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Stadt- und Landgeschichten: Shanghai
„Ich weiß nicht, ob das ein Goldenes Zeitalter ist“

Ding Yi
Ding Yi | Foto: ©Chen Cai

Denkt man an die Wahrzeichen von Shanghai, hat man sofort den von Kolonialbauten gesäumten Bund oder den hochmodernen und in die Höhe strebenden Finanzdistrikt Lujiazui vor Augen. Wie Portraitfotos tragen die Menschen diese Bilder der Stadt in sich. Wenn der Künstler Ding Yi Shanghai jedoch in der Abstraktion darstellt, ist das ein überraschender Blickwinkel, und einer, der uns nachdenklich stimmt.

In einer Metropole, die den Puls der Zeit repräsentiert, ist Ding Yi (丁乙) ein Mensch, der einen kühlen Kopf bewahrt und auf Distanz bleibt. Er malt abstrakte Bilder und verwendet dabei seit Jahrzehnten die für ihn typischen Kreuze als Bildelement. Aus diesem Markenzeichen entwickelt er immer neue Arbeiten. Was mich daran neugierig macht, ist die Verbindung zwischen seiner Kunst und der Stadt Shanghai.

Durch seine abstrakte Malerei jenseits des Mainstreams bringt Ding Yi eine Nüchternheit zum Ausdruck, die dem allgemeinen Hype entgegenläuft. Stets erinnert uns Ding Yi daran, dass in Shanghai auch ein anderes Dasein möglich ist, dass es auch alternative Denkansätze gibt: Ruhe und Geduld. Nicht mit dem Strom zu schwimmen. Abseits des riesen Rummels mit einem Lächeln zu schweigen.

Ding Yis Atelier liegt mitten im Kunstareal an der Moganshan Road 50 (莫干山路). Er war unter den ersten Künstlern, die hier Quartier bezogen. Hier, in der Werkhalle einer gigantischen Textilfabrik, hat Ding Yi viele Jahre zugebracht. Er hat zwar auch einen Lehrauftrag an der Universität und berät einige Kulturinstitutionen, doch das alles hat keinen Einfluss auf seine Arbeit. Als sich in China noch kaum jemand für zeitgenössische Kunst interessierte, war er schon hier und malte seine Bilder. Und nachdem die zeitgenössische Kunst ins Rampenlicht gerückt ist und zum Lieblingskind von Medien und Kapital wurde, ist er immer noch hier und arbeitet in aller Ruhe an seinen Bildern. In seinem Atelier gibt es keine Klimaanlage, so dass hier winters wie sommers gleichermaßen unangenehme Arbeitsbedingungen herrschen. Nicht nur, dass der Künstler auf der Leinwand mit den Farben kämpft, er kommt auch physisch an seine Grenzen. Einmal malte Ding Yi bis ihm schwindlig vor Augen wurde und er von der Leiter fiel. Nach einer Weile rappelte er sich wieder auf und stieg erneut auf die Leiter, um an seinem Bild weiterzuarbeiten. Er nennt das „den Berufsethos eines Künstler“.

Ding Yi hat eine Affinität zum Shanghai der Dreißigerjahre. Mehrere Tische, Stühle und Canapés in seinem Atelier sind Antiquitäten im Art Déco-Stil. „In den Dreißigerjahren gab es etliche Skandale und Mordfälle, die die Welt schockierten. Man kann darüber zwar noch Zeitungsartikel finden, aber eigentlich sind diese Geschichten heute längst vergessen. Doch ein Relikt aus dem Alltagsleben der damaligen Zeit, ein Sofa beispielsweise, kann uns heute noch etwas von der damaligen Lebensqualität und Lebensart vermitteln. In gewisser Weise sind das wichtige Indizien.“ Ding Yis Verständnis von einem solchen „Corpus Delicti“ umfasst nicht nur Zeitungsfotos von damals, sondern auch die dinglichen Manifestationen, die noch den Geist der Zeit atmen, seien es Möbel oder eben Kunstwerke. Wenn man Ding Yis Arbeiten genau auf sich wirken lässt, offenbart sich darin ebenfalls das Gedächtnis Shanghais. Auch er arbeitet an den „Beweisstücken“ der Zeit.

Zwar finden sich in den Bildern Ding Yis keinerlei politische Anhaltspunkte, aber über den Wandel der Stadt sieht der Künstler nicht hinweg. Das Thema kam auf, als ihn 1998 ein kanadischer Kunsthistoriker in seinem Atelier besuchte. Wie könne, meinte der Kanadier, das Künstleratelier als ein separates System außen vor bleiben, während Shanghai sein Gesicht radikal verändere. Eine bedenkenswerte Frage, fand Ding Yi. Obwohl die Stadt eine enorme Kraft hatte, schien die Kunst unberührt von den neuen Zeiten. 1999 begann Ding Yi als ein Ergebnis seiner Überlegungen mit fluoreszierenden Farben zu malen. Die Bildserie Fluorescence (荧光色) ist seine Antwort auf die Stadt.

„Das urbane Erscheinungsbild Shanghais ist so grell, dass ich zu einer ebenso grellen Sprache greifen musste, um etwas von dieser Zeit zum Ausdruck zu bringen. Meiner Meinung nach steht Shanghai stellvertretend für den gesamten chinesischen Urbanisierungsprozess. Es ist Aufgabe des Künstlers, diesen aus einer neutralen Perspektive zu bewerten. Für mich hat die Urbanisierung etwas sehr Imaginäres. Sie ist außerordentlich laut und grell. Man will vor allem die Blicke von außen auf sich ziehen, und dafür eignen sich fluoreszierende Farben hervorragend. Diese Urbanisierung hat nichts Tiefgründiges, sie ist nichts Elementares, sondern etwas, was sich an der Oberfläche abspielt. Das Ausdrucksmittel der fluoreszierenden Farben wirkt sehr extrovertiert und dynamisch und es polarisiert, weil es einfach sehr schrill ist.“

Ding Yis Blickwinkel führt den Menschen vor Augen, wie abstrakt und zugleich konkret man die Urbanisierung Shanghais auffassen kann. Der Künstler steht dafür, dass man in unserer Zeit auch einen alternativen Standpunkt einnehmen kann: Niemals dem Mainstream folgen, sondern in aller Ruhe seinen eigenen Weg gehen. Wenn Ding Yi in Deutschland ausstellt, wird er oft gefragt, warum er so knallige Farben verwende. „Weil Shanghai bei Nacht genauso aussieht. Doch weil deutsche Stadtbewohner diese visuelle Erfahrung nicht gemacht haben, fällt es ihnen zunächst schwer einen Zugang zu einer Welt in fluoreszierenden Farben zu finden.

“Ding Yi gehört zu den ersten zeitgenössischen Künstlern aus China, die im Westen bekannt und anerkannt wurden. Seit 1992, als westliche Kuratoren auf der Suche nach Künstlern nach China kamen, hat Ding Yi an zahlreichen Ausstellungen teilgenommen. Wenn er später die Medienberichte über die Ausstellungen in den Händen hielt, fiel ihm auf, dass in vielen Artikeln lediglich sein Name erwähnt wurde, seine Bilder aber nicht abgebildet waren. Stattdessen druckten die Medien meist irgendwelche Werke, die mit Mao zu tun hatten. Ding Yis Bilder waren abstrakt und ließen sich nicht einfach mit einem bestimmten Etikett versehen. Das stand seiner Verbreitung zwar im Wege, machte ihn andererseits aber auch zu etwas Besonderem. „Damals wurde mir klar, dass meine Arbeit langfristig ausgelegt ist. Meine Kunst besteht in einer allmählichen Akkumulation, die sich im Stillen vollzieht. Ich hatte nicht das Zeug zum Kunststar. Diese Erkenntnis hat mir innere Ruhe verliehen und ich brauchte auch keinem Mainstream zu folgen.

“Man sagt für Künstler und Kunstmarkt wäre das Goldene Zeitalter angebrochen. Doch Ding Yis Haltung dazu ist wie seine Kunst – nüchtern und zurückhaltend. Er wartet ab, was die Zeit bringt. „Ich weiß nicht, ob das wirklich ein Goldenes Zeitalter ist. Und wer kann schon sagen, ob das Goldene Zeitalter die nächsten zwanzig Jahre überdauert? Das schöpferische Leben eines Künstlers hingegen erstreckt sich über sechzig Jahre. Was ist schon ein ephemeres Goldenes Zeitalter im Vergleich zu einem Schaffensprozess von sechs Jahrzehnten? Auf der einen Seite steht die Entscheidung für das Künstlerdasein, auf der anderen Seite siehst du die aktuelle Situation. Du kannst dich zurückziehen und die Augen vor ihr verschließen, aber in gewisser Weise ist dies eben der Geist der Zeit. Wir haben bereits unsere Erfahrungen gemacht. Während der Kunst- und Finanzblase von 2008 bis 2009 wurde uns eine Lektion erteilt. Entscheidend ist, wie viel Weitsicht du hast, ob du jeden Tag gut verbringen willst oder ob es dir nur um das Heute geht.“

Ding Yi im Gespräch

Wie siehst Du die aktuelle Situation der zeitgenössischen Kunst?

Ich denke, die zeitgenössische Kunst liegt heute immer noch mehr im Trend als die traditionelle Kunst. Es ist ein Hype. Das hängt ganz eng mit der Zeit zusammen, in der wir leben. Dass sich jeder einer internationalen Sprache bedient, hat den zeitgenössischen Künstlern mehr Selbstvertrauen gegeben. Aber es gibt auch viele Probleme. Die heutige Kunst ist in vielerlei Hinsicht eine Kunst der Märkte. Will ein Künstler sich kontinuierlich entwickeln, steht er heute vor einer viel größeren Herausforderung. Ein anderes Problem ist, dass Kunst heute immer mehr in Mode kommt. Ursprünglich hatte sich die Kunst nur auf einer selbstreferenziellen und akademischen Ebene bewegt. Die Entwicklung eines Künstlers war außerdem durch seine akademische Laufbahn gesichert. Jetzt aber kommen viele kommerzielle Faktoren zum Tragen. Das gibt dir zwar die Möglichkeit, groß rauszukommen, aber es hat auch Risiken.

Worin siehst Du die Risiken? Sind die Verlockungen zu groß? Schließlich leben wir doch in einem Goldenden Zeitalter.

Ganz richtig, die Verlockung ist zu groß. Die Frage ist, wie schnell einem dabei der Atem ausgeht. Der Kommerz setzt die größte Stärke eines Künstlers immer viel zu früh frei. Ich weiß nicht, ob man da von einem Goldenen Zeitalter sprechen kann.

Wie siehst du das künstlerische Schaffen in Bezug auf dein jetziges Renommee?

Die Interviews und das Rampenlicht, das ist alles nicht von Dauer. Das Allerwichtigste ist der Zauber, den die Malerei auf der Leinwand entfaltet, dem kann sich niemand entziehen. Nur wenn es dir gelingt, in einem Bild das Beste zum Ausdruck zu bringen, hat es Bestand.
 

Ding Yi, Vizepräsident des Fine Arts Department am Shanghai Institute of Visual Arts (SIVA, 上海视觉艺术学院), gilt als Leitfigur der abstrakten Kunst in China. Durch die Wiederholung und Überlagerung der für ihn typischen Symbole „十“ und „X“ entwickelte er ein unverkennbares visuelles System und schuf zugleich klar strukturierte sowie subtile und reiche Bildflächen. In seinen Arbeiten bringt er durch die sich harmonisch formierenden kreuzförmigen Elemente die komplexe Wechselwirkung zwischen Präzision und Dynamik visuell zum Ausdruck und macht den rasanten Wandel Shanghais anschaulich. Zugleich sprengen seine Werke den traditionell narrativen Rahmen. In der Abstraktion findet er zur Authentizität des Lebens zurück.

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