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Stadt- und Landgeschichten: Shanghai
Die Wahrheit über die WM 1974

1974
© Bert Verhoeff / Anefo

„13. Juni 1974: Bunte Länderflagge wehen vor einem wolkenlosen Himmel. Die Außerirdischen haben es aufgegeben, noch eine Cloud zum Herunterladen zu finden und schmuggeln sechs unsichtbare Gedankenpillen, in der die Tugenden der traditionellen chinesischen Kultur wie in einem Kristall eingeschlossen sind, eigenhändig ins WM-Stadion ein.“

Von btr

Wer in einem WM-Jahr zur Welt kommt, dem scheint die Affinität zum Fußball vom Schicksal in die Wiege gelegt. So kam es, dass ich vor der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft ein höchst merkwürdiges Geschenk erhielt. Genauer gesagt, eine E-Mail mit der Betreffzeile: „Ein 44 Jahre altes Geheimnis“ und dem Absender „Arie Haan“. Bei einem chinesischen Fußballfan ruft dieser Name unwillkürlich zahlreiche Erinnerungen wach. Nach der WM 2002, als es China das erste Mal gelungen war, sich für das Endrundenturnier einer Fußballweltmeisterschaft zu qualifizieren, hatte der holländische Fußball-Veteran das Zepter übernommen und die chinesische Nationalmannschaft zwei Jahre später beim Asien Cup zum Silberpokal geführt – einer der größten Erfolge in der Geschichte des chinesischen Fußballs. Doch all dies wurde in der E-Mail kaum erwähnt. Stattdessen wurde mir auf Chinesisch (der Holländer konnte allen Ernstes Chinesisch?) und in einem ganz sachlichen Ton  (als handele es sich hierbei um einen Wetterbericht!) eine erschütterndes Geheimnis verraten: „Der Weltmeistertitel 1974 gebührt seiner eigentlichen Bedeutung nach den Chinesen.“
 
„Dass ich ausgerechnet Sie für meine Nachricht auswähle“, begann Arie Haan sein Schreiben, „liegt daran, dass ich ‚beobachtet’ habe, dass Sie sich erst letzte Woche bei der Wim-Wenders-Retrospektive zum dritten Mal dessen Film Der Himmel über Berlin angeguckt haben. Insofern ist es Ihnen zuzutrauen, dass Sie dem, was ich Ihnen eröffnen werde, auch ohne es zu sehen, Glauben schenken oder es zumindest ernsthaft in Erwägung ziehen werden.“ Mir war aufgefallen, dass er das Wort „beobachten“ in Anführungszeichen gesetzt hatte, als wollte er damit andeuten, dass er zur Beobachtung andere Kanäle benutzte als der Durchschnittsmensch. Außerdem wurde es mir, als ich bis zu dieser Stelle gelesen hatte, so unheimlich zumute, als hätte mir einer der Wahrsager, die sich immer am Eingang des Tempels aufhielten, Geburtstag und Blutgruppe einfach so auf den Kopf zugesagt. Es stimmte ja, ich hatte den Film gerade erst gesehen und tatsächlich zum dritten Mal. Wenn jedoch ein Fremder über so unumstößliche Tatsachen, die ihm gar nicht bekannt sein können, Bescheid weiß, so muss er über übermenschliche Kräfte verfügen (die sich offensichtlich nicht nur auf seine Sprachbegabung beschränken). Er scheint vielmehr in einer anderen Dimension zu leben, ähnlich wie die Engel aus Der Himmel über Berlin, die im Seelenleben der Menschen lesen können.
 
„Erinnern Sie sich noch an die einzelnen Etappen, als die westdeutsche Mannschaft 74 den WM-Sieg holte?“, schrieb Arie Haan weiter. „In der Vorrunde hatten sie zunächst gegen die DDR-Elf verloren, und gingen so in der zweiten Runde den damals unglaublich starken Holländern aus dem Weg. Vor der Begegnung mit Polen ereignete sich dann ein so heftiger Wolkenbruch, dass sich der Rasen in ein Schlammfeld verwandelte, wodurch die polnische Mannschaft ihre Stärke des Kurzpassspiels, nicht ausspielen konnte. Und dann gab es noch diese ungewöhnliche Spielunterbrechung: In der zehnten Minute pfiff der Schiedsrichter das Spiel ab. Alles erstarrte plötzlich in Bewegungslosigkeit und eine ganze Minute lang standen alle still, um - wie es hieß - in einer Schweigeminute dem gerade verstorbenen argentinischen Präsidenten Peron zu gedenken. Dabei finden derartige Gedenkrituale immer vor Spielbeginn statt, aber eine Schweigeminute während einer laufenden Partie, das hatte es noch nie gegeben. Denken Sie nicht auch, dass bei all diesen seltsamen Vorkommnissen eine geheimnisvolle Macht ihre Hände mit im Spiel hatte?“ Ich war erst seit 1974 auf der Welt und so kannte ich die von Arie Haan erwähnten Ereignisse nur aus den offiziellen WM-Dokumentationen. Wie bei einem Download auf meine zerebrale Festplatte hatte ich die Fakten dabei genauso abgespeichert, wie sie mir dargeboten wurden. Niemals jedoch hatte ich das Ganze kritisch hinterfragt: Warum setzen sich die Bilder gerade so zu einer Geschichte zusammen und nicht anders? Andererseits - wie sollte man das, was sich im Verborgenen abspielt, dokumentieren können? Falls wirklich eine Welt in einer höheren Dimension existierte – ob das nun mit Religion oder Science-Fiction zu tun hatte – wie würden man diesen Abschnitt menschlicher Fußballgeschichte dort einordnen?

1974年世界盃總決賽 德國戰勝荷蘭奪冠© Bert Verhoeff / Anefo
 
„Führen wir uns eine Reihe anderer Fakten vor Augen“, Arie Haan schien nun die Akte mit den Gegenbeweisen zu öffnen. „Googeln Sie doch einmal nach ‚1974, UFO’, und Sie werden entdecken, dass damals mehr unbekannte Flugobjekte gesichtet wurden, als in jedem anderen Jahr. Peru, Mexiko, Wales – ja sogar in New York: „On the 23rd August 1974 at 9 o’clock I saw a U.F.O.“, ein Satz, der aus der Feder von John Lennon, stammt. Was jedoch niemand weiß: In jenem Sommer landete auch heimlich ein UFO in Peking.“ An diese Stelle nahm ich auf dem Sofa eine bequemere Position ein, so als wollte ich einen Roman lesen, und vertiefte mich weiter in die Lektüre von Arie Haans langer Mail. „Nicht im Traum hatten die Außerirdischen allerdings damit gerechnet, dass auch sie dem wachsamen Auge des Gesetzes in Gestalt der Chinesischen Volkspolizei nicht entgehen würden. Nur eine Minute nach ihrer Landung wurden sie widerstandslos verhaftet und wanderten ins Kittchen. Tatsächlich waren die Aliens, abgesehen davon, dass sie menschliche Gedanken lesen konnten, recht unbeholfen. Doch gerade diese Ungeschicklichkeit erwies sich nun als ihre Chance und so schlugen sie einen Handel vor: Würde man sie frei lassen, würden sie der chinesischen Nationalmannschaft zum WM-Sieg verhelfen.“
 
„Die Sache hatte allerdings einen Pferdefuß“, fuhr Arie Haan fort (er beherrschte sogar die Redewendungen unserer Sprache, wenn diese hier auch etwas altbacken wirkte). „Der Chinesische Fußballverband war damals noch kein Mitglied der Asian Football Confederation, und an der WM-Qualifikation hatte man erst Recht nicht teilgenommen. Doch die Sehnsucht der Aliens nach einem „Heimspiel“ (nach ihrem Planeten) war so groß – vor allem weil sie das chinesische Esse, abgesehen von Peking-Ente, gegrillten Fleischspießen und sauer-scharfen Kartoffelstreifen nicht vertrugen - dass sie sich etwas einfallen ließen und ihren Plan in Anlehnung an eine chinesische Redensart „Mit chinesischer Tugend und Deutschland zum Sieg“ (以德服人) tauften. Konkret bedeutete das, dass sie mithilfe von „Geistespillen“ die Mannschaft der deutschen Spieler mit den Ideen der traditionellen chinesischen Kultur infiltrierten. Man kann sich das etwa so vorstellen wie bei Super Mario, der Videospielfigur, die mit einer Art Kopfballtechnik Goldmünzen einsammelte. So halfen sie der deutschen Elf auf ihrem Weg zum Sieg ein paar ungleich stärkere Mannschaften aus dem Weg zu räumen, einschließlich der Niederländer, bei denen ich damals spielte. Obwohl er an sich viel mehr für den Schwimmsport und den Ironman übrig hatte, dachte Mao, der damals 81-jährige Große Vorsitzende, doch zukunftsorientiert. Er selbst unterschrieb den Plan, wobei er voll Enthusiasmus mit seinem Kalligraphipinsel noch das Motto ‚Mit chinesischer Tugend und Deutschland zum Sieg’ unter das Schriftstück setzte.“
 
„Und so wurde schließlich Geschichte geschrieben,“ leitete Arie Haan schließlich den phänomenalen Ausgang der Geschichte ein: „Am 13. Juni 1974 wehten bunte Länderflaggen vor einem wolkenlosen Himmel. Die Außerirdischen hatten es aufgegeben, noch eine Cloud zum Herunterladen zu finden und schmuggelten die sechs unsichtbaren Gedankenpillen, in der die Tugenden der traditionellen chinesischen Kultur wie in einem Kristall eingeschlossen waren, eigenhändig ins WM-Stadion ein.“
 
„Mithilfe der Pille ‚Tianjis Pferderennen’ (田忌赛马) schonte die deutsche Elf in der Vorrunde ihre Kräfte, schöpfte in der zweiten Gruppenphase ihr volles Potential aus und siegte schließlich in der Finalrunde auf ganzer Linie. Die Pille vom ‚günstigen Zusammenspiel von Himmel und Erde’ (天时地利) des konfuzianischen Philosophen Menzius entlud sich in diesem Fall als heftiges Gewitter, welches das schnelle Spiel der Polen lähmte. Die buddhistische Pille ‚sich in einem Augenblick der Ewigkeit gewahr werden’ (刹那永恒) hingegen manifestierte sich in der Schweigeminute für den argentinischen Präsidenten und machte den Fußballern in einer aus plötzlicher Stille geborenen Erkenntnis ihrer existenzielle Lage bewusst. Im klassischen Finale gegen die Holländer schluckte man zunächt die Pille des Han-zeitlichen Philosophen Yang Xiong und machte dadurch einen ‚taktischen Rückzieher’ (以退为进): In aller Seelenruhe schauten die deutschen Spieler zu, wie sich die Holländer die Kugel bis zu fünfzehn Mal hintereinander zuschoben und verschenkten dann auch noch großzügig einen Elfmeter; nach der Mao-Pille ‚sich das Ausländische zunutze machen’ (洋为中用) war einem  die Lektion am Ende der berühmten Erzählung von Peter Handke Die Angst des Tormanns beim Elfmeter eine direkte Lehre: ‚Der Schütze lief plötzlich an. Der Tormann, der einen grellgelben Pullover anhatte, blieb völlig unbeweglich stehen, und der Elfmeterschütze schoß ihm den Ball in die Hände’. Dem wie angewurzelt wartenden niederländischen Torwart gegenüberstehend schoss Paul Breitner den Ball eiskalt in die linke untere Ecke des Tors; und schließlich die entscheidende Pille mit dem chinesischen Sprichwort ‚man muss das Eisen schmieden solange es heiß ist’ (趁热打铁): Vor dem Ende der zweiten Halbzeit landete Gerd Müller - völlig zurecht als Bomber der Nation bezeichnet - den Siegtreffer und entschied das Turnier. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass der WM-Pokal von 1974 seiner tieferen Bedeutung nach China gehört.“
  • Hongkou-Fußballstadion in Shanghai © btr
    Hongkou-Fußballstadion in Shanghai
  • Shanghai-Stadion: Zwei Paare © btr
    Shanghai-Stadion: Zwei Paare
  • Torjubel im Hongkou-Fußballstadion © btr
    Torjubel im Hongkou-Fußballstadion
  • Hongkou-Fußballstadion mit dahinterliegender Shopping-Mall © btr
    Hongkou-Fußballstadion mit dahinterliegender Shopping-Mall
  • Drogba in der U-Bahn © btr
    Drogba in der U-Bahn
  • Anfulu in Shanghai: Spanische Nr. 8 © btr
    Anfulu in Shanghai: Spanische Nr. 8
 
„Ich habe Sie außerdem für diesen Brief ausgewählt,“ wiederholte Arie Haan am Ende seiner Mail, „weil ich einen unerfüllten Wunsch habe – zu sehen, wie die chinesische Nationalmannschaft eines Tages tatsächlich den Weltpokal holt. Früher hatte der Chinesische Fußballverband mich für diese Mission auserkoren und übergab mir die komplette Akte des ‚Mit chinesischer Tugend und Deutschland zum Sieg’-Plans. Dieser konnte jedoch gar keinen Erfolg haben - was allerdings keineswegs - aber das wussten die Chinesen nicht - an dem Plan lag. Das Problem lag darin, dass die Außerirdischen mir 1974 eine siebte Pille verabreichten: ‚Die Zukunft ist noch lang’ (来日方长) des Song-zeitlichen Patrioten Wen Tianxiang. Diese Pille half mir zwar, bei der Weltmeisterschaft in Argentinien vier Jahre später gegen Italien einen Distanzschuss von vierzig Metern ins Tor zu landen, aber egal, was ich auch tat, es gelang mir immer erst auf den zweiten Anlauf. Jetzt bin ich siebzig Jahre alt und möchte dieses Geheimnis ungern mit ins Grab nehmen. Ich setze darauf, dass Sie das Ganze publik machen. Zu gerne würde ich es noch miterleben, wie die ‚Geistespillen’ der traditionellen chinesischen Kultur noch einmal ihre ganze Kraft entfalten und der chinesischen Fußball nach dem Motto des Tang-Dichters Bai Yuji ‚Not macht erfinderisch’ (急中生智)‚ zunächst ‚um die Vorherrschaft ringt’ (逐鹿中原) wie es in den Historischen Aufzeichnungen geschrieben steht und dann endlich laut dem Buch der Lieder ‚die Sonne den Zenit erreicht’ (如日中天).“
 

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