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Stadt- und Landgeschichten: Berlin
„Trotz ist für mich ein starker Antrieb“

Tanja Langer am Bahnhof Friedrichstraße
Tanja Langer am Bahnhof Friedrichstraße | © Susanne Schleyer

Im Herzen Berlins, am Schiffbauerdamm, fühlt sich die Schriftstellerin und Verlegerin Tanja Langer wohl. An diesem geschichtsträchtigen Ort – das „Berliner Ensemble“ und der ehemalige Grenzübergang Friedrichstraße befinden sich in seiner unmittelbaren Nähe – lässt sich die immer wieder neue Wege einschlagende Querdenkerin von der eigentümlichen Mischung aus Wasser und Stadt, aus Poesie und Politik inspirieren.

Von Tanja Dückers

„Es fällt mir schwer, nur einen Lieblingsort in Berlin zu benennen“, sagt die Schriftstellerin Tanja Langer, 1962 in Wiesbaden geboren, Wahlberlinerin schon seit über 30 Jahren, während sie unerschrocken mit mir bei Hagelschauer und Graupeln am Schiffbauerdamm entlang spaziert, eine weinrote Barettmütze auf dem Kopf. „Aber diese Gegend hier am Fluss und am Bahnhof Friedrichstraße, diese Mischung aus Wasser und Großstadt, gefällt mir besonders gut“. Sie fährt gleich fort: „Wie der moderne Bahnhof sich hier an den Fluss schmiegt, wie die Dinge ineinander übergehen, das Mondäne und das natürliche Element, Glas, Stahl und Wasser, also das ist einfach sehr schön“. Der Schiffbauerdamm, in Berlins Stadtteil Mitte gelegen, nimmt Bezug auf die früher hier ansässigen Betriebe des Schiffbaus. Ende des 17. Jahrhunderts wurde im Bereich des heutigen Reichstagsufers eine Werft errichtet. Friedrich I. wollte, Überlieferungen zufolge, zwischen seinen Schlössern sanft übers Wasser gondeln, anstatt mit der Kutsche über staubige, sandige Landstraßen zu „rumpeln“. Aber es ging nicht nur um die romantische Fahrweise: In der Werft wurden auch Kriegsschiffe gebaut.

Der Bahnhof Friedrichstraße war mal mehr als nur ein trubeliger S-Bahnhof

Auf der anderen Seite der Spree, am Reichstagsufer, befindet sich 135 Jahren der Bahnhof Friedrichstraße. Mit täglich circa 210.000 Fahrgästen gehört er zu den meistgenutzten S-Bahnhöfen Deutschlands. 1882 erbaut, wurde er wegen des rasch wachsenden Verkehrs 1925 umfassend erweitert und erhielt dem Zeitgeist entsprechend Eingangsbauten in expressionistischer Manier. Im Zweiten Weltkrieg wurde der zentral gelegene Bahnhof schwer beschädigt und kurz vor Kriegsende wie viele Berliner Bahnhöfe geflutet, was zahllose Menschen das Leben kostete. Im Sommer 1945 reiste Stalin hier zur Potsdamer Konferenz an. Dafür wurde eigens eines der Ferngleise auf russische Breitspur umgestellt. In Zeiten der Deutschen Teilung war hier einer der wichtigsten Grenzübergänge.

„Mit dem Bahnhof Friedrichstraße sind für mich auch viele persönliche Geschichten verbunden“, beginnt Tanja Langer zu erzählen. „Ich wollte eine Freundin treffen – treffen – 1986 war das –, die ehemalig aus der DDR geflohen war und nun über Transit anreiste, ich war ja schon drei Jahre vor der Maueröffnung nach Westberlin gezogen. Aber die Freundin kam und kam nicht über den Grenzübergang. Ich machte mir große Sorgen, dass sie in Schwierigkeiten geraten sein könnte. Und das konnte Gefängnis oder sonst was heißen. Ich wartete und wartete – damals gab es ja noch keine Handys! Schließlich bin ich zurück in den Wedding, zu meiner kleinen Wohnung, da stand sie schon vor der Tür...“.

Weit kommen wir nicht auf unserem Spaziergang. Nicht nur, dass uns der Hagel ins Gesicht peitscht – Tanja ist nicht besonders zimperlich -, aber Tanja verbindet jeden Ort, der im Umkreis von 200 Metern des Schiffbauerdamms liegt, mit einer Geschichte. „Der ‚Kartoffelkeller’, eine schräge Kneipe, da hatte ich mal eine skurrile Begegnung...“ Eine Geschichte folgt auf die nächste. Kein Wunder, dass die bekannte Autorin viel veröffentlicht und in verschiedenen Genres arbeitet.

Frühe Freundschaft zum von der RAF ermordeten Bankier

Zunächst hatte Tanja Langer Theaterstücke geschrieben, die sie oft mit ihrer eigenen Gruppe „Theater Anna Oh.“ - aufführte. Im Jahr 1999 debütierte Tanja Langer mit dem Roman „Cap Esterel“, einer Beziehungsgeschichte an der Côte d’Azur, in der ihr Talent zur überzeugenden Figurengestaltung deutlich wurde. Seitdem hat sie sechs Romane, zwei Opern-Libretti, viele Lieder, weitere Theaterstücke, zwei biografische Romane (Kleist/Henriette Vogel, Munch), einen Foto-Buchband sowie zwei Hörspiele geschrieben.

Manche ihrer Bücher haben autobiographische Züge, so Der Tag ist hell, ich schreibe dir (2012). Darin geht sie ihrer in den frühen Achtziger Jahren – trotz politischem Dissens - entstandenen Freundschaft zum damals bekanntesten deutschen Bankier Alfred Herrhausen (1930-1989) nach, der 1989 bei einem Attentat ermordet wurde, das der Roten Armee Fraktion zugeschrieben wurde. Auch in den Roman „Der Morphinist oder die Barbarin bin ich“ (2002) waren eigene Erfahrungen eingeflossen, was den Umgang mit dem NS-Erbe im gegenwärtigen Deutschland betrifft. Meist wird die Vergangenheit aus der Gegenwart betrachtet, was ihr das Lob des ausgezeichneten Schreibens „aus dem Hier und Jetzt“ einbrachte.

Von Oberidioten und Genies (oder: Der Weg zur Musik)

In den letzten Jahren hat sie sich zur Oper und zum Arbeiten mit Komponistinnen und Komponisten hingezogen gefühlt. Ihr jüngstes Opernprojekt heißt „Ovartaci - „crazy, queer und loveable“ und erste Szenen daraus wurden bei einem Vorkonzert in Berlin begeistert aufgenommen. Elf bekannte Komponistinnen und Komponisten der Atonale e.V. aus dem Bereich der Neuen Musik wie Martin Schneuing, Martin Daske, Rainer Rubbert oder Charlotte Seither haben jeweils einzelne Szenen von Langers Libretto musikalisch umgesetzt. Ovartaci (eigentlich Louis Marcussen) war ein dänischer Künstler, der Jahrzehnte seines langen Lebens (1894-1985) in der Psychiatrie verbrachte. Marcussen gab sich selbst den Namen Ovartaci nach dem jütländischen Wort „Overtossi“ - „Ober-Idiot“. Leben und Werk dieses Außenseiters mit reichem Innenleben haben Tanja Langer fasziniert. In einer Stadt wie Berlin mit einer hohen Künstlerdichte finden sich schneller als anderswo die richtigen Partner für solche komplexen interdisziplinären Projekte.

Büffel sind schlau, stoisch und trotzig. Und haben mit Literatur zu tun.

Vor zwei Jahren hat Tanja Langer einen Verlag gegründet: Bübül. „Wieso Bübül“, möchte ich wissen, während wir in einem kleinen Café Platz nehmen und heißen Tee trinken, denn draußen jagt immer noch ein Graupelschauer den nächsten. Und ich bekomme eine ungewöhnliche Antwort: „Ich habe in einer Nacht davon geträumt, dass ich einen Verlag gründe – mit genau diesem Namen! Ja, wirklich!“ Das Logo des Verlags ist ein kleiner Büffelkopf gestaltet von Maria Herrlich. Büffel sind schlau, stoisch und trotzig - Eigenschaften, die man sicherlich als Verlegerin in Berlins Kulturlandschaft braucht, um sich durchzusetzen. Bülbül das auch in Bübül anklingt, ist das persisch-türkische Wort für die Nachtigall, den Vogel der Poesie. Bisher laufen die kleinen Bücher des neuen Verlags ziemlich gut. Vielleicht auch, weil sie liebevoll gestaltet sind: Tanja Langer verpflichtet für jeden Band einen Bildenden Künstler. Einige Bücher sind zweisprachig. „In Berlin gibt es 126 Sprachen“, sagt die Verlegerin, „von dieser enormen Vielfalt möchte ich wenigstens ein bisschen etwas abbilden“. Ein Movens für Tanja Langer, neben ihren vielen Aufgabenfeldern noch einen Verlag zu gründen, war auch die mangelnde Experimentierlust großer Verlage. Sie wollte einfach bestimmte Projekte fördern und in bibliophiler Ausstattung zu bezahlbaren Preisen auf den Markt bringen können. In der Reihe „Der kleine Bübül“ erscheinen Kinderbücher.

Einen herausragenden Text hat Tanja Langer selber verfasst: Die Kurzgeschichte „Singvogel, rückwärts“, mit kongenialen Illustrationen von Christiane Wartberg, ist vor zwei Jahren bei Bübül erschienen. In dieser Geschichte beschreibt Tanja Langer eine familiäre Spurensuche in Polen, die nicht unpathetischer, rauer, überraschender und klischeefreier hätte ausfallen können - große Literatur.

Schriftstellerin, Salonnière, Verlegerin, Verfasserin von Opernlibretti, Theaterregisseurin, Mutter dreier Töchter – Tanja Langer, die über sich selber sagt: „Ich arbeite Tag und Nacht“ und „Trotz ist für mich ein starker Antrieb“ hat zweifellos viel Energie. Anders als viele andere Schriftsteller, die eher ein Leben im Elfenbeinturm pflegen, hat sich Tanja Langer seit Beginn der große Flüchtlingsströme nach Berlin ab Herbst 2015 sehr für die vielen Neuberliner eingesetzt. Vielleicht, erzählt sie nun, hat dies auch mit ihrer eigenen Biographie zu tun: Die Eltern waren Flüchtlinge aus Oberschlesien. So nahmen sie und ihre Familie eine junge Frau auf, die über Lampedusa aus Nigeria nach Berlin gekommen war und halfen ihr, hier anzukommen; danach betreute sie einen jungen Mann aus Mali, der wegen der Regeln des Dubliner Übereinkommens allerdings zurück nach Italien geschickt wurde, was die Autorin sehr erbost – “Was für ein Unsinn! Er hat hier Deutsch gelernt, er hatte einen Praktikumsplatz in Aussicht – so eine idiotische Politik!“

Wo Brecht und Weigel einst zuhause waren

Der erste Sonnenstrahl fällt heute aufs Berliner Pflaster; schon springt Tanja Langer wieder auf. Sie möchte mit mir jetzt zum „BE“. Eigentlich müsste man sagen: „Theater am Schiffbauerdamm“, in Berlin redet man aber nur vom BE. Das Theater am Schiffbauerdamm ist die Spielstätte des Berliner Ensembles (BE). Der neobarocke Bau des Architekten Heinrich Seeling (1852-1932) am Bertolt-Brecht-Platz gilt als eines der prächtigsten Theater Deutschlands. Seine Geschichte spiegelt die wechselvolle deutsche Geschichte: So eröffnete das Theater 1882 mit Goethes Iphigenie auf Tauris. Auf dem Spielplan des Theaters standen auch zeitkritische Uraufführungen von Gerhart Hauptmann (Die Weber), Arno Holz, Max Halbe oder Frank Wedekind, 1928 fand hier die Uraufführung der Dreigroschenoper von Brecht und Weill statt. Es war Spielstätte bedeutender Regisseure und Schauspieler wie Max Reinhardt und Gustav Gründgens (er zeigte hier seine erste Regie), fungierte jedoch auch, insbesondere im Ersten und Zweiten Weltkrieg, als Operettentheater und verbreitete bis zur kriegsbedingten Schließung im Herbst 1944 eine Durchhalte-Ideologie.

Seit 1954 ist das Haus Spielstätte des von Helene Weigel und Bertolt Brecht gegründeten Berliner Ensembles. Seitdem hat es viele berühmte Intendanten gesehen, von Peter Zadek über Heiner Müller bis hin zu Claus Peymann. Hier hat die Schriftstellerin als Studentin Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ gesehen, Stücke von Heiner Müller und später von Zadek. „Das Deutsche Theater liebe ich aber auch“, sagt sie, „dort habe ich in den letzten Jahren mit das Beste gesehen, was Schauspielkunst und Regie zu bieten haben.“

Vom BE ist es nur ein Katzensprung zum Bahnhof Friedrichstraße. Von hier geht es zurück in den Südwesten Berlins. Obwohl Tanja Langer mit ihrem Lebensgefährten und ihren Töchtern am Wannsee lebt, fährt sie oft ins Zentrum von Berlin. Vielleicht bringt Tanja Langer deshalb so viel Energie für ihr eigenes Schreiben, für den neuen Verlag, für interdisziplinäre Projekte und für die humanitäre Hilfe auf, weil sie einen Rückzugsort vom Trubel und vom bunten Treiben in Berlins Innenstadt hat. Aber „immer wenn ich hier am Schiffbauerdamm stehe, den Bahnhof Friedrichstraße vor mir und diesen weiten Blick – wie weit man hier nach Ost und West gucken kann! – dann weiß ich, ich bin sehr gern hier“, so die Schriftstellerin.

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