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Stadt- und Landgeschichten: Shanghai
„Meine Poesie und Romantik schöpfe ich aus der Magie Shanghais“

Maleonn – Big Dream
Maleonn – Big Dream | © Maleonn

„Dass in meiner Kunst in all der verwilderten Ödnis immer etwas Poetisches und Romantisches mitschwingt, hat mit diesem Ort zu tun.“

Von Shen Qilan (沈奇岚)

Das neue Atelier des Fotokünstlers Maleonn (马良) liegt an der Ouyang Road (欧阳路) im Shanghaier Bezirk Hongkou (虹口区). Während wir in einem nahe gelegenen Restaurant auf einen Platz warten, beginnen wir, über seine Kindheit und „sein“ Shanghai zu sprechen. Draußen regnet es und die feuchte Winterkälte setzt uns unangenehm zu, doch bei den Gesprächen über die magischen Zeiten Shanghais wird uns warm ums Herz. Die Erinnerungen und Gefühle aus jenen abenteuerlichen Zeiten scheinen in Maleonns Werken durch wie Sonnenstrahlen, die durch die Risse zwischen den Zeitebenen dringen.

„Als Kind habe ich ein verlassenes Haus entdeckt, das man während der Kulturrevolution konfisziert hatte. Über den Verbleib der Besitzer war nichts bekannt. Im Eingangstor war ein Loch, durch das ich als kleiner Junge gerade so durchschlüpfen konnte. Dort drinnen war es für mich wie in einem Paradies. Es gab einen verwilderten Garten, die Zimmer waren mit Staub und Spinnweben überzogen und ihre Böden mit altem Papier übersät. Die Zeit schien in den Räumen stehengeblieben zu sein. Schemel und Betten waren mit einer Staubschicht überzogen, nur wenn man unter die Bettdecke kroch, war es sauber. In den Kristalllüstern hingen Spinnweben und wenn man zum Fenster hinaussah, blickte man in eine Wildnis. 

Ich verbrachte ganze Tage in diesem Haus. Wie ein Dieb durchstöberte ich den fremden Haushalt. Während draußen die Sonne schien, lagen die Zimmer im Dunkeln. Überall stieß ich auf Dinge, die mir Angst machten. Zum Beispiel klafften die Holzdielen auseinander, so dass ich fürchtete, einen Stock tiefer zu fallen. Wenn ich den Wasserhahn aufdrehte, gab es in der Leitung ein Geräusch, als würde jemand weinen. Dass in meiner Kunst in all der verwilderten Ödnis immer etwas Poetisches und Romantisches mitschwingt, hat mit diesem Ort zu tun.“

„Wohin führst du einen Freund, der zum ersten Mal nach Shanghai kommt?“

„Ich bin zunächst in der Nähe des Shanghaier Bezirks Xujiahui (徐家汇) aufgewachsen, das ist der Ort, der mir am vertrautesten ist. An zweiter Stelle kommt die Gegend mit den Kolonialbauten und die französische Konzession (法租界), hier erinnert mich alles an meine Jugendjahre. Ich würde meinen Freund durch die kleinen Gassen in dem ehemaligen Kolonialviertel führen. Dieser Ort ist wie eine Miniatur, die für ganz Shanghai steht, hier sind sich vor hundert Jahren die chinesische und die westliche Kultur begegnet. Die Gebäude entstammen der westlichen Tradition. Noch interessanter wurde es aber nach 1949, als die Gebäude eine seltsame Anatomie entwickelten. Da damals ein Haus unter Umständen von dutzenden Familien bewohnt wurde, wurden die Strukturen chaotisch. Oberflächlich sah es nach einem wunderschönen Leben aus, diese Häuser hatten ja sogar einen Garten. Doch in diesen Gärten war überall Kleidung zum Trocknen aufgehängt und sie waren mit Fahrrädern zugestellt. Es herrschten chaotische Verhältnisse.“

Maleonn hatte damals auch eine Bank entdeckt, in deren Gebäude allerdings ein Gemüsemarkt untergebracht war. Solche Szenerien, einerseits so komplex und chaotisch und andererseits doch auch bezaubernd und schön, haben ihn stark beeinflusst. In den von ihm inszenierten Bildern entstehen Poesie und Romantik immer an den Orten, an denen man sie am wenigsten erwartet.

„Als Kind hatte ich einen Mitschüler, dessen Familie während der Kulturrevolution in einer Kirche wohnte. Weil die Kirche ein hohes Gewölbe hatte, lebte jede Familie in einer kleinen Betonbox, in die auch eine Decke eingezogen war. Die Kirche war so groß, dass über zwanzig Familien in ihr Platz fanden. Zwischen den einzelnen Wohnungen verlief ein Korridor, über dem ein Gewirr aus Stromkabeln schwebte, außerdem war alles mit Plastiktüten und alten Kleidern vollgehängt. Der Korridor gab jedoch den Blick in das Kirchengewölbe frei. Man hob den Kopf und sah in das Dach einer gotischen Kirche mit ihren bunten Glasfenstern, es war wundervoll.“

Als Maleonn klein war, meinte eines Tages ein guter Freund von ihm, man könne vom Dach seines Hauses andere beim Duschen beobachten, auch die Frauen. Als die beiden Jungen aufs Dach geklettert waren, bemerkte Maleonn, dass alle Dächer des Straßenblocks miteinander verbunden waren. In diesem Moment schien es ihm, als hätte er ein neues Territorium entdeckt. Von hier oben sah die Welt ganz anders aus. In seiner Kindheit hat er viele Tage bei strahlend blauem Himmel auf den Dächern verbracht, um von dort aus das Treiben in den Gassen und die wechselvollen Schicksale der Menschen zu beobachten.

„Meine Grundschule war in einem dieser alten Gebäude im spanischen Stil untergebracht, ein hübsches Haus. Am Eingang befand sich die etwa acht Quadratmeter große, aus Backsteinen, Blech und Holz zusammengeschusterte Behausung einer Müllsammlerin. In dieser heruntergekommenen Baracke wohnte die alte Dame gemeinsam mit einem kleinen Kind. Wir Kinder hielten die alte Frau für eine Hexe, jeden Tag erschreckten wir sie und rannten anschließend davon. Eines Tages hing ein Zettel am Eingang unsere Schule, auf dem es hieß, die Grundschule sei 500 Meter weiter umgezogen. Unsere ehemalige Schule war infolge einer politischen Maßnahme an ihren ehemaligen Besitzer zurückgegeben worden. Als ich später einmal an dem Tor des Hauses vorbeikam, sah ich die Müllsammlerin mit dem Kind am Eingang in der Sonne sitzen. Sie also war die Eigentümerin des Hauses gewesen. Ganze zehn Jahre hatte sie in der Kulturrevolution immer neben diesem Tor gelebt und wie eine Bettlerin das eigene Haus vor Augen gehabt.“

Was für eine bittere Geschichte, beide seufzen wir betroffen.

Maleonn: „Heute bezeichnet man Shanghai auch als die ‚magische Stadt’, und die Stadt steckt wirklich voller Magie. Das Magische ist oft verworren, aber es vermag uns in Staunen zu versetzen. Eigentlich gibt es im Leben jedes Menschen magische Dinge, die sich einem ins Gedächtnis eingeprägt haben. Ich bin in dieser Stadt geboren, und diese Stadt ist in vieler Hinsicht chaotisch. Doch dieses Chaos ist für mich inzwischen zu einem wichtigen Instrument geworden, um meine Gefühle für diese Stadt auszudrücken.“
 

Maleonn ist einer der einflussreichsten Konzeptfotografen im heutigen China sowie einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler Shanghais. Er wurde in den 1970er Jahren geboren, ist in einer Shanghaier Theaterfamilie aufgewachsen und lernte schon früh, zu malen. Bevor er sich ganz auf die Kunst verlegte, arbeitete er unter anderem als Grafikdesigner, Illustrator, als Chef eines Spielzeugladens, als Requisiteur beim Film und als Regisseur von TV-Spots. Seine Arbeiten wurden in Galerien und Kunsträumen auf der ganzen Welt ausgestellt. Über sein soeben abgeschlossenes Kunstprojekt Studio Mobile (移动照相馆) wurde in den chinesischen Medien ausführlich berichtet und es fand auch international Beachtung. Maleonn wurde als erster Chinese mit dem Black and White Spider Award als Fotograf des Jahres ausgezeichnet. Chinesische Medien bewerten ihn unter den chinesischen Nachwuchskünstlern als das charismatischste geistige Vorbild.

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