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Blaue Stunde in Shanghai III
Yanqing-Straße

Yanqing Straße
Yanqing Straße | © btr

Unter all den chinesischen Aphorismen über den „Weg“ ist der von Lu Xun (鲁迅) aus seiner Erzählung Die Heimat (故乡) am bekanntesten: „Ob es nun Hoffnung gibt oder nicht, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es ist so wie mit den Wegen auf Erden. Ursprünglich gab es keine, aber wo viele Menschen laufen, entstehen auch Wege.”

Von btr

Durch die in der ehemaligen französischen Konzession gelegene Yanqing Straße (延庆路, Route de Grouchy) scheint sich Lu Xuns Annahme auf einer realen Ebene ganz lapidar zu bestätigen: Vor hundert Jahren verlief dort nur ein kleiner Pfad, der die Straßen Donghu (东湖路) und Huating (华亭路) miteinander verband. Später jedoch findet sich im Verzeichnis der Straßen von Shanghais Bezirk Xuhui (上海市徐汇区地名志) folgender Vermerk: „Die Passanten wurden täglich mehr und der Weg damit immer ausgetretener. Bis die französische Stadtverwaltung von Shanghai um das Jahr 1919 den ursprünglichen Trampelpfad verbreiterte und bis zur Changshu Straße (常熟路) verlängerte, wodurch die Straße ihre heutige Gestalt erhielt.“
 
Ein Jahrhundert später ist die Yanqing Straße mit 496 Metern immer noch so lang und mit einer Fahrbahnbreite von 7 bis 7,5 Metern immer noch so breit wie damals und gehört zu den 64 Straßen in Shanghai, die „auf ewige Zeiten nicht ausgebaut werden sollen“. Und ganz gleich, wie lange diese Ewigkeit bemessen wird, ist mir die „Yanqing lu“ bis heute das liebste Sträßchen in ganz Shanghai.
Rätselhafte Spatzen Rätselhafte Spatzen | © btr Ist man von der Changshu Straße nach Osten in die Yanqing eingebogen und hat dann die Huating Straße überquert, beschreibt die Straße einen seltsamen Bogen: Sie wendet sich also zunächst klar nach Osten, um sich dann unwillkürlich mit der nach Norden verlaufenden Fumin Straße (富民路) zu vereinen. Allein dieser kalligraphisch anmutende Schwung scheint den Charakter der Straßen von Shanghai zu beschreiben: Sie verlaufen dieserorts nicht schnurgerade oder schachbrettartig, manchmal scheinen sie geradezu willkürlich einen Haken zu schlagen; wobei eine Kurve oftmals eine Abkürzung bedeutet. Doch weil all diese Abkürzungen in einem Knotenpunkt aus fünf Straßen münden (den Straßen Yanqing, Donghu, Changle (长乐路), Xindong (新乐路) und Fumin), bringt das den Verkehrsfluss erheblich zum Stocken. Noch dazu ist die Yanqing eine schmale Einbahnstraße, weshalb die Autos schließlich klein bei gegeben haben und auf andere Straßen ausgewichen sind. Selbst der Bus Nr. 49, der eine Weile hier entlang fuhr, hat nach der Weltausstellung 2010 seine Route geändert. Endlich war diese Straße als Abkürzung nur noch den Fußgängern vorbehalten.  
 
Wollte man für die Yanqing Straße eine Übersichtskarte zeichnen, müsste dieser Plan auf jeden Fall etliche Ebenen beinhalten: eine historische und eine architektonische, eine für Geschäfte und eine für Grundstücke. Für einen Flaneur allerdings, der hier beinahe jede Woche vorbeischaut, um sich ein Bild zu machen – das heißt für mich - legt sich zusätzlich die Ebene persönlicher Erinnerung über all diese Schichten. Nicht dass es für mich nicht von Interesse wäre zu erfahren, welches Gebäude unter Denkmalschutz steht, welches Stadthaus im Stil der Renaissance erbaut wurde, in welchem Gässchen einst ein Revolutionär lebte oder in welchem auf den Verkauf von Getreide und Speiseöl spezialisierten Laden Teigflecken für Wan-Tan verkauft werden. Ich will damit sagen, dass persönliche Erinnerungen Menschen und Orte viel direkter verbinden, dass sie eine Straße zu „meiner Straße“ machen, einen Ort zu einem hyperlink zwischen Gefühl und Erinnerung.
 
So kommt es, dass ich, wenn ich wieder einmal an der Yanqing Straße Nummer 159 vorbeikomme – und mag der Phönixbaum am Eingang auch noch so kahl sein - sofort an den sonnigen Frühlingsnachmittag denke, als ein Eichhörnchen flink und mühelos vom äußersten Ende einer über die Hofmauer hinausragenden Wäschestange zum Sprung ansetzte und im nächsten Moment über den Baumstamm hinauf verschwunden war. Ein anderes Beispiel: Führt mich mein Weg an der sich in extra-traditioneller Schrift ankündigenden Snackbar „Wunschgemäß“ (随意饮食店) vorbei, sucht mein Blick hinter der Fensterscheibe immer nach dem Schatten jener schlafenden Katze. Die Erinnerung lässt Menschen die Grenzen von Raum und Zeit überwinden, lässt sie alle Zeitsphären synchron erleben.

  • Yanqing Straße © btr
    Yanqing Straße
  • Stimmungsbarometer Shanghaier Fußballclubs © btr
    Stimmungsbarometer Shanghaier Fußballclubs
  • Die Snackbar „Wunschgemäß“ © btr





 
Aber dann gibt es auch Zeiten des Verlusts. Eines Tages war der Name der spanischen Bar „Tres Perros“ (三只狗), die noch vor wenigen Wochen mit dem coolen Schriftzug „ye shi zui le“ auf sich aufmerksam gemachte hatte (也是醉了 , wörtlich: „auch so betrunken“, im Internet aufgekommener Populärjargon als Ausdruck für Entsetzen, Anm. d. Übers.) mit einer von roten Stempeln übersäten amtlichen Ankündigung überklebt. Auf diese Weise nahm die Kampagne zur Restauration des historischen Originalzustands der Gegend rund um die Straßen Hengshan (衡山路) und Fuxing (复兴路) ihren Anfang. Niemand wusste, welchen historischen Zeitabschnitt man wieder erstehen lassen wollte, doch das Ergebnis war, dass alle Mauern im selben Farbton gestrichen wurden und sämtliche Ladenschilder nun im einheitlich zweisprachigen chinesisch-englischen Format gehalten waren. Selbst dem Laden mit den Teigtäschchen aus Shandong, in dem ich regelmäßig verkehre, hatte man erstmals einen englischen Namen verpasst. Die Galerie an der Ecke Yanqing und Huating jedoch, in der sowohl Portraits der politischen Führung als auch Sushi-Boxen feil geboten wurden, hatte man so gründlich der „Restauration“ unterzogen, dass sie nun leer stand; in der Dämmerung hockten dort wilde Straßenkatzen, deren leuchtende Augen an die Blicke von Überwachungskameras erinnerten.

Die Erinnerung lässt Menschen die Grenzen von Raum und Zeit überwinden, lässt sie alle Zeitsphären synchron erleben.

Nichtsdestotrotz schaffte die Yanqing Straße letztendlich doch noch selbstbewusst den Schritt in ein neues Zeitalter. Klammheimlich hatte ein Graffiti-Künstler auf ein gelbes Regenrohr ein paar traurige Smilies gemalt und brachte uns damit zum Lächeln; am Eingang des Vintage-Ladens „Der Osten ist rot“ (东方红) hing ein neues Ölbild, das ausgerechnet den alten Laden darzustellen schien; an einem kalten Winterabend tauchte plötzlich der alte Mann wieder auf, um an der Ecke zu eines Gässchens sein handgemachtes Popcorn zu verkaufen. Die knallenden Explosionen im Feuerschein verwandelten sich in diffusen Dampf, der einem duftend in die Nase stieg und die Jugendlichen, wenn sie auf ihren Share-Bikes durch die Dunstwolke fuhren, zum Stehenbleiben veranlasste; die Raucherecke am Eingang des Coffeeshops wurde zum Stimmungsbarometer der rivalisierenden Shanghaier Fußballclubs „Shanghai Shenghua“ (申花) und „Shanghai Dongya“ (上港), wenn die Raucher ihre Kippen wie Stimmzettel in einen der mit Clubnamen bezeichneten Aschenbecher warfen; und am Vorabend des Frühlingsfests wurden an den Strommasten wie immer Bettlaken, Würste und Salzfische aufgehängt. Auf diese Weise war das Leben wieder hergestellt. Joseph Beuys hätte wahrscheinlich von einer „sozialen Skulptur“ gesprochen.
  • „Soziale Skulptur“ © btr
    „Soziale Skulptur“
  • Ohne Titel © btr
    Ohne Titel
  • Ohne Titel © btr
    Ohne Titel
  • Modewort „ye shi zui le“ („auch so betrunken“) © btr
    Modewort „ye shi zui le“ („auch so betrunken“)


Dass man sich an dieser „Skulptur“ niemals satt sehen kann, liegt an ihrem permanenten Wandel. Aber auch daran, dass sie sich stets etwas Geheimnisvolles bewahrt. Es gibt immer noch ein paar Torflügel, die deinem Blick verschlossen blieben, ein paar Seitengässchen, von denen man nicht weiß, wohin ihre verschlungenen Wege führen. Und dann ist da noch der mysteriöse Spatzenschwarm, der sich aus rätselhaften Gründen immer bei Hausnummer 121 versammelt. In einem Moment setzen hunderte Spatzen wie im Synchrontanz zur Landung an, dann wieder flattern sie auf und setzen sich auf aus Stromleitungen gezogene Notenlinien, um dort zwitschernd ihre faszinierende Symphonie anzustimmen.
 
Tipp: Drucke zwölf Exemplare einer leeren Karte der Yanqing Straße aus und notiere (oder fotografiere) jeden Monat alle Läden, Tiere, Kritzeleien, ja einfach alles, was dir innerlich ein „Ach“ entlockt. Ordne die Bilder am Ende des Jahres nach Orten, mach aus ihnen eine GIF-Animation oder schreibe eine fiktive Geschichte, die an einem dieser Orte spielt.
Hausnummer 12, 18. Gasse, Yanqing Straße Hausnummer 12, 18. Gasse, Yanqing Straße | © btr

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