traditionell ganz anders verankert als in dem Materialismus der abendländischen Kultur.
 
Saskia Wendland: Ich muss da gerade an mein Studium der Kalligraphie in Kyoto denken. Die Materialien wurden immer sorgfältig ausgewählt und vorbereitet. Allein das Anreiben der Tusche hat seine besondere Zeitlichkeit. Und dann der Moment, in dem der Pinsel auf das Papier gesetzt und gezogen wird – die Berührung von Pinsel und Papier, das Einziehen der Tusche ins Papier und natürlich die Bewegung des Körpers beim Schreiben. Diese Unmittelbarkeit des Setzens von Zeichen hat mich beeinflusst. Mir ist sicherlich auch daher die Zeichnung so nah.
  •   © Nicole Wendel
  •   © Nicole Wendel
  •   © Saskia Wendland
Die chinesische Philosophie ist also für die Künstlerinnen dankbarer, Iris?
 
Iris Dankemeyer: Ja. Junlei hatte zum Beispiel gleich bei der ersten Vorstellungrunde das Bild einer Zeitmaschine in ihrem Vortrag gezeigt. Es zeigte einen Brunnen, eine abstrakte Sanduhr nur mit Wasser. Die Künstlerinnen haben dann gleich gesagt: „Vielleicht bauen wir alle eine Zeitmaschine.“ Das war ein Motiv, das sofort begeistert hat. Ich persönlich denke sehr stark in Gegensätzen: Zeit ist subjektiv, aber auch objektiv, hat ein quantitatives Moment, aber auch ein qualitatives. Junlei fällt stattdessen eine Zeitmaschine ein.
 
Wie reflektiert ihr die zeitliche Verfügbarkeit und Präsenz von Frauen im Kulturbetrieb?
 
Stella Geppert: Wenn man in die Kunstgeschichte zurückblickt und ins Jetzt schaut, ist die Fragestellung, wie Frauen in dem Kulturbetrieb vertreten sind, so virulent, dass das kollektive solidarische Arbeiten von Künstlern und Künstlerinnen als gesellschaftlichen Beitrag extrem verstärkt werden muss. Es sind nach wie vor zu wenige Frauen im Kulturbetrieb und zu wenig werden sie gesehen, sodass wir in diesem Hinblick mit unserem Projekt einen ganz wichtigen Beitrag leisten möchten.
 
Wie geht es jetzt weiter?
 
Saskia Wendland: Wir haben zunächst zu sechst zwischen uns Künstlerinnen über die App „WeChat” einen Austausch begonnen, weil das eine Plattform ist, die für uns alle zugänglich ist. Wir schicken uns gegenseitig Bilder mit Kurzbeschreibungen von Arbeiten, Skizzen und Ideen, die in dem Prozess entstanden sind. Und das andere ist ein Archiv mit Inspirationsquellen. Bis zum Sommer 2020 muss größtenteils alles klar sein, was wir in der Ausstellung im Liu Haisu Art Museum im November zeigen möchten, da die Zensurbehörde alles durchgehen muss.
 
Stella Geppert: Via WeChat möchten wir drei uns in Berlin und die drei Künstlerinnen in Shanghai stärker im Hinblick auf den künstlerischen Prozess und die spezifische Zeitlichkeit in den Arbeiten auseinandersetzen. Es war angedacht, dass wir uns als jeweilige deutsche und chinesische Gruppe Handlungsanweisungen zum Thema Zeitlichkeit schicken, sodass dann von den jeweiligen anderen Seiten her eine künstlerische Arbeit entsteht, die in der Ausstellung unseren Dialog sichtbar macht.  
 

INKLUSIVE PAUSE – EINE ZEIT NEBEN VIELEN ANDEREN

Ein Ausstellungsprojekt initiiert von den Berliner Künstlerinnen Stella Geppert, Nicole Wendel und Saskia Wendland im Dialog mit den Künstlerinnen Kang Qing, Gao Shan und Zhou Yinchen aus Shanghai sowie den Philosophinnen Iris Dankemeyer und Yang Junlei.

Weitere Informationen zu den Projektteilnehmerinnen gibt es hier.

Das Gespräch führte Silvan Hagenbrock. 

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