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Stadt- und Landgeschichten: München
„Das Nationalmuseum könnte ich abküssen“

Christine Wunnicke
© Christine Wunnicke

Christine Wunnicke spricht über München als Wohnung, einen lieben Kastraten und die Geheimnisse des Spiritismus.

Von Thomas Lang

Es ist Freitagabend, kurz nach einundzwanzig Uhr. Die herrschaftliche Treppe im Zentrum der Bayerischen Staatsbibliothek ist leer und meine Schritte verhallen in dem hohen Bau. Früher durfte niemand außer dem König diese Treppe benutzen. Der allgemeine Lesesaal ist noch bis Mitternacht geöffnet, die Sonderlesesäle für Musik, Handschriften, Osteuropa und Asien dagegen sind um diese Zeit bereits geschlossen. Tagsüber herrscht reger Betrieb - etwa 3000 Menschen kommen täglich hierher. Insgesamt sind es rund 70.000 Nutzer, die auf einen Bestand von über zehn Millionen Medien zurückgreifen können.

Der Münchener Autorin Christine Wunnicke ist es der liebste Ort in der Stadt. Wir haben uns auf den Stufen der großen Treppe niedergelassen, über uns die Säulenreihen und das Gewölbe der vom Architekten Friedrich Gärtner Mitte des 19. Jahrhunderts entworfenen Halle. Wunnicke kommt hierher, seit sie sechzehn ist. Sie ist vielfach mit der „Stabi“ verbunden, wie die Bibliothek umgangssprachlich genannt wird. Allerdings gibt sie zu, dass sie die Räume immer seltener wirklich aufsucht. „Ich benutze mittlerweile hauptsächlich das wunderbare Online-Angebot“, sagt sie. Aber es ist auch ein Ort der Erinnerungen. Hier lagern Original-Memoiren ihres „Lieblingskastraten“, des Barock-Sängers Filippo Balatri, über den sie eine Biografie geschrieben hat. Auch manches nur auf Mikrofilm erhältliche Material sichtet sie hier.

Christine Wunnicke hat seit 1998 zehn Bücher veröffentlicht, daneben zahlreiche Hörspiele und Radiofeatures. Ihre Prosa spielt oft zu entfernten Zeiten an nicht weniger entfernten Orten. In Nagasaki ca. 1642 schildert sie eine „historische Kulturbegegnung“ (literaturkritik.de) zwischen Osten (Japan) und Westen (Holland) und die ewigen Schwierigkeiten im Umgang mit der Liebe. Und in ihrem aktuellen Buch Katie geht es um den britischen Wissenschaftler William Crookes, der im 19. Jahrhundert der radioaktiven Strahlung auf der Spur war, aber ebenso an die paranormalen Fähigkeiten des seinerzeit bekannten Mediums Florence Cook glaubte. Den Geist-Erscheinungen zum Trotz – Wunnicke, deren Schreiben der Spiegel „bezaubernd“ nannte, zeigt selbst keinen Hang zum Spiritismus, vielmehr bezeichnet sie sich als „Supermaterialist“.

Ihre Bücher unterlaufen die genretypische Milieumalerei des historischen Romans. Weit mehr als von den abstrus-authentischen Stoffen leben sie von der präzisen Sprache, den pointierten Bildern und dem unglaublichen Gespür der Autorin für Komik. Bereits zweimal waren Titel von Wunnicke für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Die Bayerische Staatsbibliothek kann auf eine fast fünfhundertjährige Geschichte zurückblicken. Das jetzige Gebäude ließ Ludwig I an der nach ihm benannten Magistrale errichten. Sie führt vom Odeonsplatz, der damaligen nördlichen Stadtgrenze, hinaus nach Schwabing. Auf ihr sind einige Ministerien des bayerischen Freistaats ebenso versammelt wie die wichtigsten Universitätsgebäude. Bei ihrer Errichtung spotteten die Münchener, weil dort draußen noch die Schafe weideten. Heute liegt die Ludwigstraße mitten in der Stadt. Christine Wunnicke ist zum Studieren allerdings nach Berlin und ins Ausland gegangen. Die gebürtige Münchenerin sagt von sich, dass ihr die „bayerischen Gene“ fehlten. „Ich trink kein Bier, trag kein Dirndl, rede grottenschlecht Bayerisch“, erklärt sie.

Ihr Verhältnis zu ihrer Heimatstadt ist von großer Gelassenheit geprägt, München ist für sie „wie eine angenehme Wohnung“, voll toller Sammlungen, etwa der paläontologischen oder des Nationalmuseums, das sie aufgrund seiner kulturhistorisch bedeutenden Ausstellung „abküssen“ könnte. Dennoch bezeichnet sie die Stadt salopp als „die Null-Inspiration“. In unserem Gespräch zeigt sie häufig diese liebevoll-kühle Distanz zu ihrer Heimatstadt.

Wunnickes Roman Serenity spielt im Münchener Glockenbachviertel der Gegenwart. Ein über fünfzigjähriger Philosoph, der sein halbes Leben mit einer Habilitation über das Nichts verbracht hat, wird darin zum Raub des Internets und entdeckt an sich eine unbekannte Seite: die fünfzehnjährige Serenity, als die er sich im Netz bewegt. Es werde immer „eine bittere Satire“, wenn sie „hiesige, jetzige Leute“ schildere. „Je näher etwas an mich heranrückt, desto krasser wird das.“ Deshalb bevorzugt sie Stoffe, die zeitlichen wie räumlichen Abstand halten.

Wunnicke schildert sich als eine Frau, die es mag, unabhängig und mit wenig Austausch zu arbeiten. Im Grunde könnte sie sich vorstellen, als digitale Nomadin zu leben, von einem kalten(!) Land ins andere zu reisen. „Das finde ich großartig.“ Die Mehrzahl ihrer Reisen unternimmt sie jedoch vom Schreibtisch aus.

Ich frage sie (nach einem beliebten Diktum des 20. Jahrhunderts), ob Dichtung das Leben bessern könne. Wie häufig hat sie einen ironischen Unterton, als sie antwortet: „Dichten? Ja, das bessert das Leben. Besonders wenn es sich reimt.“

Und damit gehen wir hinaus aus dem Palast des Wissens in die raue süddeutsche Herbstluft. Dem Gebäude ist nicht mehr anzusehen, dass es im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde. Die Fassade des mit 152 Metern Länge und 78 Metern Tiefe größten deutschen Blankziegelbaus ist längst wieder intakt. Auf der Freitreppe sitzen ungerührt vier steinerne Gestalten, die ans klassische Griechenland erinnern, die Wiege unserer Kultur. Einer ist der Geschichtsschreiber Thukydides, ein anderer der Philosoph Aristoteles, ein dritter der Arzt Hippokrates. Der vierte ist der Dichter Homer.

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