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Stadt- und Landgeschichten: München
„Jedes Gedicht ist ein Individuum“

Poesiebriefkasten
Poesiebriefkasten | © Angela Gruber

In München hängt der deutschlandweit erste „Poesiebriefkasten“. Die Künstlerin Katharina Schweissguth hat ihn aufgehängt. Im Interview spricht sie über schüchterne Dichter, Handgeschriebenes und ihre Liebe zur Poesie.

Von Angela Gruber

Sie sind die Initiatorin des „Poesiebriefkastens“. Was ist die Idee des Projekts?

Der Poesiebriefkasten sieht aus wie ein ganz normaler Briefkasten. Ich habe ihn im Internet ersteigert und knallig angemalt, mit einer Brieftaube oben drauf. Ursprünglich war das nur ein grauer Blechkasten. Das Besondere an dem Briefkasten ist, dass er nur für Gedichte gedacht ist. Er kann postalisch erreicht werden. Oder man kann vorbeigehen und sein Gedicht selbst vorbeibringen.

Wie sind sie auf die Idee gekommen?

Ich bin freischaffende Künstlerin und Grafikerin und habe eine Vorliebe für Schrift. Auf die Poesie bin ich dann später gestoßen. Ich finde, sie geht im öffentlichen Raum unter. Und ich dachte mir, es gibt bestimmt viele, die allein vor dem Schreibtisch sitzen und dichten und gar keine Möglichkeit sehen, das nach außen zu tragen. Aus diesem Gedanken heraus ist die Idee entstanden, ein Poesieprojekt zu starten.

Was passiert mit den Gedichten?

Ich arbeite mit Melly Kieweg zusammen, sie ist Organisatorin der Bürgerinitiative Mehr Platz zum Leben. Sie hat mich eingeladen, das Kunstforum auf dem Hans-Mielich-Platz mit einer Poesieinstallation zu bespielen. Ich fand die Idee toll, die Poesie auf die Straße zu bringen. Die nächste Frage war: Wie komme ich an die Gedichte ran? Der Briefkasten sollte der erste Schritt für meine Installation auf dem Platz sein, die im nächsten Jahr entstehen soll.

Sind die Einsendungen also nur das Material für Ihre geplante Installation?

Nach den ersten Leerungen habe ich gemerkt: Das ist nicht nur Bastelmaterial. Hinter jedem Gedicht steckt ein Mensch mit Träumen. Der Briefkasten ist ein Schlüssel zu den Träumen der Menschen. Durch den Erfolg des Briefkastens habe ich zusammen mit Melly Kieweg und der Bürgerinitiative ein ganzes Programm um die Gedichte herum entwickelt.

Die Idee des „Poesiebriefkastens“ hat sich also weiterentwickelt, verselbstständigt?

So ist es. Wir haben ein Poetentreffen ins Leben gerufen, und alle Einsender, von denen wir die Adressen hatten, angeschrieben. Sie sollten die Möglichkeit bekommen, ihre Gedichte vorzutragen, zu teilen. Der Raum war proppenvoll. Mittlerweile gibt es auch eine Wanderausstellung, bei der wir die Gedichte zeigen.

Wie viele Gedichte haben sie denn schon gekommen?

Der Briefkasten hängt seit September 2013. Nach 14 Tagen habe ich die erste Leerung gemacht. Da war er ganz voll. Wir haben bisher über 400 Gedichte bekommen. Ich bin überrascht, wie viele Gedichte in den Briefkasten eingeworfen werden. Es reißt nicht ab.

Warum haben Sie nicht einfach eine E-Mail-Adresse eingerichtet, statt einen Briefkasten aufzuhängen?

Der analoge Charakter des Projekts ist sehr wichtig. Ich sehe das als Kontrapunkt in unserer Zeit. Es geht darum, sich hinzusetzen und sein Gedicht handschriftlich zu schreiben. So bekommt das Projekt eine gewisse Langsamkeit, das finde ich schön. Das entspricht dem persönlichen Charakter des Dichtens. Klar kriegen wir auch mal ein ausgedrucktes Papier. Aber ganz viele Gedichte sind toll verziert. Manche sind mit getrockneten Blüten verziert, manche mit Fotos. Manche sind auch nur auf Schmierzetteln notiert. Jedes Gedicht ist ein Individuum, wie sein Poet auch. Es sind nicht lauter gleichförmige Word-Dokumente.

Was wissen Sie über ihre Einsender?

Wissen kann ich nur, was die Dichter selbst preisgeben. Obwohl unsere Postadresse uns von überall her erreichbar macht, sind die meisten Einsendungen von Münchnern. Etwas mehr als die Hälfte der Gedichte stammen aus der Feder von Frauen. Rentner und auch ein Kind haben Gedichte gesandt, einmal sogar eine ganze Berufsschulklasse. Bei den Gedichten der Jugendlichen ging es fast nur um Liebe.

Um welche Themen geht es in den anderen Gedichten?

Neben dem Thema Liebe geht es auch um vieles Andere.. In vielen Gedichten werden Krisensituationen durch das Schreiben verarbeitet. Andere bringen Alltagssituationen aufs Papier, Mundartliches oder Humoriges. Wer selbst nicht dichtet, kann auch Werke seiner Lieblingsdichter einschicken.

Gibt es Stamm-Poeten, die immer wieder schreiben?

Wir haben richtige Fans, die viele Gedichte schicken. Es gibt da einen anonymen Einsender, aber ich erkenne mittlerweile die Handschrift. Er sendet immer sehr skurrile Sachen. Da geht es dann um andere Männer, die mehr Statussymbole haben als er und das vor sich hertragen. In seinen Gedichten bekommt das den Männern aber gar nicht gut. Ihr scheinbar so erfolgreiches Leben nimmt dann oft eine abrupte Wendung und er liegt in der Hängematte und freut sich. Einen prominenten Einsender hatten wir auch schon: Franz Xaver Kroetz hat uns ein Gedicht geschickt.

Der Poesiebriefkasten freut sich auch über poetische Post aus der ganzen Welt. Postanschrift:

Poesie-Briefkasten
Hans-Mielich-Platz 2
81543 München
Bundesrepublik Deutschland

 

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