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Stadt- und Landgeschichten: München
„Ich kann nur immer München loben“

Motiv aus dem Film „Wir Wunderkinder“ (1958)
Motiv aus dem Film „Wir Wunderkinder“ (1958) | © Deutsche Kinemathek

Der Schriftsteller Uwe Timm über seine Eindrücke aus 50 Jahren Leben in München.

Von Thomas Lang

Vier Treppen hoch, unter dem Dach eines alten Münchner Hauses, wohnt Uwe Timm. Sein Arbeitszimmer ist bestimmt von einem sehr einfachen Tisch, an dem er arbeitet und von dem aus der Blick über den Englischen Garten auf die Altstadt geht. An diesem diesig-nebligen Wintertag ist die Aussicht allerdings begrenzt. Timm zeigt mir seine Scrimshaws – Pottwalzähne, in die nautische Motive und einfache Texte geritzt sind. Die seinerzeit von Walfängern gefertigten Kunstwerke deuten an, dass in dem scheinbar so sesshaften Schriftsteller doch ein alter Seefahrer steckt.

Uwe Timm lebt seit 50 Jahren in München. Geboren ist er 1940 in Hamburg, am anderen Ende Deutschlands und in einem anderen Deutschland – dem der Schrecken verbreitenden Nazi-Diktatur. Als wir später zusammen beim Tee sitzen, erzählt mir Timm von einem München-Eindruck, den er als 17-Jähriger von dem Film Wir Wunderkinder bekam. Dieser wirft einen kritischen Blick zurück. Sein Protagonist Hans Boeckel landet im München der 1930er-Jahre und gerät, weil er sich den Nazis gegenüber nicht opportun verhält, in Schwierigkeiten. Am Morgen nach einem Faschingsfest ist durch die Balkontür von Boeckels Zimmer das Münchener Wahrzeichen zu sehen. Der Blick ist dem aus Timms Arbeitszimmer ähnlich. „Ich mag die Türme“, sagt Timm, „ich finde, sie sind spektakulär. Doppeltürme, die so runde Mützen auf dem Kopf haben.“

Der standhafte Boeckel mag ihm ein Vorbild gewesen sein. Timms Entscheidung, zum Studium nach München zu gehen, fiel seinerzeit bewusst. „Ich hatte immer das Gefühl, hier müssten auch Palmen stehen.“ Natürlich wusste Timm, dass es nicht so ist. Aber München bekommt durch seine Augen etwas Leuchtendes. Er hebt seine lichten Barock-Bauten von der dunklen norddeutschen Backsteingotik ab und preist das Feriengefühl, das sich immer noch einstellt, wenn er durch die Stadt geht. „Es gibt hier noch diese Passanten, die durch die Stadt schlendern, die betrachten und nicht nur eilen.“ Auch der Viktualienmarkt und die immer noch vorhandenen kleinen Geschäfte in den Stadtvierteln tragen zum guten Lebensgefühl bei. Dort hört man noch das Bayerische, „ein wunderbarer Dialekt“, sagt Timm. „Ich höre den gern. Und inzwischen verstehe ich ihn auch.“ Nur das Vordringen einer geschäftsmäßigen Freundlichkeit bedauert er. Früher habe es mehr Muffler gegeben.

Gleich schwärmt er wieder vom Englischen Garten, der unweit von seinem Haus in eine weitläufige Naturlandschaft übergeht. Die Millionenstadt ist von ihrem Umland mit den Bergen und Seen nicht zu trennen. Timm ist früher gern Ski gelaufen, auch geschwommen und gesegelt. Ist München eine reiche Stadt? „Reich nicht nur durch die Reichen, sondern auch durch die hier verankerten Betriebe - BMW, Siemens, Krauss-Maffei.“ Selbst die Arbeiter in der bayerischen Metropole wirken ganz anders auf ihn als etwa in Berlin.

Wir sprechen über das zeitgeschichtliche München. Timm gehört zu der Generation, die ein anderes Deutschland geschaffen hat, ohne Großmannssucht und Militarismus, ein offener und freundlicher gewordenes Land. München war für ihn auch die Stadt, die ihn mit ihrer Universität, vor allem dem dort lehrenden Philosophen Ernesto Grassi, angezogen hat. Viele Impulse der 68er-Bewegung sind seinerzeit von München ausgegangen. Die berühmten Kommunen wurden hier gegründet, die Autorenfilmer waren da. „Man ging hierher, weil es spannend war, weil junge Leute da waren, weil experimentiert wurde. Das war eine hochinteressante Stadt, die auch relativ billig war. Dadurch konnten viele junge Leute hier leben.“ Heute, gibt der Autor zu, sei das vollkommen anders. Timms Roman Kerbels Flucht handelt vom Ende dieses Aufbruchs, der heraufziehenden „bleiernen Zeit“. Meistens aber sind die Schauplätze seiner Romane andere, etwa Hamburg als Ort seiner Kindheit, Berlin oder Afrika. Da gibt es größere Reibungsflächen.

So sehr Timm genießt, dass München ihn in Ruhe lässt, so groß ist seine Abneigung gegen die Vorstädte. „Diese ganzen Rasen, die wie mit der Nagelschere geschnitten sind, und die Edeltannen, die darin stehen und diese Wäschespinnen, das hat eine merkwürdige Trostlosigkeit. Ich mag die Stadt und das Land. Aber dieser zähe Übergang mit den ganzen fürchterlichen kleinen Häusern – also ich möchte da nicht wohnen.“ Timm liebt das kompakte, im Grundriss noch mittelalterlich geprägte Zentrum. Hier bewegt er sich mit dem Rad oder zu Fuß. Gerne bleibt er vor einem bekannten Feinkostgeschäft stehen und betrachtet die Frauenkirche. „Auf beiden Türmen leuchtet eine Kugel. Und wenn der Himmel blau ist, finde ich das ungeheuer beeindruckend.“

Uwe Timm wurde 1940 in Hamburg geboren. Er machte eine Lehre als Kürschner, bevor er Germanistik und Philosophie in München und Paris studierte und 1971 promovierte. Zu seinen Werken gehört die Novelle Die Entdeckung der Currywurst (1993) oder der Roman Kopfjäger (1991), die beide bereits auf Chinesisch erschienen sind. Die Romane Heißer Sommer (1974) und Kerbels Flucht (1980) spielen in München. Zuletzt erschien von ihm Vogelweide (2013). Heute lebt Uwe Timm als freier Schriftsteller vorwiegend in München.

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