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Stadt- und Landgeschichten: München
Spiel mit Fluidität

Thomas Hauser
© Julian Baumann

Thomas Hauser, geboren 1992 in Rosenheim, sammelte bereits als Schüler an der Otto-Falckenberg-Schule Erfahrungen auf Münchens Bühnen. Seit 2015 ist er festes Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen. Zusammen mit Kolleg*innen schafft er mit unterschiedlichen Formaten, wie der Karaoke- und Performancereihe WUSS, Räume im Theater um queere Menschen in München zu vernetzen. Im Gespräch mit der Dramaturgin Helena Eckert über männliche Stereotypen im Theater wirft Thomas Hauser einen Blick hinter die Kulissen – und in den Zuschauerrang.

Von Helena Eckert

Lieber Thomas, zwischen Deiner Probe und unserem Gespräch wird am Manifest der KammerQueers geschrieben und die nächsten Veranstaltungen geplant - Du beschreibst Dein Anliegen als Schauspieler nicht nur als ein Arbeiten an einer Rolle auf der Bühne, sondern auch als Arbeiten an den Bedingungen, unter denen dieses Spiel stattfindet. Woher kommt dieses Anliegen?
 
Diese für mich ganz politischen Fragen kamen in dem Moment, in dem ich mich intensiv damit beschäftigt habe, was für Geschichten ich eigentlich auf der Bühne erzählen will. Und damit meine ich nicht nur das große Narrativ eines Theaterabends, sondern auch ganz grundlegend die Sprache des Körpers und wie diese vom Publikum gelesen wird. Ich bin oft damit konfrontiert, dass mir in Regieanweisungen schon viele Vorannahmen entgegenschlagen. Annahmen von bestimmten Geschlechterrollen, Muster und Machtverhältnissen. Ich finde es spannend da etwas anderes anzubieten und die Regie zu fragen: Sag mir, was du wirklich gesehen hast! So kommt man in einen Dialog, ohne einen Konflikt hervorzurufen, der an die Machtverhältnisse nur kratzt oder an ihnen scheitert. Für mich gehört das zu den Bedingungen, unter denen ich arbeiten möchte: darüber zu reden. Wenn es dazu kommt, wird es spannend und schließlich auch möglich, nicht immer wieder in dieselben Muster zurück zu fallen. Was man dazu ganz konkret braucht, sind lange Probenzeiten und Vertrauen.
 
Spielt dabei das Theater als Kunstform mit seinen spezifischen Produktionsbedingungen für Dich eine besondere Rolle?
 
Bevor ich zum Theater kam, habe ich in meiner Jugend viel Musik gemacht. Meine Gesangslehrerin wollte, dass aus mir ein Countertenor wird. Das sind diejenigen, die im Alltag das Sprachregister des Mannes besitzen, mit viel Bass und Resonanzraum – auf der Bühne singen sie jedoch im Sopran, Kopfstimme, also in einem ganz anderen Klangregister, den man im Alltag benutzen würde. Mein professioneller Körper sollte so getrennt werden von dem Körper, mit dem ich mich im Alltag bewege. Das habe ich nicht geschafft. In meinem Alltag ging es mir gerade darum, mich zu orientieren und eben nicht festzulegen. Ich habe dann das Theater entdeckt – als Ort, an dem ich mich ausdrücken kann, an dem ich Dinge erst einmal untersuchen kann, sowohl körperlich, als auch sprachlich. Am Anfang kann man das vielleicht trennen, aber am Ende ist es eine Einheit, die sich bedingt: wie ich einen Text produziere, aber auch, was der Körper für eine Fläche dazu bietet. In den Proben geht es um einen konstruktiven Beitrag von mir, da passiert nichts ohne meinen Anspruch. Die Bühne wirkt dann wie ein Brennglas: Das Narrativ wird zu einem beispielhaften Ort für eine bestimmte Zeit. Alles geschieht im Moment, danach ist es vorbei und man kann zum nächsten Zustand übergehen. Das ist nicht so fern davon, wie ich mich im Alltag wahrnehme, ich versuche fluid zu sein und mich nicht auf einen bestimmten "Seinszustand" festzulegen.
 
Fluidität ist also als Strategie, um Stereotypen auszuweichen? Hast Du noch weitere Strategien entdeckt, mit denen Du an den Narrativen auf der Bühne teilnimmst?
 
Achtsamkeit. Das ist zwar gerade in aller Munde, aber zu Recht. Ein Prinzip, das einem schnell Früchte einbringt. Für mich bedeutet Achtsamkeit im Probenprozess, zu versuchen, eine Situation wirklich zu betrachten, eben ohne die vorhin erwähnten Vorannahmen, mit denen wir durch die Welt gehen. Was sich daraus ergibt, ist, dass man viel schweigt. Dadurch kann man ganz anders ermessen, was ein Beitrag generell bedeutet. Ich finde, es ist eine große Qualität genau abzuwägen, ob es gerade notwendig ist, sich so zu verhalten, ob es erbeten oder sogar unbedingt erforderlich ist.
 
Eine der Schönheiten am Theater ist ja die Qualität der Ungewissheit. Nie kann man ganz genau wissen, was entsteht, wenn alle Komponenten zusammenkommen. Darum muss man sich auch immer wieder die Frage stellen: Was ist der Moment gerade, was bedeutet er? Wie kann man ihn lesen und wie lese ich ihn? Eigentlich Bedingungen, die den Stereotypen und der ewigen Reproduktion immer gleicher Machtverhältnisse entgegenwirkt - so könnte man meinen. Debatten um den Geniekult am Theater oder auch MeToo zeigen jedoch: Obwohl Theater flüchtig ist und mit Ungewissheit umgehen muss, steckt es doch oft in starren Strukturen fest.
 
Das stimmt, aber ich spüre immer mehr Irritation – ausgelöst durch diese Debatten. Vonseiten derer, die auf das Probengeschehen gucken. Das ist gut! Kluge Regie schafft es, durch MeToo und den Diskurs um Gleichberechtigung der Geschlechter zu überdenken, was und wie sie lesen und inszenieren – und was sie dem Publikum in ihren Inszenierungen zum Lesen anbieten.

Die Bühne wirkt dann wie ein Brennglas: Das Narrativ wird zu einem beispielhaften Ort für eine bestimmte Zeit. Alles geschieht im Moment, danach ist es vorbei und man kann zum nächsten Zustand übergehen.

Thomas Hauser

Bevor wir darüber sprechen, was sich verändert hat, müssen wir vielleicht noch mal einen Schritt zurück: Welche Stereotype und Bilder von Männlichkeit gibt es denn im Theater? Welche begegnen Dir als Schauspieler immer wieder und was ist deren Wirkung?
 
Stereotype von Männlichkeit sind zum Beispiel das „nicht Zweifeln“ oder ein „territoriales“ Stereotyp, dass Männer sich immer im Rahmen eines „Besitzes“ finden: Emotional oder geistig. Und Mann muss diesen Besitz verteidigen. Was aber auch voraussetzt, dass ein Besitz überhaupt da ist. Wohingegen ein Stereotyp von Frauenfiguren das „Gewissen“ zu sein scheint: Ein Orakel, Kassandra, die Position, die reflektiert.
 
Der ausgelagerte Zweifel? Das passt zu der Beschreibung vieler Theaterschaffenden: Regisseure fragen: War gut, oder? Und Regisseurinnen fragen: Wie fandest du meine Arbeit? Aber siehst Du da eine Veränderung?
 
Ja, das knüpft auch wieder an den Begriff des Fluiden. Die Grenzen und der Rahmen innerhalb dessen ich etwas erzähle, werden immer weniger im Voraus abgesteckt. Immer häufiger wird der Theaterabend als eine Chance betrachtet, dass man gemeinsam etwas sucht, vielleicht auch einen Konflikt erschafft ohne ihn unbedingt lösen zu müssen.
 
Es geht also nicht nur darum, etwas „wiedergutzumachen“ oder das eine mit dem anderen zu ersetzen. Sondern darum, dass es eine Irritation gibt und man deswegen nach einem Konflikt sucht, den man darstellen kann und nicht einfach davon ausgeht, dass die gegebene Situation eben so ist, wie sie ist. Das wäre ja eine sehr positive Antwort!
 
Es ist doch oft die Frage: Wie kann es eigentlich sein, dass wenn wir vor Trümmern stehen, wir im ersten Impuls aufstehen und alles aufräumen, anstatt uns erst einmal anzugucken, was das für Trümmer sind und uns zu fragen: Was ist hier eigentlich passiert? Das gibt einem die größere Freiheit, ermöglicht Achtsamkeit und Dasein ohne Passivität. Konkret „passiert“ mir das eher, als dass ich es forciert angehen würde. Es gelingt mir dann nicht, einen „Mann“ auf der Bühne darzustellen. Was mir da nicht mehr gelingt, ist eine - nicht existente - „Kraft“ zu demonstrieren. Wahrscheinlich ist es mir noch nie gelungen. Das heißt nicht, dass ich mich dieser Aufgabe verweigern würde, aber ich scheitere daran. Dieses Scheitern ist total spannend. Es ist viel interessanter, als einem erwarteten Muster nachzugeben und Stereotypen zu reproduzieren, die eine Männerrolle zu erfüllen hat. Das heißt nicht, dass ich nicht Lust hätte mit der Figur des Romeo zu arbeiten oder in 20 Jahren mit King Lear, aber ich werde dabei nicht in die Tradition einer bestimmten, tradierten Männlichkeit einsteigen. Man muss viel mehr lernen, darauf zu achten, in welchem Verhältnis die Darstellung einer Figur mit der Inszenierung insgesamt steht. Der Schauspieler Alain Delon hat mich mit seinem Spiel ermutigt, in der Verkörperung von Männlichkeit auch Stille zu suchen und nicht Kraft und Potenz. Ich verstehe nicht, warum der erste Zugang zu einer Männerfigur durch „Kraft“ funktionieren muss.
 
Und daraus hast Du dann auch Konsequenzen für Deine Arbeit am Theater gezogen?
 
Irgendwann habe ich das bei der künstlerischen Leitung thematisiert. Ich wollte nicht mehr mit den Erwartungen an eine bestimmte Männlichkeit auf der Probebühne konfrontiert werden. Zunächst forderte ich nur noch Frauenfiguren zu spielen. In der Reflexion darüber und in Gesprächen mit Kolleginnen ist mir dann klar geworden, dass ich mich damit wieder in eben die Stereotypisierung begebe, der ich eigentlich entkommen wollte. Was sind denn Frauenrollen? Der Schritt war aber insofern notwendig, als dass ich dadurch in der Fluidität gelandet bin, über die ich schon gesprochen habe. Dadurch, dass ich beide Register gelöscht habe, auch im Gespräch mit der Dramaturgie und der Theaterleitung, konnte ich fluid arbeiten, ohne dass das jedes mal thematisiert werden musste: Was willst du denn nun eigentlich sein? Vielleicht sind es Figuren, die sich auf dem Blatt als Mann oder Frau lesen, aber wir können jetzt davon ausgehen, dass meine Körperlichkeit auf der Bühne nicht die von dem Einen oder dem Anderen sein muss. Manche beschreiben das als Androgynität. Das passt auch. Etwas, was allen zur Verfügung steht. Und was nicht das Fehlen von etwas ist.

Divers ist man nicht alleine, nur zusammen.

Thomas Hauser

Könnte man sagen, dass die Fluidität sowohl Deine künstlerische als auch Deine politische Form ist?
 
Genau, aber dazu gehört auch, dass ich vielleicht irgendwann mal wieder in die Überzeichnung von Männlichkeit gehen werde.
 
Von der Bühne richtet sich Dein Blick in den Zuschauerraum: Was siehst Du dort?
 
Viel Veränderung! Und das macht mich sehr glücklich. Ich sehe dort ein Publikum das offen ist, etwas zu akzeptieren, was ihrer Sehgewohnheit nicht entspricht. Ein Publikum, das neugierig ist auf Personen auf der Bühne, die nicht der Norm entsprechen. Vor allem in den letzten 10 Jahren hat sich das Publikum sehr verjüngt. Von vielen wird diese Verjüngung leider als Manko wahrgenommen und den Inszenierungen angelastet.
 
Und damit geht oft der falsche Vorwurf einher, dass die Verjüngung des Publikums das einzige Ziel des Theaters bei seinem Spielplan sei.
 
Da vermischen sich schnell Vorwürfe mit Vorstellungen darüber, wie Theater zu sein habe. Über die Münchner Kammerspiele wird dann abwertend gesprochen: Als das Theater, bei dem sich die Spielenden aussuchen dürfen, wie sie eine Rolle spielen. Das sehe ich gerade als die große Freiheit, die mir im Theater begegnet. Dass ich über mich sprechen darf durch Figuren. Dass ich ausprobieren, entwerfen darf, ohne direkt Rechenschaft ablegen zu müssen. Wenn ich darauf vertrauen kann, dass die Leute im Zuschauerraum sich ihren eigenen Reim auf die Sache machen, dann ist dass das größte Glück für mich.
 
Alternative Narrative, fluide Rollen und Androgynität haben ja schon bei Shakespeare eine Rolle gespielt. Üben sie von der Bühne eine direkte Auswirkung auf das Publikum aus, die Du als Spieler spüren kannst?
 
Was sich dadurch etabliert, ist ein Publikum, das nicht mehr nur fragt: Habe ich das jetzt richtig verstanden, was sie mir da erzählt haben? Sondern ein Publikum, das angeregt ist, mir zu erzählen, was es erlebt hat. Das ist eine wunderbare Wechselbeziehung.
 
Was dann geschieht, ist weniger, dass alternative Narrative etabliert werden, die dann wieder nur ein Teil des Publikums versteht oder die gar zu einen neuen Kanon werden könnten, sondern dass man sich auf die Suche nach der Offenheit in den Narrativen begibt und sich nicht neu festlegt.
 
Es ebnet den Weg diverser wahrzunehmen. Diversität ist ja nichts, was ist, was man sich anzieht. Ich persönlich bin nicht divers, ich bin nur fluid. Divers ist man nicht alleine, nur zusammen.
 
Später am Abend, auf einem Konzert des Musikers Hans Unstern, singt dieser auf seiner Harfe das Fazit des Abends: „Ich lass Cis einfach ausklingen. Es ist mir gerade sehr dominant.. So schön klingt Cis .. aus.“

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