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Stadt- und Landgeschichten: Shanghai
Zurück zu den Wurzeln

Hu Xiangcheng
Hu Xiangcheng | Foto: Shen Qilan

Während fast alle Menschen in den modernen internationalen Metropolen dem Fortschritt und der Entwicklung huldigen, denkt selten jemand darüber nach, welchen Preis man dafür zahlt. Der Künstler Hu Xiangcheng (胡项城) indessen beschäftigt sich seit langem mit dem Wissen vom Bewahren der Dinge. Er sucht nach der Heimat, die uns in unseren Städten und in dieser schnelllebigen Zeit verloren gegangen ist.

Von Shen Qilan (沈奇岚)

Wieder einmal führt mich mein Weg in das ländliche Umland von Shanghai, nach Qingpu (青浦), wo Hu Xiangcheng in seinem Atelier zu Gange ist. Von Weitem sieht es so aus, als würden in dem Hof des Künstlers Bäume wachsen, die sich schemenhaft zu einer Gruppe formieren. Erst beim Näherkommen zeigt sich, dass es sich dabei um eine Kunstinstallation handelt. Hu Xiangcheng hat alte ausrangierte Möbel Stück für Stück auseinandergenommen und so zusammengesetzt, dass sie wie Bäume wirken. „Ursprünglich kommen sie aus dem Wald“, erklärt er und zeigt auf seine „Bäume“, „jetzt schicke ich sie wieder dorthin zurück“.Das erste Mal bin ich Hu Xiangcheng vor fünf Jahren begegnet. Damals hatten er und sein Team sich gerade daran gemacht, seinen Traum zu realisieren: Ein ganzes Dorf sollte rekonstruiert werden. In der Großgemeinde Jinze (金泽) in Qingpu sollten alte Fabrikgelände zu  typischen chinesischen Hofanlagen mit schwarzen Ziegeln und weißen Mauern umgebaut werden. Kreativparks waren geplant, in denen traditionelles chinesisches Kunsthandwerk bewahrt und entwickelt werden sollte. Begeistert hatte der Künstler damals von Beuys’ Idee der „sozialen Plastik“ gesprochen und erklärt, dass man als Künstler verpflichtet sei, die Gesellschaft mitzugestalten.

Nachdem Hu Xiangcheng im Jahr 2000 von einem längeren Aufenthalt aus Japan zurückgekehrt war, realisierte er im Shanghaier Umland, in Gemeinden wie Jinze oder Zhujiajiao (朱家角), Einzelprojekte, die basierend auf zahlreichen sozialen Studien den Wiederaufbau von gesellschaftlichem Leben zum Ziel hatten. Straßen wurden im alten Stil gepflastert und zur Restaurierung von Gebäuden zog man das songzeitliche Bauhandbuch Yingzao Fashi (营造法式, Die Methode des Bauens) heran. Die Techniken traditionellen Kunsthandwerks wurden gesammelt, bewahrt und weitergegeben und traditionelle Volksfeste wiederbelebt. Sämtliche Lebensbereiche von der Architektur und dem öffentlichen Raum bis hin zu Gebrauchsgegenständen und sozialen Ritualen wurden miteinbezogen.

Der Künstler träumte davon, ein komplettes System östlicher Lebensart neu erstehen zu lassen. Schließlich ist er fest davon überzeugt, das die chinesische Zivilisation in den ganz normalen kleinen Gässchen wurzelt, und dass China, das sich in einer zweiten Modernisierungswelle zur Wissensgesellschaft wandelt, in der Welt der Zukunft seine eigenen Antworten formulieren muss. Nur wenn man von den kleinsten häuslichen Milieus ausgehe, könne man wieder eine Lebenswelt aufbauen, die von Höflichkeit, Genügsamkeit, Menschlichkeit und Rücksichtnahme bestimmt sei.

Hu Xiangchengs Plan war es aber nicht einfach, aus einem Areal einen Park im altchinesischen Stil zu machen. Vielmehr wollte er das Leben der Menschen neu gestalten: „Ich möchte die Tradition in diesen Häusern wieder zum Leben erwecken. Die meisten Menschen trennen Geschichte und Gegenwart. Für sie ist die Historie einfach nur Vergangenheit. Tatsächlich aber reichen Tradition und Geschichte bis in unsere Gegenwart hinein.“

Träume sind allerdings immer auch zerbrechlich. Als ich Hu Xiangcheng fünf Jahre später wieder treffe, ist aus dem Areal nicht wie ursprünglich vorgesehen ein öffentlicher Kulturraum innerhalb der Dorfgemeinde geworden und auch keine Institution zur Wiederbelebung chinesischer Volkskunst. Eine Zeit lang hatte Hu Xiangcheng für viel Geld noch Ackerland in der Umgebung gepachtet, um dort die Möglichkeiten des ökologischen Landbaus zu demonstrieren. Aber der Traum von der dörflichen Heimstatt ließ sich nicht allein mit Enthusiasmus verwirklichen und so geriet der sich nicht um Anlagerenditen sorgende Künstler in die Fallstricke von politischen Genehmigungsverfahren und Kapitalumlauf. Um die Gesellschaft mitzugestalten braucht es eben nicht nur künstlerische Phantasie und Verve, sondern auch diverse fachliche Unterstützung seitens der modernen Gesellschaft - bis hin zu einem zeitgemäßen Betriebsmanagement.

Als Hu Xiangcheng im Jahr 2014 in seiner Installation Lu Ban is very confused (鲁班很困惑) dem sich permanent wandelnden Shanghaier Stadtteil Pudong (浦东) den mingzeitlichen Patron der Zimmerleute, Lu Ban (鲁班), gegenüberstellte, schien er zugleich eine Frage an sich selbst zu formulieren: Wo ist eigentlich mein Platz in dieser Zeit?

Hu Xiangcheng hat über ein Jahrzehnt darauf verwendet, sich über die Alternative zur urbanen Entwicklung Gedanken zu machen. Ganz gleich, ob man seine Träume und Versuche nun als gelungen oder gescheitert wertet, sie haben in jedem Fall einen großen akademischen und wissenschaftlichen Wert.

Ich denke, dass Denker und Praktiker wie Hu Xiangcheng als Gewissen unserer Zeit fungieren. So wirkt der Künstler an der urbanen Peripherie im Verborgenen daran mit, die Seele der Stadt zu formen und wird so zu einem besonderen Wächter über Shanghai.

Hu Xiangcheng im Gespräch

Woher kommt Deine Affinität zum ländlichen Raum?

Kulturell gesehen bilden die ländlichen Gebiete die Grundstruktur im Leben der Chinesen, sie sind das ökologische Fundament. Gerade wenn die sozialen Urbanisierungsprozesse zu schnell ablaufen, sollten wir über die kulturellen Phänomene nachdenken, die mit der bäuerlichen Gesellschaft zusammenhängen. Selbst in Shanghai gibt es noch viel ländlichen Raum.

Warum hat für Dich die Wiederbelebung des Kunsthandwerks einen so hohen Stellenwert?

Vor der industriellen Revolution agierten Herz und Hand als Einheit. Kreativer Geist und Produzent waren ein und dieselbe Person. Erst später fand hier eine Entfremdung statt. Heutzutage verdienen die Menschen ihr Geld mit Jobs und irgendwelchen sehr einfachen Tätigkeiten. Ihren Verdienst stecken sie dann in Klamotten, um so den andern zu zeigen, was sie drauf haben. Dahinter steht eine ungeheure Ausbeutung des Menschen und zudem wird jegliche Kreativität ausgemerzt. So stellt sich die Frage nach einem System, dass dem Volk die Kunst zurückgibt. Ich denke, man muss die Menschen etwas mit ihren Händen machen lassen. Dabei sind Ergebnis und Prozess gleich wichtig, ja der Prozess ist sogar noch entscheidender. Außerdem kommt jeder Mensch, der etwas mit den eigenen Händen schafft, wieder in einen Austausch mit der Natur. Das sind die Werte, zu denen unsere Gesellschaft in Zukunft zurückfinden muss. Am Wertvollsten sind die selbstgemachten Dinge. Darüberhinaus wirkt sich das auch positiv auf die Ökologie und die Vielseitigkeit des Menschen aus.

Deine Arbeit erinnert mich an die eines Aktivisten.

Das sollte ein Künstler auch sein, so wie Beuys. Ein wichtiger Aspekt der zeitgenössischen Kunst ist, dass sie sich in die Gesellschaft einbringt. Wir müssen dem Volk die Kunst zurückgeben. Die Kunst ist ein Weg zur Gleichstellung des Menschen. Sie ist nicht die Sache einer Gruppe von Leuten aus einer bestimmten Schicht sondern eine Plattform, die Menschen aus allen Berufen verbindet und innerhalb derer alle gleichberechtigt sind.
 

Hu Xiangcheng machte 1977 seinen Abschluss an der Shanghai Theatre Academy (上海戏剧学院) im Fach Bühnenbild und unterrichtete anschließend drei Jahre an der Kunstfakultät der Tibet University (西藏大学). 1986 ging er nach Japan, wo er sich intensiv mit zeitgenössischer Kunst, Volkskunst und Gestaltung beschäftigte. Nachdem Hu Xiangcheng in den frühen 1990er Jahren an der Gründung der Shanghai Biennale (上海双年展) mitgewirkt hatte, brach er – sowohl zur Feldforschung als auch als Künstler - zu einer dreijährigen Reise in den Süden Afrikas auf. Seit seiner Rückkehr nach China im Jahr 2000 widmet er sich der Wiederbelebung der traditionellen chinesischen Kultur und setzt sich für eine Verbesserung des kulturellen Niveaus im ländlichen Raum ein.

Hu Xiangcheng hat an zahlreichen Gruppenausstellungen teilgenommen, darunter an der offenen Skulpturenausstellung auf der Biennale in Venedig 2004, dem kollektiven Installationsprojekt Illegal Building (建筑违章) auf der Yokohama International Triennial of Contemporary Art 2005 und im Jahr 2008 an der 28. Biennale von São Paulo. Seine Einzelausstellungen umfassen A Stranger’s Journey (陌生者的行程) im Shanghai Art Museum (上海美术馆) im Jahr 2008 und Itinerant Deities (出入神) in der Shanghai Gallery of Art (上海沪申画廊). Hu Xiangcheng war außerdem 2010 bei der Expo in Shanghai künstlerischer Leiter des afrikanischen Pavillons.

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