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Stadt- und Landgeschichten: München
„Brücken zwischen Welten“

Christoph Brech
Christoph Brech | © Nelly Küfner

Christoph Brech erklärt dem Stadtteil Pasing seine Liebe und erzählt, wie ein Stück Florenz nach München kommt.

Von Thomas Lang

Der Münchener Westfriedhof empfängt seine Besucher mit einer wuchtigen, mehrere Meter hohen Kreuzigungs-Gruppe. Auch die Gräber auf dem baumreichen Gelände sind zum Teil von großen Skulpturen bestimmt. Auf anderen Feldern herrschen schlichte Holzkreuze vor. Im Nordteil der Anlage entsteht gerade eine Gartenanlage mit zwei Urnenwänden. Feuerbestattungen werden in München immer häufiger. Zwei große Mosaiken (1,37x7,22 m) prägen diese schlichten, rauen Betonwände. Die Vorlagen sind einem Video von Christoph Brech entnommen. Dieses zeigt eine Reflexion – die florentinische Ponte alla Carraia gespiegelt im Arno. Aber der Ort ist für Christoph Brech, wie oft in seinen Arbeiten, nur die Quelle für Bilder, die eine allgemeine Gültigkeit besitzen. Hier ist es die Brücke, die zunächst als kulturell verankerte Metapher für den Übergang vom Leben zum Tod gelesen werden kann. Nur handelt es sich bei diesem Motiv nicht um eine Brücke, sondern um die Spiegelung einer Brücke im Fluss. Die Spiegelung ist fragil, ein visuelles Moment, in gewissem Sinn eine Illusion. „Da ist nichts Greifbares“, erklärt Brech. „Und so ist auch der Tod eigentlich nicht fassbar.“Auch abgesehen vom Motiv haben die Bilder etwas Schillerndes. Denn sie verbinden die Jahrtausende alte Technik des Mosaizierens mit der jungen elektronischen Videokunst. „Als Vorlage für die Mosaiken wurden die Video-Stills vergrößert ausgedruckt und schon waren die Pixelstrukturen da. Das Video ist gewissermaßen zusammengesetzt aus elektronischen Steinchen.“ Es muss also kein Bild künstlich gerastert werden, um die Mosaiken legen zu können. Dennoch schwingt in den Bildern, wie sie nun den Westfriedhof schmücken, das Ephemere des elektronischen Mediums mit und bildet eine weitere metaphorische Ebene für die menschliche Vergänglichkeit und die Hoffnung auf ewiges Leben. Die 180.000 Smalten, spezielle Silikatglassteinchen, jedes misst einen Zentimeter im Quadrat, reflektieren überdies das Licht und gewinnen so die Strahlkraft einer Projektion. Mit den Mosaikgärten hat München einen bedeutenden öffentlichen Raum hinzugewonnen, in dem, so die Hoffnung des Künstlers, die Menschen sich gern aufhalten werden.

Christoph Brech sitzt mit mir in seinem Pasinger Reihenhaus, während er über die Mosaiken spricht. Auch hier spielen Pflanzen eine große Rolle. Der Hauseingang ist halb zugerankt; hinter dem einzigen, streng und karg eingerichteten Raum im Erdgeschoss liegt ein eingewachsener, beinah wild wirkender Garten. Brech hat in dem Haus den größten Teil seines Lebens gewohnt. Es ist ein Viertel mit typischer Vorstadtstruktur: Reihenhäuser, Villen, kleine Gärten, die zunehmend dichterer Bebauung weichen. Das ist nur ein Gesicht des Stadtteils.

Wenig weiter nördlich führte bis vor kurzem eine der verkehrsreichsten Bundesstraßen durch Pasing. Heute ist der Verkehr zum großen Teil umgeleitet, der zentrale Stadtplatz wurde zur Fußgängerzone. Im Bereich des Bahnhofs ist eine Shopping-Mall entstanden, auch das Kultur-Zentrum „Pasinger Fabrik“ steht dort. Brech kann mit dem „neuen“ Pasing nicht viel anfangen. Er betont, wie austauschbar und gesichtslos es ist. Eine Pseudo-Urbanität sei da entstanden. Früher habe Pasing Dinge geboten, die es nur dort gab, ein hervorragend sortiertes Kaufhaus, einen Jazzplattenladen, die feinen Elli-Seidel-Pralinen. Die einzigartigen Geschäfte sind verschwunden, die Pralinen gibt es längst auch in der Münchener Innenstadt.

Pasing wurde 1938 zu München zwangseingemeindet, und es gibt immer noch Pasinger, die sich nicht als Münchener sehen wollen. Das sind, wie Brech mir erklärt, meist Alteingesessene, deren Bauernhöfe noch stehen, auch wenn sie inzwischen umgebaut und teuer vermietet seien. Auch in der Kirchengemeinde mache sich der Unterschied bemerkbar. Die Gemeinde der katholischen Kirche St. Hildegard, in der Brech aktiv ist, wurde kürzlich mit der älteren von Maria Schutz zusammengelegt. Das sorgt manchmal für Spannungen zwischen traditionell und modern eingestellten Gläubigen.

Im Lauf des Abends kommen wir auch auf München als Ganzes zu sprechen. Brech betont die Lebendigkeit der Kulturszene hier, die Häufigkeit, mit der Ausstellungen wechseln. Er gibt zu, dass der Druck auf Kreative aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten sehr groß ist. Dem gelernten Gärtner gefallen in der Stadt das Nymphenburger Schloss mit seinen Parkanlagen und der Englische Garten, aber auch die Gegend um den Prinzregentenplatz mit dem Isar-Hochufer. Das sind gute Orte für Flaneure. Das leicht Lässige, nicht Gehetzte ist für den Künstler ein wichtiges Charakteristikum der Stadt. Warum wohnt er nicht zentraler? „So habe ich beides, das fast Ländliche, das Pasing bietet, und das Stadtzentrum in nur fünfundzwanzig Minuten Entfernung“, sagt er. Und lobt gleich wieder seinen Stadtteil, durch den die Würm fließt, den Stadtpark, den nahen Wald, die gute Verkehrsanbindung. Der Vielreisende zeigt sich auch im Hinblick auf seine Heimatstadt nicht nur als Verbundener, sondern als Verbindender, ein Brückenbauer zwischen verschiedenen, je für sich gültigen Welten.

Christoph Brech, geboren 1964, studierte von 1989-95 freie Malerei an der Akademie der Bildenden Künste München mit Schwerpunkt Videoinstallationen. Brech erhielt wichtige Preise und Stipendien, darunter der Will-Grohmann-Preis der Akademie der Künste Berlin und das Villa-Massimo-Stipendium in Rom. Seine Werke werden in Museen und Galerien in Europa, Kanada, Nordamerika und Asien ausgestellt.

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