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Stadtgeschichte: Berlin
„Mein Luxus ist dieser Garten“

Bianca Schaalburg
Bianca Schaalburg | ©Susanne Schleyer

Die Berliner Illustratorin Bianca Schaalburg lässt sich am Wochenende in Charlottenburg im prachtvollen Schlossgarten zu neuen Ideen inspirieren.

Von Tanja Dückers

Das Schloss Charlottenburg (1695-99), bedeutendste Schlossanlage der preußischen Könige und deutschen Kaiser in Berlin, ein Lieblingsort der Hohenzoller, ist in der heutigen bunten und chaotischen Stadt ein ebenso betörender wie Ruhe spendender Anblick. Ins Schloss hinein gehen wir aber heute nicht. Bianca Schaalburg, gebürtige Berlinerin (*1968), hat ein besonderes Faible für den barocken Schlossgarten und den angrenzenden englischen Landschaftspark. Dass die Illustratorin Farben liebt und einen ausgesprochenen Sinn für die schönen Dinge im Leben hat, sieht man ihr an. Von Fuß bis Kopf – sie hat eine Schwäche für Mützen – kreiert sie jeden Tag ein neues wunderbares Outfit, bei dem die Strümpfe auch noch zur Haarspange passen. Am Wochenende lässt die bekannte Illustratorin hier oft die vergangene Woche Revue passieren und sich gleichzeitig zu neuen Ideen inspirieren. Seit 1998 lebt sie quasi gegenüber dem Schloss in der Nähe vom Klausenerplatz.

Wie gut Bianca Schaalburg den Schlossgarten und seine Umgebung kennt, merkt man schon bevor wir angekommen sind: „Hier, wo jetzt dieser Parkplatz ist, habe ich vor fünfzehn Jahren noch mit meinem Söhnen auf dem Spielplatz gespielt“.  Überhaupt habe sich viel geändert: „Es gibt heute viel mehr Kontrollen“, erfahre ich. „Man darf nicht einfach auf jeder Wiese liegen. Früher haben wir beinahe jedes Wochenende ausufernde Picknicks veranstaltet. Hinten am Wasser, auf den Uferwiesen, darf man auch nicht mehr liegen.“

Dennoch, Bianca Schaalburg liebt diese Anlage. Als wir den schattigen, von hohen Bäumen umsäumten Parkweg hinter uns lassen und plötzlich vor dem großzügigen Karpfenteich stehen, bleibt sie stehen und hält inne: „Immer, wenn ich hier um die Ecke biege, dann fällt alles von mir ab – die ganze Arbeitswoche, alles. Dieser hohe Himmel, die Weite, das Licht ...! Es ist so schön hier.“  In der einen Richtung sieht man bis zur Roten Brücke, auf der anderen zum Schloss. Auf der Treppe zum Karpfenteich befinden sich acht Putten und vier Ziervasen. Die Putten sollen die vier Jahreszeiten sowie die vier Elemente der Erde repräsentieren. Über einen Zugang zur Spree war das Schloss schon in früheren Zeiten per Boot erreichbar. Zwischen Karpfenteich und Schloss warten noch Wasserspiele auf den Besucher. Eine Fontäne schießt in der wärmeren Jahreszeit über 30 Meter hoch in den Himmel.

Berlin

Bianca Schaalburg läuft nun ein paar Schritte weiter: „Im Sommer sind die Blumen natürlich noch prächtiger. Vielleicht klingt es kitschig, aber diese Blumen...  diese Blumenparade müsste man eigentlich sagen... verzaubern mich. Diese überschwänglichen Hippiefarben ... Flower Power im preußischen Ambiente... Verschwendung und Strenge...  mich faszinieren diese Gegensätze hier!“ Hinter den Blumen fällt unser Blick jetzt auf mindestens zwanzig frische Maulwurfshügel: „Und das finde ich auch großartig“, ergänzt die Künstlerin: „Trotz aller Ordnung und allen Verboten: Gegen die Maulwürfe ist nichts zu machen“. Sie grinst und man spürt etwas von dem Humor, der viele ihrer Arbeiten kennzeichnet: „Echter Berliner Underground eben“. Und schon reden wir über Maulwürfe als Comicfiguren und als Helden für Kinder.

Bianca Schaalburg, ausgebildet im Letteverein und an der Hochschule der Künste  (Berlin),  u. A. bei Jürgen Spohn, bei Květa Pacovská, der Grande Dame der tschechischen Illustration sowie bei dem polnischen Plakatkunstgrafiker Jan Lenica, ist eine sehr vielseitige Gestalterin. Sie hat Krimis und Kinder- und Schulbücher illustriert, Logos und Postkarten entworfen, für Frauenzeitschriften, die Berliner Tagespresse und für Politik- und Finanzmagazine zum Stift gegriffen. Sie hat eigene Bücher geschrieben und bebildert sowie Objekte gestaltet. „Eine Sache fehlt mir noch“, überlegt sie stirnrunzelnd. „Ich habe noch keine Briefmarke entworfen“. Und dann augenzwinkernd: „Das kommt noch“. Immerhin, einer ihrer Professoren an der HdK, Jan Lenica, hat zweimal für die Bundespost Briefmarken gestaltet. 

Man hat das Gefühl, dass es einfach nichts gibt, was Bianca Schaalburg - seit 2006 übrigens Mitglied in dem in der Illustratorenszene bekannten Atelier petit 4 - nicht kann: Tiere und Menschen, Landschaften und Logos, witzige Cartoons und Gehalt suggerierende Buchcover gelingen ihr gleichermaßen mit sicherem Strich.  Eindrucksvoll sind ihre Portraits von Politikern und Berühmtheiten: Der ehemalige Berliner Oberbürgermeister Klaus Wowereit in karnevaleskem Aufzug, Brecht, kokett als Charmeur und Herzensbrecher, die Englische Queen als Eiserne Lady, die, trotz dampfender Teetasse in ihrer Hand, an die britischen Interessen im ewigen Eis denkt. Unter dem Kürzel BiSch hat Schaalburg über 400 Cartoons mit Biss veröffentlicht, meist im Berliner Stadtmagazin zitty, aber auch in der Frankfurter Rundschau und an anderen Orten.

Wir gehen weiter zur Roten Brücke, im Hintergrund sehen wir das Mausoleum, das wunderschöne Belvedere („Tee-Schlösschen“) und die Luiseninsel. Auf der Brücke bleibt Bianca Schaalburg stehen und betrachtet interessiert die gelben Herbstblätter, wie sie langsam im Wasser trudeln und schaukeln. „Das sieht so schön aus ... es sind vor allem Bilder, die ich von hier immer wieder mitnehme. Und die Seerosen da hinten – wie von Monet gemalt“. Bianca Schaalburg hat eine Fähigkeit nie verloren, die viele Menschen nur als Kinder besitzen: Dinge immer wieder neu betrachten und bestaunen zu können. Das Besondere im Kleinen, scheinbar Alltäglichen zu finden.

Neben den „großen“ Themen hat bei ihr auch Absurdes und Verspieltes seinen festen Platz: So gibt es seit letztem Jahr für Menschen, die gern Listen ausfüllen, Schaalburgs „Mein supertolles Listenbuch. Mit 100 Top Ten Listen zum Ausfüllen“.  Wer das Buch ausgefüllt hat, bemerkt, dass er soeben erfolgreich einen Kurs in Sachen Selbsterkenntnis absolviert hat.

Neben der Entwicklung eigener Buchprojekte von der Idee bis zur Gestaltung macht es Schaalburg besonderen Spaß, sich neue Produkte vorzuknöpfen, die Illustration vom weißen Blatt herunterzuholen: Sie hat Brillenputztücher grafisch gestaltet,   Kaugummipackungen („Charity Gums“ - beim Kauf geht eine Spende an soziale Projekte in Berlin), Frühstücksbrettchen, Handytaschen, Lesezeichen und Stadtpläne im Postkartenformat, um nur einiges zu nennen.

Trotz der Bandbreite gibt es etwas „Schaalburg-artiges“ in den unterschiedlichen  Arbeiten. Die sehr genaue Beobachtung, die Liebe zu feinen Farbabstufungen, das Ausschmücken mit Ornamenten (dass Schaalburg eine Barockanlage so gefällt, verwundert nicht) und der hintergründige Witz (da gibt es einen Weihnachtsmann, der auf der Couch beim Psychoanalytiker vom Eier-Legen fabuliert). Sicher stiften die vielen Katzen, die bei Bianca Schaalburg auftauchen, auch eine Gemeinsamkeit. Schaalburg ist natürlich selbst Katzenhalterin. Nach dem Namen ihres Katers gefragt, kommt die Antwort: „Zizou. So wie der Spitzname von Zinédine Zidane. Meine Söhne wollten unserem Kater damals unbedingt den Namen eines berühmten Fußballspielers geben. ‚Oliver Kahn’ stand auch zur Debatte. Ich bin sehr froh, dass sie sich für Zizou entschieden haben! Zizou klingt viel mehr nach Katze!“

Wir könnten noch länger hier herumschlendern. Das Herbstlicht lässt die bunten Blätter überall aufleuchten. Hier, im Schlosspark, kann man Momente erleben, die vor drei- oder vierhundert Jahren ganz ähnlich gewesen sein mögen.

Bianca Schaalburg bleibt stehen und dreht sich einmal ganz um die eigene Achse, als wolle sie den prachtvollen Anblick für immer in sich aufsaugen: „Für mich ist mein wöchentlicher Spaziergang in diesem tollen Park ein Luxus. Ich hab’ keinen eigenen Garten, aber dieser hier steht mir immer zur Verfügung“. „Allerdings“, fällt ihr jetzt ein, „gab es vor Jahren einen Vorstoß der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, der das Schloss Charlottenburg formal gehört, hier Eintritt erheben zu wollen. Zum Glück hat sich sofort starker Widerstand der Bevölkerung erhoben - viele Leute müssen durch den Park, weil er auf ihrem täglichen Weg liegt. Ich bin froh, denn sonst hätte ich als Anwohnerin für jeden kleinen Gang hierher bezahlen müssen“.

Bleiben möchte Bianca Schaalburg am Liebsten „für immer“ in dieser Gegend, in der sie so verwurzelt ist. Man kann gespannt bleiben, was für Ideen und neue gestalterische Ansätze die Künstlerin in Preußens berühmtestem Park noch so aushecken wird.

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