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Interview
Die Pause im künstlerischen Arbeiten (2/2)

 
© Abel Y. Costa

In dem Projekt Inklusive Pause setzen sich die drei Berliner Künstlerinnen Stella Geppert, Nicole Wendel und Saskia Wendland im Austausch mit ihren chinesischen Kolleginnen Kang Qing, Gao Shan und Zhou Yinchen aus Shanghai und den Philosophinnen Iris Dankemeyer und Yang Junlei mit dem Thema Zeitlichkeit auseinander.

Von Silvan Hagenbrock

Goethe-Institut: Wie seid ihr auf den Namen „Inklusive Pause“ gekommen?

Gao Shan: Als ich eingeladen wurde, am Projekt „Inklusive Pause“ teilzunehmen, war der Titel der Ausstellung bereits festgelegt, und wir fanden ihn auch ganz gut. In einem dreitätigen Workshop haben wir dann noch eingehend darüber diskutiert und unsere Meinungen ausgetauscht. Meiner Ansicht nach kann man „Inklusive Pause“ als ein Innehalten im Fluss der Zeit verstehen. In einer Gesellschaft mit zunehmend beschleunigtem Rhythmus wird die Erfahrung eines gesamthaften Zeitkontinuums immer mehr zerschnitten und fragmentiert. Die gelebte Digitalisierung beeinflusst unser Verständnis von der Realität, und gerade die Frauen geraten noch stärker in Konflikt zwischen ihren Rollen in der Familie und in der Gesellschaft. Diese Zerrissenheit und die daraus resultierende innere Unruhe steckt tief in den Herzen aller Menschen unserer Zeit. So wird „Inklusive Pause“ zu einem Innehalten und Nachdenken, das wir im Namen der Kunst inmitten unseres atemlosen Voranschreiten einlegen – uns sei es auch nur ein aufmerksames Hinschauen.

Wie beeinflusst das in einer Kultur verwurzelte Zeitverständnis den künstlerischen Prozess?

Gao Shan: Im alten China konnten die Literatenmaler anhand der Streupunkt-Perspektive auf ihren Bildern einen sich entfaltenden Zeit-Raum darstellen, und im Westen betonten die Impressionisten die Existenz der Zeit, indem sie einen bestimmten Moment einfingen. In der Gegenwart haben wir etwa den japanischen Künstler Hiroshi Sugimoto, der mittels Langzeitbelichtung auf einer Bildfläche zeitliche Abläufe und Überlappungen darstellt, oder Joseph Beuys, der mit seinem „Fettstuhl“ den Verlauf der Zeit noch direkter im materiellen Vergehen und Verrotten von Fett zum Ausdruck bringt, so dass die Zeit selbst in die Gestaltung seiner Arbeit eingreift.  Das Verständnis von Zeit, Existenz und Raum ist immer mit einem besonderen kulturellen Hintergrund verknüpft. Mit der gegenseitigen Beeinflussung zwischen östlichen und westlichen Kulturen und der zunehmenden Pluralität werden lokale Unterschiede immer geringfügiger; die Verschiedenheiten zeigen sich dann vielmehr in einer gewissen Ausstrahlung, oder aber in einer bewussten Beschäftigung mit der Tradition.

  •   © Gao Shan
  •   © Gao Shan
Kang Qing: Der chinesische oder besser gesagt der östliche Zeitbegriff ist weniger etwas, das man messen kann, sondern vielmehr ein zweideutiges Maß in der Art eines sich drehenden Rades. Nach einer Umdrehung kommt man wieder an den selben Punkt. Die Zeit ändert sich nicht, sondern beginnt von neuem, nur der Ort und die Umgebung haben sich verändert; Zeit und Raum sind ineinander übergegangen. In diesem doppeldeutigen Sinn hat die Zeit auch etwas Ewiges und Unveränderliches, so wie es in den Landschaften der chinesischen Tuschemalerei zum Ausdruck kommt, oder auch im menschlichen Leben, das seinen Kreis zieht. Doch gleichzeitig ist die Zeit auch etwas extrem Veränderliches. Epochen und Umgebungen wechseln einander ab, so dass sämtliche Maßstäbe einfach ausgewechselt werden können. Diese Ambiguität der Zeit, die sowohl in der chinesischen Kultur als auch in der künstlerischen Praxis eine Rolle spielt, ist vielleicht gerade die extreme Spannung zwischen Ewigkeit und Vergänglichkeit, wie sie im Wesen der Zeit liegt.

Zhou Yinchen: Aufgrund der Auswirkungen der Epidemie hat sich mein Blickpunkt in letzter Zeit sehr auf das ganz Nahe beschränkt. Aus meinem Fenster sehe ich am gegenüberliegenden Ufer des Suzhou-Flusses einen kleinen Landschaftsausschnitt, bestehend aus ein paar naturnah angepflanzten Bäumen und einem alten Industriegebäude. Zusammen mit dem Kanal des Suzhou-Flusses steht diese kleine Ansicht inmitten von zahlreichen Wohn- und Bürogebäuden. Auch wenn ich schon fast zehn Jahre hier wohne, habe ich dies noch nie über einen so langen Zeitraum hinweg kontinuierlich betrachtet. Als man in der Anfangszeit der Epidemie nicht rausgehen durfte, habe ich diese Aussicht fast täglich mittels Beobachtungen, Videoaufnahmen, Fotografien oder Skizzen festgehalten und untersucht, und dabei habe ich das Vergehen oder Innehalten der Zeit ganz bewusst erlebt. Mein Verständnis von Zeit hat auch mit der Wahrnehmung des Körpers zu tun. Für mich ist Zeit keineswegs etwas Abstraktes, denn sie existiert gerade deshalb, weil es Materie und Erscheinungen gibt, und diese beiden erfahren in unserem Erleben und unserer Wahrnehmung zeitbedingte Veränderungen. So wie jetzt im anbrechenden Frühling, zeigt sich die Zeit darin, dass die Blumen zu blühen beginnen und die Bäume grün werden. Und solche allbekannten Veränderungen sind es eigentlich, aus denen sich unser Verständnis von Zeit ableitet. Auch die vierundzwanzig Jahreseinteilungen des chinesischen Kalenders sind in diesem Sinne zu verstehen; sie stehen für die Veränderungen aufgrund der natürlichen Gesetzmäßigkeiten und der Jahreszeiten, auf denen das System der zwölf Monate beruht.

Mit der gegenseitigen Beeinflussung zwischen östlichen und westlichen Kulturen und der zunehmenden Pluralität werden lokale Unterschiede immer geringfügiger; die Verschiedenheiten zeigen sich dann vielmehr in einer gewissen Ausstrahlung, oder aber in einer bewussten Beschäftigung mit der Tradition.

Was bedeutet "Zeit im künstlerischen Prozess"? Was versteht ihr darunter?

Kang Qing: Ausgehend von Hegel, der den künstlerischen Prozess als ein allmähliches Fortschreiten hin zur Seele betrachtet, würde ich sagen, dass die Zeit im künstlerischen Prozess fortwährend in Auflösung begriffen ist, und dabei verliert sie mehr und mehr an Messbarkeit. Die Zeit im Kunstprozess und die physikalische Zeit verlaufen nicht mehr im Gleichschritt, oder sie driften sogar auseinander. Im künstlerischen Prozess sucht sich die Zeit ein zufälliges Ereignis, in dem sie dann zum Vorschein kommt; danach entschwindet sie wieder, um ein weiteres Ereignis zu erwarten. Im künstlerischen Prozess verliert die Zeit ihre lineare Logik und Ausrichtung.
  •   © Kang Qing
  •   © Kang Qing
  •   © Kang Qing
  •   © Kang Qing
Wie kommt bei Euch im künstlerischen Schaffen das Zeitliche konkret zum Ausdruck? Warum spielt die Zeit in Eurem künstlerischen Schaffen eine größere Rolle als anderswo?

Kang Qing: In meiner Arbeit habe ich eigentlich nicht explizit nach der Zeit gesucht. Doch wie ich bereits erwähnt habe, schaffe ich in meinen Arbeiten ein Ereignis, in dem sich die Zeit niederlassen kann. Ich bedecke Keramikfliesen Schicht für Schicht mit Pflanzenformen, so dass bei jedem Brand neue Spuren auftreten, bis es zuletzt nur noch aussieht wie Schatten von Pflanzen. Doch sobald sich genügend Spuren und Schichten angesammelt haben, höre ich auf. Die Zeit verbirgt sich dann in diesen Schichten und nicht in den Formen einer Bildfläche. Ich fülle jeweils an einem Vollmondtag des chinesischen Kalenders 500 ml Wasser in einen Messbecher, mache ein Markierung und stelle ihn in meinem Studio auf, dabei gilt ein Jahr als Maßeinheit. Ein Jahr danach beginnen wieder dieselben Jahreszeiten, doch die vergänglichen Spuren des Jahres sind aufgezeichnet.

Zhou Yinchen: Das Motiv der Zeit hat in meinen Arbeiten schon immer eine recht große Rolle gespielt, so auch in meiner Einzelausstellung mit dem Titel „Aufgrund der Materie gibt es die Zeit“ von Ende 2017, die sich um Zeit und Erinnerung drehte. Der Titel stammt aus einem Gedicht in der buddhistischen Schrift „Die Lehre von der Mitte“. Interessanterweise stammte das meiste Ausgangsmaterial für diese Arbeiten aus Erinnerungen an meine Residenz in Deutschland im Jahr 2015. So etwa ein Ausschnitt aus einer Bahnreise von Neuss nach Hamburg, den ich zerlegte und neu zusammenfügte. Und die erste Arbeit dieser Serie war ein kleines Bild mit dem Titel „Eine Sekunde“. Ich bin jemand, der gern unterwegs ist. Jedes Jahr verbringe ich viel Zeit in den Bergen, in der Natur oder bei historischen Stätten. Schon der Wechsel zwischen der Großstadt und ländlichen Gebieten erzeugt einen Bruch zwischen Raum und Zeit. Wenn man in einem Bergdorf „steckenbleibt“, kann die Zeit stillstehen, durcheinandergeraten, oder sich auch in die Länge ziehen. Diese Eindrücke sind meine wahren Empfindungen. Zurück in der Stadt können mir bestimmte Fragmente plötzlich vor Augen treten. Das ruft mir immer wieder ins Bewusstsein, dass unterschiedliche Zeit-Räume existieren. Und diese Wahrnehmungen werden auch zu neuen Inspirationen für mein Schaffen.
  •   © Zhou Yinchen
  •   © Zhou Yinchen
Welche Rolle spielt im künstlerischen Prozess die Materialität, um Zeit und Zeitlichkeit auszudrücken?

Kang Qing: Ohne die damit verbundenen Spuren und Erinnerungen wäre die Materialität nur ein Haufen Materie, ohne eigenes Wesen. 

Welche spezifischen Momente von Zeit könnt ihr in den Arbeiten der deutschen Künstlerinnen erkennen?

Gao Shan: In einer künstlerischen Arbeit gibt es vielfältige Ausdrucksformen von Zeit. Sie muss die Zeit nicht unbedingt explizit zum Ausdruck bringen, sondern kann Zeit auch zum Gegenstand kontinuierlichen Nachdenkens machen. Wenn wir den tickenden Lauf einer Uhr als physikalische Zeit verstehen, so ist für einen Künstler gewiss die Erfahrung der psychischen Zeit viel wichtiger. In künstlerischen Ausdrucksformen der Gegenwart sind das etwa Wiederholung, Spuren, Erinnerung oder Fragmente. Spuren, die ein sich bewegender Körper im Raum hinterlässt, Spuren der Aktivität eine Körpers zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, sowie wiederholte Bewegungen, das sind Faktoren, die in den Arbeiten der drei deutschen Künstlerinnen zu sehen sind. 

Wie reflektiert ihr die zeitliche Verfügbarkeit und Präsenz von Frauen im Kulturbetrieb?

Kang Qing: Ich verstehe nicht ganz, was mit dieser Frage gemeint ist. Was mich persönlich anbelangt, bin ich selbst meine Kulturproduktion. Solange ich nicht Unterricht gebe, lasse ich die Zeit des Alltags und die frei verfügbare Zeit möglichst zusammenfließen. Vielleicht bin ich da in einer besonderen Situation, weil mein Kind nicht bei mir lebt, so dass ich abgesehen vom Unterricht fast alle Zeit zur freien Verfügung habe. Doch ich glaube nicht, dass dies auch auf andere Frauen zutrifft. Ich denke, man sollte die Schaffenszeit von Künstlerinnen nicht an der ihnen frei zur Verfügung stehenden Zeit messen, sondern vielmehr von ihrer Wahrnehmung der eigenen Zeit ausgehen.

Betrachtet ihr Euch als Teil einer feministischen Tradition? Und wenn ja, von welcher?

Kang Qing: Ja, ich habe mich immer als Feministin betrachtet. Allerdings nicht als Frauenrechtlerin. Mir gefällt die Theorie von Griselda Pollock, die sagt, dass Frauen immer auch Produzentinnen sind, das impliziert, dass für Frauen der Prozess wichtiger ist als das Resultat, und der Prozess ist wiederum mit Zeit verbunden. Darum hat die Zeit, besonders die weibliche Zeit, etwas sehr Spannendes.

Was sind Eure nächsten Pläne?

Kang Qing: Künstlerische Arbeiten rund um das Thema der Zeit und der Pflanzen.

Zhou Yinchen: Seit dem chinesischen Neujahrsmonat habe ich die Aussicht aus meinem Fenster so intensiv erlebt wie nie zuvor – das Streicheln des Windhauchs, das leise Rauschen des Flusses. Eine Zeitlang war die Straße so gut wie ausgestorben, und statt der Menschen und Autos kamen auf einmal scharenweise Vögel in die Nähe. Alles unterlief eine stumme Veränderung, die Stimmen, die Lichtverhältnisse, die Luftfeuchtigkeit… Auch wenn es eine sozusagen unfreiwillige Konzentration auf diese Aussicht war, machte sie mich dennoch sehr froh. Sie ermöglichte mir, mein Blickfeld mit gutem Recht auf das Alltägliche und Nahe zurückzustutzen. Die Veränderung der relativen Zeit ruft auch frühere Erfahrungen in Erinnerung, und diese kommen dann ganz fremd im städtischen Alltag zum Vorschein. Im Laufe dieser Erfahrungen habe ich einen ungefähren Plan für meine Arbeiten der nächsten Zeit festgelegt. Gleichzeitig will ich auch neue Medien und Techniken ausprobieren, darunter auch Arbeitsweisen, die ich noch nie ausprobiert habe. Inhaltlich geht es vor allem um Aufzeichnungen und Fragen bezüglich des „Nahen“. Und natürlich fließt darin auch die Zeit.
 

INKLUSIVE PAUSE – EINE ZEIT NEBEN VIELEN ANDEREN

Ein Ausstellungsprojekt initiiert von den Berliner Künstlerinnen Stella Geppert, Nicole Wendel und Saskia Wendland im Dialog mit den Künstlerinnen Kang Qing, Gao Shan und Zhou Yinchen aus Shanghai sowie den Philosophinnen Iris Dankemeyer und Yang Junlei.

Weitere Informationen zu den Projektteilnehmerinnen gibt es hier.

Die Fragen stellte Silvan Hagenbrock.

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