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Stadt- und Landgeschichten: München
„Die wahre Schönheit liegt tief in uns“

Uisenma Borchu
Uisenma Borchu | © private

Die erfolgreiche junge Regisseurin Uisenma Borchu erklärt, was sie vom Film erwartet, wie sie die Gesellschaft sieht und wie sie schon als Kind mit Neonazis konfrontiert war.

Von Thomas Lang

Das Mittagslicht gleißt über Kopfsteinpflaster und Splitt, die hellen Fassaden der klassizistischen Gebäude am Königsplatz werfen es zurück in die Augen der Passanten – ein Hauch von Süden und Akropolis. Die tempelgleichen Bauten speichern die Wärme des Tages. An Frühlingsabenden sitzen die Münchener gern vor den Fassaden und lassen sich den Rücken wärmen. Jetzt aber ist Mittag, kaum jemand ruht. Autos, Radfahrer und Fußgänger eilen über den Platz. Ich gehe durch die hohe Pforte in die Eingangshalle zur Glyptothek. Hier wird den Besuchern die Bildhauerkunst der alten Griechen nahegebracht, Skulpturen von Köpfen und menschlichen Körpern, die ideal und gleichzeitig lebensnah wirken.

Im Innenhof des Gebäudes wird an Sommerabenden Theater gespielt. An einem Gartentischchen des zugehörigen Cafés wartet bereits Uisenma Borchu. Ihr Gesicht verschwindet halb hinter einer riesigen Sonnenbrille. Borchu hat 2015, als gerade 30-jährige Frau, mit ihrem Debütspielfilm „Schau mich nicht so an“ Aufsehen erregt und einige Preise gewonnen. Der Film erzählt die Geschichte zweier junger Frauen, die eine unehrliche Affäre miteinander haben, bis das Auftauchen des Vaters der einen die Kräfteverhältnisse völlig verschiebt. Die Szenen spielen häufig in geschlossenen Räumen, eine scheinbar private, intime Welt. Die Beziehung zwischen den Figuren ist sehr körperlich, häufig interagieren sie nackt.

Nacktheit ist auch eine Grundbedingung der antiken Skulptur. Doch die alten Statuen haben etwas solipsistisches, für sich Bleibendes. Bei Borchu dagegen ist Nacktheit Interaktion, Druck- und Ausdrucksmittel und noch einiges mehr. „Für mich ist sie der erste Anzug, den wir haben“, erklärt Borchu, „Nacktheit spricht Bände über unsere Schwäche und Stärke.“ Nackt vor der Kamera zu agieren, wie es selbst in ihrem Debütfilm tut, ist für die Filmemacherin ein Akt der Rebellion. „Warum hat man diese Ängste, warum bin sich so gefangen in einer Box. – Diese Box will man dann einfach nicht mehr haben.“ In der Glyptothek sucht sie dementsprechend weniger die Begegnung mit den alten Schönheitsidealen. Sie schätzt den Hof und das Café als einen Ort der Ruhe. Hier kann sie nachdenken und in ihrer Fantasie schweben.

Wir reden über die Schwierigkeiten, die sie mit ihrem Film hatte. Die junge Regisseurin kritisiert einerseits das Förderwesen, weil es zu sehr auf Bewährtes setze. „Dass man jungen Frauen, die einen Abschlussfilm machen wollen, absagt, weil es vielleicht zu neu für sie erscheint“, habe sie gestört. Andererseits habe es ihr geholfen zu sehen, dass es für Filme keine Schablone geben dürfe. Immer wieder blitzt durch, dass das „sehr junge Medium“ Film ihr als Kunst sehr wichtig ist. „Wir sind noch lange nicht bei dem angekommen, was man mit Film alles machen kann.“ Sei sucht den Bruch mit Gepflogenheiten, etwa professionelle Schauspieler einzusetzen oder einen Regie-Assistenten oder Oberbeleuchter einzusetzen – nur weil es an der Filmhochschule so gelehrt wird. „Denk nicht, dass du jetzt Regie machst, nur weil man sagt, du machst Regie. Du musst am gleichen Tag auch die Toilette putzen und den Kaffee kochen.“

Es geht also nicht ums rein Ästhetische. Die Radikalität und Ehrlichkeit, die an Borchus Debütfilm bemerkt wird, verbindet sich mit ihrem Alltag und ihrem Blick auf die Gesellschaft. Ein bestimmendes Merkmal des sozialen Lebens sieht sie in der Angst. „In der Gesellschaft ist ziemlich viel verdeckt und man hüllt sich gern ein – in ein besonderes Selbstbewusstsein oder eine besondere Jacke.“ Zu sein, wie man ist, sei ein riesiger Schritt. Den Figuren in ihrem Film gehe es ähnlich, sie würden sich untreu und fingen an, sich und die andere jeweils zu belügen. Insbesondere Frauen nutzen ihre Stärke viel zu wenig, weil sie „ziemlich untergebuttert wurden“. Auch sie selbst habe sich von anderen Jungs und von Lehrern immer wieder nach außen gedrängt gefühlt.

Regen zieht auf, wir müssen unseren Platz im Hof der Glyptothek verlassen. Innen im den kleinen, einfachen Café beherrscht die Kaffee-Maschine die Geräuschkulisse. Uisenma Borchu lebte in ihrer Kindheit in der mongolischen Hautstadt Ulan Bator, dann kam sie mit ihren Eltern nach Sachsen-Anhalt. Mit 21 zog sie nach München. Ich frage sie nach ihrem Verhältnis zu der Stadt. „München ist warm“, antwortet sie. „Ich fühle mich wohl und es ist eine gemütliche Stadt, auch ziemlich abgeschirmt.“ Trotz internationalem Flair findet Borchu auch in München „dieselben Konflikte und Probleme“ vor wie anderswo. Sie erzählt von der Ausgrenzung und Ablehnung, die sie als Kind in Sachsen-Anhalt erfuhr. Dort zogen Neonazis vor ihr Elternhaus und bedrohten die Familie. Der Königsplatz, im 19.Jahrhundert zur Ehre der klassischen Kultur errichtet, war in den 930er- und 1940er-Jahren auch ein Ort der Barbarei. Die Nazis errichteten anstelle der angrenzenden Wohnhäuser ihre Parteigebäude und so genannte Ehrentempel, es fanden Aufmärsche statt, auch zur Bücherverbrennung wählten sie diesen Ort. Mit der Nazi-Zeit habe sie sich schon früh beschäftigt, sagt Borchu. „Ich wollte dieses Wort verstehen – Nazi, Neonazi. Ich habe mich aufgrund meiner eigenen Bedrohung immer sehr verbunden gefühlt mit jüdischen Leuten, mit Kindern, die damals deportiert wurden.“ Die kindliche Identifikation mit dem Schicksal jüdischer Kinder in Nazi-Deutschland rührt von der Gewalterfahrung, die Borchu als Kind mit Neonazis machte. Bitter klingt der Satz, den sie folgen lässt: „Ich finde, Hitler und die Nazis werden nach wie vor mystifiziert in Deutschland. Das geht fast schon in Richtung Zelebration.“

Ausführlich schildert sie auch ein Erlebnis, das sie bei einer Reise zur Universität von Cambridge hatte. Zunächst saßen viele Schwarze in der Bahn, sagt sie, und sie freute sich. Doch zehn Minuten vor der Uni stiegen diese aus, es waren praktisch nur noch Weiße übrig. Junge weiße Menschen, die nicht verstehen können oder wollen, dass sie in einer Blase leben, abgetrennt vom Ganzen der Welt.

Als politische Filmemacherin sieht Borchu sich nicht, aber „alles, was man macht, geht ins Detail. Ich glaube daran, dass Details aus dem Leben sehr politisch sind.“ Ihre Inspiration speise sich in erster Linie aus Büchern und Musik. Einmal kommt sie noch auf die Schönheit zu sprechen. Sie findet sie nicht auf der Haut, nicht im Äußeren des Menschen. „Die wahre Schönheit“, sagt Borchu vielmehr, „liegt tief in uns.“

Ihren nächsten Film dreht sie in der mongolischen Wüste Gobi, wieder mit Laiendarstellern. Sie will auf keinen Fall den Erwartungen entsprechen und nun einen „richtigen“ Film machen, vielmehr möchte sie noch viel roher werden. „Schau mich nicht so an war für mich fast schon zu spießig. Jetzt muss ich mich richtig frei machen. Man muss frei bleiben, um die Glücksmoment einzufangen, die Zaubermomente im Film.“

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