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Stadt- und Landgeschichten: Guangzhou
Flughafenstadt und Biennale: Wenn die Kunst als Bindeglied agiert

Lin Wanshan, Pflügende Seele (2), 2019, Aluminiumlegie-rung, Edelstahl, lichtempfindliches Material, Motor, Steuerplatine usw., 180 × 180 × 220 cm, Extremer Mix
© Flughafen-Biennale Guangzhou

Für die in China im Augenblick äußerst beliebte Praxis der Einmi­schung von Kunst in den städtischen und ländlichen Aufbau liefert die Flughafen-Biennale in Guangzhou ein neues Beispiel. Jiang Ning, einer ihrer beiden Kuratoren kennt die Metropole schon seit Anfang der 90er Jahre.

Von Zhang Zongxi

„Zahlreich sind die Banyan-Bäume innerhalb des Stadt­walls, und genug an Boten und Gesandte bevölkern die Straßen”. Von Su Yun, der zur Zeit der Tang-Dynastie durch das Lingnan-Gebiet reiste, sind in der Vollständi­gen Sammlung der Gedichte aus der Tang-Zeit nur diese beiden Sätze enthalten. Aber diese beiden Sätze geben zwei landschaftliche und kulturelle Besonderheiten des Lingnan-Gebietes wieder. Zur Ming- und Qing-Zeit hatte in Guangdong und vor allem in Guangzhou bereits der See­hafenhandel begonnen. Heute gibt es hier eine boomende Flughafen-Ökonomie. Aber die Merkmale der „Kompradorenkultur“, die auf dem Austausch unter­schiedlicher Kulturen basiert, setzen sich nach wie vor kontinuierlich fort. Nur dass die „Boten und Gesandten” sich in Reisende aus allen möglichen Gegenden verwandelt haben. Banyan-Bäume gibt es aber nach wie vor. Als ein Dorf der nördlichen Außenbezirke Guangzhous, das 23 Kilometer vom Stadtgebiet entfernt liegt, blickt Fenghe auf eine über hundertjährige Geschichte zurück. Zum Städtchen Renhe gehörend besitzt es bis heute den Charme der Lingnan-Kultur. Gleichzeitig ist es aufgrund der fortschreitenden Verstädterung ebenfalls von der Aushöhlung des ländlichen Raums betroffen. Seine geografische Lage neben dem Baiyun-Flughafen sowie Guangzhous Politik der Stadterneuerung und Umgestaltung alter Dörfer haben es Fenghe dennoch ermöglicht, einen Anschluss an Kulturtourismus, Flugha­fenwirtschaft, Altbausanierung, zeitgenössische Kunst und ländlichen Aufbau zu finden. Die Flughafen-Biennale Guangzhou 2019, die am 31. Mai eröffnete und drei Monate lang dauerte, schlägt zu dieser Mischung aus Wirtschaft und Kultur eine Brücke. Ihr Fokus liegt dabei auf mehr als hundert Werken, die von über achtzig Künstler*innen aus China und anderen Ländern stammen.

Erste Erfahrungen in der Flughafenstadt: Wo sich Triebw­erkslärm mit Froschquaken mischt und Ahnentempel sich zu Wissenschaft und Technik gesellen

Nimmt man vom Terminal T1 des Baiyun Flughafens die U-Bahn-Linie 3, so hat man einen Halt später schon die Sta­tion Gaozeng erreicht. Beim Verlassen des Bahnhofs sieht man auf eine Blumenwiese und schwüle Luft schlägt einem entgegen. Gleichzeitig schieben sich zwei große, mit Luft gefüllte Willkommens-Skulpturen ins Blickfeld: Ein schwarzer Hase in einer Positur des Nachdenkens (He Duo­lings Denkender Hase), und eine menschliche Figur mit der Körperhaltung einer buddhistischen Gottheit aus Indien (Chen Tianzhuos Beißen – Vergrößern). Auf ganz natürliche Weise wird der Blick der Betrachterin auf eine Reihe sechsstöckiger roter Gebäude im Hintergrund gelenkt, in dessen Mitte ein Banner hängt, das ganze fünf Stockwerke hoch ist: „Die Flügel von Guangzhou – Flughafenstadt des Kulturtourismus“. Und auch das rechts daneben hängende Plakat mit seinem blau-weißem Hintergrund nimmt eine Höhe von vier Stockwerken ein: Extremer Mix – Flughafen-Bien­nale. Auf dem Dach thront ein Emblem mit blauem Hinter­grund: „Cultural Startup Valley der Jugend von Guangdong und Macao“.
  • He Duoling, Denkender Hase, 2019, aufblasbare Skulptur, variable Größe, Extremer Mix © Flughafen-Biennale Guangzhou 2019
    He Duoling, Denkender Hase, 2019, aufblasbare Skulptur, variable Größe, Extremer Mix
  • Chen Tianzhuo, Beißen – Vergrößern, 2019, aufblasbare Skulptur, Stoff, variable Größe, Extremer Mix © Flughafen-Biennale Guangzhou 2019
    Chen Tianzhuo, Beißen – Vergrößern, 2019, aufblasbare Skulptur, Stoff, variable Größe, Extremer Mix
Indem man der kleinen Straße folgt, an der zu beiden Sei­ten grüne Pflanzen und violette Blumen wachsen, kann man zu Fuß den Nordeingang des Städtchens erreichen. Dort be­ginnt sich die visuelle Szenerie zu verändern, sie wird reichhaltig und lebhaft: Ein Platz taucht auf, in dessen Mittelpunkt ein schmaler See liegt sowie noch mehr Frei­luftkunstwerke und Logos der Biennale. Es handelt sich um den kompletten A-Bezirk der Biennale, der sich aus Au­ßenskulpturen, dem Schaufensterbereich und dem „Meister­gebäude“ zusammensetzt. Auf der Nordseite des Sees befin­den sich neu errichtete Restaurants und Geschäfte, wäh­rend auf der Südseite die Ausstellungsräume mit den Schaufenstern liegen. In diesem Bereich standen ursprüng­lich alte Wohnhäuser. Nach geringfügigen Umbauarbeiten mit dem Ziel der Wiederherstellung des alten Zustandes konnten sie als Ausstellungsfläche genutzt werden. Die Videoinstallationen Slime Airline (Slime Engine) und An­gelhaha Airline (Liu Minmin) sind zwei Arbeiten, die mit dem Thema Luftfahrt zu tun haben. Die Vorführungsweise in Schaufenstern ist dabei ein ziemlicher Blickfang.
  • Extremer Mix © Flughafen-Biennale Guangzhou 2019
    Extremer Mix
  • Extremer Mix © Flughafen-Biennale Guangzhou 2019
    Extremer Mix
  • Extremer Mix © Flughafen-Biennale Guangzhou 2019
    Extremer Mix
Dicht darauf folgt das Xiaofang-Schaufenster, in dem Wollmützen und Unterwäschestücke in verschiedenen Farben hängen. Ein Projekt, mit dem die Künstlerin Hu Yinping 2015 begann: In ihrer Heimat Sichuan hatte sie entdeckt, dass ihre Mutter und andere Frauen des Städtchens Woll­mützen von minderwertiger Qualität webten und zu niedri­gen Preisen verkaufen. Nach ihrer Rückkehr nach Peking fand sie in „Xiaofang“ eine Freundin, die als Käuferin fungierte. Im Jahr darauf kreierte ihre Mutter mehr als hundert „seltsame“ Mützen. Ende 2016 wurde das Projekt in Peking ausgestellt, woraufhin zahlreiche Leute die Mützen kaufen wollten. Als sie ihre Mutter davon reden hörte, dass sie von vielen Frauen im mittleren Alter um ihren geschickten Umgang mit Wolle beneidet wurde, organisierte sie die Frauen des Städtchens für die Webproduktion. Sie gründete die Marke „Hu Xiaofang“, die sie gleichzeitig in China und Frankreich als eigenständige Originalmarke re­gistrierte, ausstellte und vertrieb. Das Projekt wird aktuell weiter fortgesetzt. Es ist zu einem Miniatur-Ver­bindungskanal zwischen Stadt und Land geworden.

Weiter östlich befindet sich das Kunstgeschäft „Cooles Nest“, Zhang Dings „GOLDAD CLUB“, eine Bar, die auch nach der Biennale weiter betrieben werden wird, sowie der Aus­stellungsbereich „Meisterhalle“. In dessen Untergeschoss stehen Installationen des Künstlers Liu Wei, einem Teil­nehmer an der diesjährigen Themenausstellung in Venedig. In den Räumen des Erdgeschosses blicken Eliassons Kris­tallkugel und Yayoi Kusamas Kürbis einander abwartend an, während im ersten und im zweiten Stock ebenfalls Ausstel­lungsräume liegen. Das Gebäude ist ein umgebauter Ahnen­tempel der lokalen Dorfbevölkerung und wird nach Ende der Ausstellung als öffentlicher Raum des Dorfes weiter ge­nutzt werden, zum Beispiel als Bibliothek oder als ein Platz für Indoor-Aktivitäten.
  • Yayoi Kusama, Kürbis, 2017, bemalter glasfaserverstärkter Kunststoff, Polyurethanlack, H180 × 201 × 202 cm, Extremer Mix © Flughafen-Biennale Guangzhou 2019
    Yayoi Kusama, Kürbis, 2017, bemalter glasfaserverstärkter Kunststoff, Polyurethanlack, H180 × 201 × 202 cm, Extremer Mix
  • Olafur Eliasson, Your Lost Time Gradient, 2018, Kristall¬kugel, Silber, Lackfarbe (schwarz, weiß), Edelstahl, Durchmesser 240 cm, Extremer Mix © Flughafen-Biennale Guangzhou 2019
    Olafur Eliasson, Your Lost Time Gradient, 2018, Kristall¬kugel, Silber, Lackfarbe (schwarz, weiß), Edelstahl, Durchmesser 240 cm, Extremer Mix
  • Lu Xinghua, Städtische Philosophie zum Mitnehmen, 2019, Plakat, variable Größe, Extremer Mix © Flughafen-Biennale Guangzhou 2019
    Lu Xinghua, Städtische Philosophie zum Mitnehmen, 2019, Plakat, variable Größe, Extremer Mix
Entlang der geführten Route, die in blauer Farbe auf dem Boden markiert ist, gelangt man von Zone A in Zone B. Un­ter einem Banyanbaum an einer Kreuzung befindet sich ein etwa ein Meter hoher Tempel mit Statuen des Erdgottes, der Guanyin und anderen Götterbildern in seinem Inneren. An den Seiten stehen ein paar Gedenktafeln aus verwitter­tem Stein. Auf einer von ihnen sind die Worte „Die Geis­tertafel unserer Straße für den Gott des Landes und den Gott des Getreides“ eingraviert. Die Schriftzeichen da­hinter sind nur noch undeutlich zu erkennen. Das Dorf Fenghe hat vier Gemeinden und zu jeder Gemeinde gehört eine Ahnenhalle und ein Tempel des Erdgottes. Einen wei­teren solchen Tempel kann man auch noch in Zone C unter einem großen Banyanbaum am Rande eines Teiches sehen. Interpretiert man die aufblasbaren Skulpturen vom Anfang als falsche Götterbilder, so kann man diese Statuen des Erdgottes als „echt“ verstehen, weil in kleinen Räucher­gefäßen noch Räucherstäbchen und eine dicke Ascheschicht zu sehen sind.

Nachdem man ein Stück zementierte Straße hinter sich ge­lassen hat, erreicht man eine Abzweigung, wo es geradeaus zur Zone C geht. Biegt man dagegen rechts ab, kommt man zur Zone B. Auf der rechten Seite befindet sich ein klei­ner Wald, in dem einzelne Vogelkäfige hängen, über die weiße Tücher gebreitet sind. Es handelt sich um Qin Siyu­ans Klanginstallation Ökologie. Qin kaufte sich auf dem Blumen- und Vogelmarkt in Guangzhou Singvögel und bat daraufhin die Anwohner des Wäldchens, sich dort um sie zu kümmern. Jeden Abend müssen die Vögel zurückgeholt wer­den, um ihr Wasser zu erneuern und ihnen Futter zu geben. Morgens werden die Käfige dann wieder aufgehängt. Über einen kleinen Waldpfad gelangt man in eine Gasse des Dor­fes, in der zu beiden Seiten mehrere aufgegebene baufäl­lige Häuser stehen. Verteilt auf ihre Höfe oder zwischen die wuchernden Pflanzen an den Straßenrändern steht eine Gruppe von Holzschnitzereien von Xiao Kegang: Die Öffnung verstößt gegen die Moralprinzipien (3). Die Schnitzereien setzen sich aus lauter primitiven Formen zusammen und zeugen von einem starken Gefühl für Rituale. Sie harmo­nieren so sehr mit ihrer Umgebung, als seien sie an Ort und Stelle aus dem Boden gewachsen. In der Gasse gibt es nur noch wenige bewohnte Häuser. Als ein kleiner Junge die Tür öffnet und den fremden Passanten erblickt, rich­tet er seinen Blick woanders hin.
Ausstellungsfläche draußem - Eine alte Frau hat gerade Arbeiten von Qin Siyuan zugedeckt Ausstellungsfläche draußen - Eine alte Frau hat gerade Arbeiten von Qin Siyuan zugedeckt | © Zhang Zongxi
Verlässt man die Gasse und biegt nach links ab, kommt man zu einem separaten Raum, in dem ein fast zwanzigminütiges Video abgespielt wird: He Xiangyus Der Zitronen-Plan: Asche. Eine der Szenen spielt im Wald eines fremden Lan­des und ist auf das üppige Grün des Waldes draußen abge­stimmt. Als ich mir das Video anderntags nochmal ansehe, geht gerade ein starker Regenschauer nieder und man hört, wie der Regen auf das Zimmerdach prasselt. Für kurze Zeit bekommt man das Gefühl, dass sich die beiden Szenen in­nerhalb und außerhalb des Filmes überlappen. Geht man noch weiter geradeaus, sieht man am Straßenrand aufge­stellte großformatige Slogans, die wie Aufschriften von Werbetafeln wirken und inhaltlich um das Thema Stadt kreisen. Sie sind eine Arbeit von Lu Xinghua: Städtische Philosophie zum Mitnehmen.

Danach kommt Zone D, die sich auf Kunst mit neuen Medien konzentriert. Sie unterteilt sich auf 14 instandgesetzte alte Häuser und ein siebenstöckiges Gebäude, das erst zur Hälfte fertig ist. Hier ist ein wichtiger Teil der gesam­ten Ausstellung untergebracht: Man kann sich nicht nur neue Werke ansehen oder sich an Interaktionen beteiligen, sondern auch traditionelle Bauten mit ausgeprägten regio­nalen Merkmalen besichtigen. Diese alten Lingnan-Häuser, die in ihrer Tiefe enge Gassen bilden und insgesamt kam­martig angelegt sind, haben in der Mehrzahl nur ein Stockwerk. Sie sind aus roten Ziegeln und hölzernen Bal­ken erbaut und besitzen ein Satteldach. Es gibt aber auch besondere, später errichtete zwei- und dreistöckige Häu­ser. Innenhöfe, Haupthallen, Küchen, Schlafzimmer, außer­dem Weinranken in einer Mauerecke und ungezügelt wachsen­de Pflanzen auf einem Balkon: Viele Orte und Dinge bewah­ren noch Spuren, die vom Leben der ehemaligen Eigentümer künden.
Blick aus einem siebenstöckigen Gebäude auf das alte Wohnviertel von Fenghe Blick aus einem siebenstöckigen Gebäude auf das alte Wohnviertel von Fenghe | © Zhang Zongxi
Bei den meisten der mehr als 50 ausgestellten Werke han­delt es sich um neue Arbeiten, vor allem bei denen, die im Ausstellungsbereich der 14 alten Häuser zu finden sind. Die meisten davon wurden außerdem für spezielle Räume geschaffen. In Hinsicht auf die unmittelbare Erfah­rung der Betrachter schließen sie Kontraste zwischen Alt und Neu, Inszenesetzungen und Dinge des täglichen Lebens mit ein. In Lin Wanshans Pflügende Seele (2) lauten die Schlüsselwörter „Ich, Intelligenz, Erleuchteter, Mensch, Standort, Raum“. Ein Roboter, der einem das Gefühl von absoluter Hightech vermittelt, sitzt mit gekreuzten Bei­nen in der Haupthalle eines der alten Häuser. Ihm gegen­über hängt ein zum Raum gehörendes Bild, das übernatürli­che Wesen zeigt. In Zusammenarbeit mit der Musikerin Fe­licita hat Wang Xinyi mit ihrer Installation Hütte - D12 eine Szene geschaffen, in der Elemente aus den östlichen Liaozhai-Geschichten auf westliche Hexen treffen. Obwohl an der Tür eine Warnung hängt, dass Menschen mit Herz­krankheiten, schwangere Frauen und Kinder nur mit Vor­sicht eintreten sollen, geht das erzeugte Horrorerlebnis über das normale Maß hinaus. Nachdem die Betrachterinnen den Vorhang angehoben haben, werfen sie nur einen flüchtigen Blick darauf.

Ein Werk, das die Leute zum Bleiben motiviert, ist Yang Jizhens Träumerei, eine akustische Geschichte von zehn Minuten Länge. In einem Zimmer, das noch aus Lehmwänden besteht, verströmt eine große Glühlampe warmes Licht. An seiner Decke verläuft eine Reihe hölzerner Dachsparren. In Endlosschleife wird ein Märchen abgespielt, das die Veränderungen im Erscheinungsbild der Umwelt im Verlauf des eigenen Erwachsenwerdens zum Inhalt hat. Veränderun­gen, die wiederum eine Folge der Fortschritte in Wissen­schaft und Technologie sowie der sich wandelnden sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen sind. Im Stil der Ver­menschlichung wird aus dem Mund eines kleinen Huhns eine kurze Geschichte erzählt, die reich an märchenhafter Ima­gination und Allegorien ist. Durch die gesamte Umgebung und das Werk selbst schwingt ein sehr warmer Ton, wobei beides echt und aufrichtig wirkt. Gleichzeitig aber liegt auch eine leichte Sentimentalität darin, die diejenigen, bei denen die Geschichte Resonanz findet, dazu veran­lasst, über den Boden, die Menschen, die Erinnerung sowie die Entwicklung der Städte nachzusinnen und zu reflektie­ren.
 
Tritt man aus Zone D heraus, kommt man in Zone C, die sich die Straße entlang ausbreitet und Freiluftarbeiten zeigt: Von Xu Zhens Mir geht es gut!, der Figur einer verletzten Winkekatze, bis zu Lu Pingyuans Tetris-Instal­lation 1984 zwischen den „Handshake-Gebäuden“. Außerdem ist da noch Bi Rongrongs Nutzloser idealer Raum (2), der Dorfbewohner zur Nachahmung angeregt hat. Man könnte sa­gen, dass die ganze Straße eine Landschaft ist. Der erste Tag nach der Eröffnung fällt gerade mit dem 1. Juni, dem Internationalen Kindertag zusammen und es kommen nur vereinzelte Besucher. Am Rand des Teiches liegt der Foku(s) Club, der alle Arten von Snacks verkauft. Jede Familie hat einen Sonnenschirm dabei, der ursprünglich nur dafür gedacht ist, die Sonne abzu­schirmen. Ich habe meine Schüssel Reisnudeln mit Rind­fleisch noch nicht leer gegessen, da fängt es in Strömen an zu regnen. Erst als ich mit mehreren anderen Gästen unter verschiedenen Regenschirmen feststecke und die Landschaft im Regen genieße, weiß ich, dass die Schirme mehr als einen Nutzen haben.
Xu Zhen%U00AE, Mir geht es gut!, 2019, aufblasbare Skulptur, Extremer Mix © Flughafen-Biennale
Nach Verlassen der Zone C kann man wieder auf die Straße zu Zone A kommen. Um es genauer zu sagen: Das Dorf Fenghe ist keine komplett leere Hülle. Mit Ausnahme eines Teils der alten Häuser in den Zonen C und D, die leerstehen, handelt es sich bei den Gebäuden im Umkreis von Zone C überwiegend um neu errichtete Wohnhäuser. Zone A besteht dagegen aus einem bereits eröffneten Geschäftsviertel so­wie einem Viertel mit teilweise alten Häusern. Die Nacht verbringe ich in einem Hotel in der Nähe des Platzes, in dem Musikschallplatten aus Vinyl abgespielt werden. Ich öffnete das Fenster. Gegenüber liegt ein noch nicht ganz ausgehärteter Parkplatz und noch weiter in der Ferne ist eine Gruppe von Neubauten zu sehen. In der Nacht dringt Froschgequake über die grasbewachsene freie Fläche her­über und außerdem ist in der Luft ab und zu das Brummen von Flugzeugen zu hören. Wider Erwarten gelingt es ihm, die Schallplatten zu übertönen. Zum Glück gibt es nachts nur wenige Flüge. - Vorhandene Daten belegen, dass dieses Stück Himmel täglich von etwa 1.300 Flugzeugen durchquert wird.

Die Flügel von Guangzhou – Flughafenstadt des Kulturtou­rismus: Eine Kombination aus Stadterneuerung, Kunstintervention und Immobilienentwicklung 

  © Jiang Ning Im Sommer 1990 nutzte Jiang Ning, damals Dozent an der Zweiten Berufsschule für Leichtmaschinen, die Sommerferien dazu, um von Shanghai in ein im Dorf Shihu der Gemeinde Renhe gelegenes Unternehmen mit „drei Importen und einer Kompensation“ zu fahren und dort Designmuster für Verpa­ckungen zu entwerfen. Wahrscheinlich hätte er damals nicht gedacht, dass er fast 30 Jahre später in der neu projektierten Kulturtourismus-Stadt der Gemeinde Renhe an der Planung einer großen Kunstbiennale beteiligt sein würde.
 
Damals hatte sich gerade eine Goldgräberwelle in Richtung Süden entwickelt. Jiang Ning war nach seinem Abschluss an der Kunstgewerbeschule in Shanghai der Zweiten Berufsschule für Leichtmaschinen als Lehrer zugeteilt worden. „Lehrer zu sein war zu dieser Zeit sehr schwierig, denn in den späten 1980er und den frühen 1990er Jahren hatten Reform und Öffnung gerade erst begonnen und alle gingen in den Süden, um dort zu arbeiten“, erzählt Jiang Ning im Büro der Kulturreisestadt aus seiner Vergangenheit. „Da­mals fand eine rein wirtschaftliche Entwicklung statt. Um Geld zu verdienen, konnte man im Grunde genommen nicht an Kultur denken. Unsere Fabrik nahm eine örtliche Schule in Beschlag und verwandelte sie in eine Fabrik. Seinerzeit gab es noch viele Orte, an denen öffentliches Eigentum dazu hergenommen wurde, um Investitionen anzuziehen.

Drei Monate danach kehrte Jiang Ning nach Shanghai zurück, beendete seinen Lehrberuf und verzichtete auf die damit verbundene „eiserne Reisschale” genannte Minimalpension. Er ging in eine größere Kofferfabrik nach Dongguan, um dort weiter als Designer zu arbeiten. 1991 wechselte er nach Guangz­hou in die Werbebranche und gründete drei Jahre später seine eigene Werbefirma, in der er bis heute tätig ist. 2015 gründete er in Shanghai eine Firma für künstlerische Planung: Die Flughafen-Biennale ist die zweite große Kunstausstellung, die sie übernommen hat. Mass Energy 1862 - HBC Contemporary Art Exhibition fand Ende 2017 als erste Ausstellung statt. Ihr Veranstaltungsort, die „Werft 1862“, befindet sich in Lujiazui im Shanghaier Stadtteil Pudong. Hierbei handelt es sich um eine alte Werft, die 1972 gebaut wurde und später vom Architektur­büro Kengo Kuma in einen Mehrzweckkomplex umgewandelt wurde. Die Ausstellung findet in Kooperation mit der Shanghai Urban Space Art Season statt und ist eine „Mass-Energy-Praxis“, in der sich Kunst ins urbane Leben ein­mischt.

Dieses Mal ist es eine Kooperation mit der Kulturreise­stadt. Nachdem 2004 Guangzhous neuer Internationaler Flughafen Baiyun offiziell eröffnet wurde, bleibt das Ge­samtvolumen der Flughafenwirtschaft weiterhin auf Wachs­tumskurs und treibt die Entwicklung der Gemeinde Renhe voran. 2017 siedelte sich Chinas erste Flughafenstadt des Kulturtourismus im Dorf Fenghe in der Gemeinde Renhe an und der Aufbau einer Stadt des Kulturtourismus, die kan­tonesische Kultur und Luftfahrtkultur in sich vereint, wurde begonnen. Sie ist eine von hundert Pilotgemeinden für den Aufbau kleiner Städte und Gemeinden im ganzen Land. Zur Entwicklung des Standorts von einer primären Prozess- und Fertigungsindustrie mit „drei Importen und einer Kompensation“ zur Flughafenwirtschaft sagt Jiang Ning: „Ich denke, dass sich das Wesen der Wirtschaft stark verändert hat. Die jetzige Flughafenwirtschaft kann viel größere Energien erzeugen, besonders vor dem aktuellen Hintergrund des Aufbaus der Greater Bay Area von Guangdong.“
  • Lu Pingyuan, 1984, 2019, Material, variable Größe, Extremer Mix © Flughafen-Biennale
    Lu Pingyuan, 1984, 2019, Material, variable Größe, Extremer Mix
  • Bi Rongrong, Nutzloser idealer Raum (2), 2019, Acrylwand, Größe nach Veranstaltungsort, Extremer Mix © Flughafen-Biennale Guangzhou
    Bi Rongrong, Nutzloser idealer Raum (2), 2019, Acrylwand, Größe nach Veranstaltungsort, Extremer Mix
  • Chen Leng, Informationswände, 2018, Inkjet-Stoff, Stahl, 700 × 280 cm, Extremer Mix © Flughafen-Biennale Guangzhou
    Chen Leng, Informationswände, 2018, Inkjet-Stoff, Stahl, 700 × 280 cm, Extremer Mix
  • Zheng Guogu, Der Charme des Xinyousu-Gartens, 2014, roter Granit, 207 × 222 × 38 (H) cm, Extremer Mix © Flughafen-Biennale Guangzhou
    Zheng Guogu, Der Charme des Xinyousu-Gartens, 2014, roter Granit, 207 × 222 × 38 (H) cm, Extremer Mix
  • Fan Bo, Grenze, 2019, ortsspezifische Installation, Größe nach Veranstaltungsort, Extremer Mix © Flughafen-Biennale Guangzhou
    Fan Bo, Grenze, 2019, ortsspezifische Installation, Größe nach Veranstaltungsort, Extremer Mix
Der Organisator der Kulturreisestadt „Die Flügel von Guangzhou“ und Zuständige der Firma Xunhegang hatte Jiang Ning aufgesucht und ihn gebeten, das Projekt zu planen. Sie sind seit mehr als 20 Jahren alte Freunde. Die Firma setzt auf die freiwillige Zusammenarbeit mit den Dorfbe­wohnern, was heißt, dass das Eigentumsrecht der Dorfbe­wohner an ihrem Land und ihren Häusern erhalten bleibt. Diejenigen Immobilien, die die Leute aus dem Dorf selbst bewohnen, gehören nicht zum Kooperationseigentum. Die Dauer der Zusammenarbeit beträgt 30 Jahre. Nach ihrem Ab­lauf wird sämtliches Eigentum kostenfrei an die Dorfbe­wohner zurückgegeben. Vor diesem Hintergrund wurden im Rahmen des Projekts ungefähr 550 der ursprünglichen Dorf­häuser minimal umgebaut.

„Wir werden niemals Ausstellungen in Kunsthallen, Galeri­en oder anderen professionellen Orten machen, aber ich denke, dass wir manchmal professionelle Ausstellungen in öffentlichen Räumen machen müssen. Die öffentlichen Cha­rakter der zeitgenössischen Kunst zu fördern – das ist unsere Absicht.“ Jiang Ning fand seinen Kooperationspart­ner – Xu Zhen, einen alten Schulkameraden von der Shang­haier Kunstgewerbeschule – und begann die Ausstellung zu planen. Später lud er den Kurator Lu Mingjun dazu ein, sich ihnen anzuschließen. Für Lu Mingjun war die Ausstel­lung ebenfalls ein neuartiger Versuch. Zuvor hatte er im­mer zuerst das Thema festgelegt und danach die Künstler dazu ausgewählt. „Dieses Mal hat der Raum einen großen Anteil, so als würden die Werke einen hervorhebenden Hin­tergrund bilden und das Areal zum Kunstwerk werden. Weil dieser Ort einen relativ hohen Mehrwert besitzt, ist er eine ganz andere Hausnummer.“ Xu Zhen meint auch, dass ein Künstler den Ort weder in ein festes Schema pressen noch an einem augenscheinlich unmöglichen Platz ausstel­len sollte. „Das ist eine grundlegende Einstellung der zeitgenössischen Kunst. Die Forderung, die wir an uns selbst stellen, lautet, dass wir nicht den Sichtweisen konventioneller Klassenästhetik folgen. Diese Einstellung lässt sich tatsächlich korrigieren.“

Von der Planung bis zur Eröffnung vergingen fast zwei Jahre. Ende des letzten Jahres begann dann der Eintritt in die eigentliche operative Phase. Zuerst wur­den die Gebäude bewertet. Weil sie seit Jahren nicht re­noviert worden waren, trat man nach der Sicherheitsbewer­tung nochmal in Kontakt mit den Dorfbewohnern. Als man alle Entscheidungen getroffen hatte, mussten die Räume, in denen die Ausstellung stattfinden konnte, bautechnisch umgestaltet werden: Die Gebäude mussten stabilisiert, ans Stromnetz angeschlossen und beleuchtet werden, Klimaan­lagen waren zu installieren. Die Kuratoren mussten für jedes Zimmer von jedem Haus an Ort und Stelle Messungen durchführen und 3D-Modelle für die Künstler erstellen. Kommunikationspläne, notwendige Vor-Ort-Inaugenscheinah­men durch einige Künstlerinnen, Zollerklärungen für die Werke ausländischer Teilnehmer, Transporte und andere Aufgaben sowie die Koordination mit den Dorfbewoh­nern während des Umsetzungsprozesses – alles dies wurde in Gang gesetzt.

Eine der Erfahrungen, die Jiang Ning in den vielen Jahren, die er in Guangdong lebt, mit der Lingnan-Kultur gemacht hat, ist, dass es hier ein ziemlich starkes lokales Sip­penbewusstsein gibt. Eine andere, dass die Leute hartnä­ckig an ihren Traditionen festhalten. „Wenn zeitgenössi­sche Kunst in ein solches Dorf mit einem starken kultu­rellen Anhänglichkeitskomplex eindringt, dann bin ich schon immer der Meinung gewesen, dass es keine Einmi­schung in nur eine Richtung ist, sondern in beide Rich­tungen, eine Art gegenseitige Verschmelzung.“ Auf der Grundlage dieser kulturellen Anhänglichkeit lernen auch die Künstler, nachsichtig zu sein und Dinge zu akzeptie­ren.

Neben der Umgestaltung des alten Dorfes besteht eine an­dere Funktion der Kulturreisestadt darin, die Lebensbe­dürfnisse und kulturelle Nachfrage des ständig wachsenden Flughafenpersonals zu befriedigen. Außerdem sind da noch die Touristen, für die ein Service eingerichtet wurde, der ihnen einfaches Boarding ermöglicht. Für in- und aus­ländische Reisende musste man ein Umfeld schaffen, in dem sie sich ausruhen oder ein Quartier finden können. Das heißt, dass sie auch mitten in der Nacht bequem von hier zum Flughafen kommen können. Die Ausstellung wird es ih­nen außerdem leichter machen, mit Kunst in Berührung zu kommen. „Ich hoffe, dass sie mit unserer Kulturreisestadt gute Erfahrungen machen“, wünscht sich Jiang Ning. 

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