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Stadt- und Landgeschichten: München
„München will nicht gern erkannt werden“

Edgar Reitz
Edgar Reitz | © Nelly Küfner

Edgar Reitz spricht über München als Film- und Weltstadt im Abseits.

Von Thomas Lang

Als Herz der Stadt gilt vielen Münchnern eigentlich der Englische Garten. Er wird von einer großen Straße in zwei Teile zerschnitten. Nah am nördlichen, ruhigeren Teil des Parks wohnt gänzlich unglamourös einer der wichtigsten deutschen Regisseure seit dem Zweiten Weltkrieg. Edgar Reitz ist bereits in seinen Achtzigern. Er wirkt auf mich so beweglich wie beschäftigt, ein Mann, der keineswegs nur zurückschaut. Reitz kam vor mehr als sechzig Jahren vom ländlichen Hunsrück nach München; da war er neunzehn Jahre alt. Seitdem hat die Stadt in ihn nicht mehr losgelassen. Selbst von Paris und Berlin, wo er zwischenzeitlich lebte, kehrte er immer wieder zurück. Heute schätzt er die Sicherheit, das Gutnachbarschaftliche in München ebenso wie die Überschaubarkeit der Stadt. Er lobt, dass es hier keinen Hochhauswahn gibt. Das menschliche Maß, diese klassischen Maßstäbe in der Architektur sind für ihn auch Kennzeichen der Münchener Politik. Dem entspricht das kulturelle Angebot: Man muss nicht immerzu in dem Gefühl leben, etwas versäumt zu haben. Für Edgar Reitz fühlt sich München „immer ein bisschen abseits“ an.

Der Stadt seiner Wahl hat der Filmemacher ihr vielleicht bedeutendstes Denkmal gesetzt. Der zweite Teil seines großen Film-Epos „Heimat“ spielt in München und zeichnet sein Porträt mit Liebe. Der angehende Komponist Hermann Simon trifft hier 1960 auf „die heimliche Hauptstadt mit den tausend Farben in den Nächten“, in der viele auf einem ähnlichen Weg sind wie er, sich ausprobieren, künstlerisch tätig sein wollen. Sie bilden in dem Film-Zyklus eine spannungsreiche Community. Da ist noch ein Hauch von jener Bohème spürbar, die vor bald hundertzwanzig Jahren München berühmt gemacht hat. Da sind die dunkle jüngere Vergangenheit der, wie die Nazis erklärten, „Hauptstadt der Bewegung“ und die Kriegszerstörungen noch sehr spürbar, aber auch das erste Zittern jener Studentenproteste, die gegen Ende der 1960er-Jahre die Bundesrepublik erschüttern sollten. Edgar Reitz hat aus dieser Stadtgeschichte einen filmischen Mythos gestaltet. Im Unterschied zu Los Angeles etwa, das sich mit seinen freilich dicht gewebten Legenden untrennbar verbunden hat, scheinen die Münchener Erzählungen über sich und ihre Stadt beinah zu ignorieren. Ich frage den Regisseur, woran das liegen kann.

„Ich glaube“, antwortet er, „die Münchener wollen nicht so gern erkannt werden. Sie verbergen sich gern in einer undeutlichen Form. Die Mehrzahl der Bürger will nicht bayerisch sein, im Sinne von Hofbräuhaus, Oktoberfest und Lederhosen. Aber die Münchener wollen auch mit nichts anderem identifiziert werden. Sie wollen nicht die Stadt der Künste sein. Sie wollen nicht die Stadt der Intellektuellen sein. Sie wollen nicht die Stadt der revoltierenden Jugend sein. Und das alles sind sie mal gewesen."

Eine mögliche Verbindung sieht er zu dem Charakter Münchens als Zuwanderungsstadt. „Die Bewohner kommen aus allen möglichen Regionen und wollen ihre eigene Herkunftsidentität nicht aufgeben.“ Das könnte zusammenhängen mit der Unmöglichkeit, Bayer zu werden. „Die Bayern wollen nicht, dass man Bayer wird. Sie sagen, das ist man nur von Geburt an und nach soundso vielen Generationen.“ Ähnlich sieht er das für Hamburg. Berlin dagegen öffne sich viel mehr. Deswegen sei die Hauptstadt auch ein „unglaublicher Magnet für die Jugend."

Berlin läuft München mittlerweile den Rang als Filmstadt wieder ab. Edgar Reitz erzählt davon, wie nach dem Zweiten Weltkrieg im Grunde die gesamte deutsche Filmindustrie nach Süddeutschland zog. „Technisches Personal, Regisseure, Autoren, Schauspieler und so weiter lebten in München.“ Nach der deutschen Wiedervereinigung änderte sich das wieder. Es gibt in München noch Produktionsfirmen und filmtechnische Betriebe, aber es werden immer weniger. Reitz, der prägend für den „Neuen deutschen Film“ gewesen ist, spricht ohne spürbares Bedauern von diesen Entwicklungen. Er erinnert noch einmal an das München der gesellschaftlichen Avantgarden, der künstlerischen vor über hundert Jahren, dem marxistischen-anarchistischen Experiment der Räte-Republik nach dem Ersten Weltkrieg, den „Schwabinger Krawallen“ in den 1960ern und der „Obernhausener Bewegung“, die in ein neues deutsches Kino mündete. „Es ist interessant, dass diese an sich konservative Stadt immer wieder auch Schauplatz großer Revolten gewesen ist."

All diese Dinge gehören der Vergangenheit an. Ich frage Reitz, ob in München heute noch irgendetwas davon spürbar ist. Er antwortet mit der ihm eigenen Entschiedenheit: „Man sieht im Moment nichts dergleichen. Aber das kann alles jederzeit passieren. Ja.“
 

Edgar Reitz ist Filmemacher, Autor und Hochschullehrer. Seit Mitte der 1950er Jahre arbeitet er literarisch und beschäftigt sich mit der Avantgarde in Musik, Literatur, Bildender Kunst und Film. Er war Mitglied der „Oberhausener Gruppe“, die 1962 den deutschen Autoren-Film hervorbrachte. Weltbekannt ist seine „Heimat“-Trilogie, ein Jahrhundert-Epos, das mit über 54 Stunden Spieldauer zu den umfangreichsten erzählerischen Filmwerken der Filmgeschichte zählt. Edgar Reitz hat zahlreiche Preise bekommen. 2006 erhielt er das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Edgar Reitz lebt mit seiner Frau, der Sängerin und Schauspielerin Salome Kammer, in München.

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