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Stadt- und Landgeschichten: München
Der unmögliche Versuch die Zeit festzuhalten

München
© Camilla Bundgaard

Die Malerin Silke Markefka liebt Münchens Alte Pinakothek und feiert die Lebendigkeit der Kunst.

Von Thomas Lang

Das Museumscafé, in dem wir verabredet sind, und den -shop gab es noch nicht, als die Alte Pinakothek 1836 eröffnet wurde. Der hohe Eingangsbereich ist geprägt von Fensterbögen und nacktem Ziegelwerk, ein zwischen Klassizität und Moderne oszillierender Raum. Die Sammlung alter Kunst, über 700 Gemälde, reicht von der Renaissance bis ins 18. Jahrhundert. Sie hat Weltrang. Dürer, Leonardo, Tintoretto, Rembrandt, Rubens, Brueghel sind nur einige der großen Maler, deren Werke hier versammelt wurden.
Alte Pinakothek in München Alte Pinakothek in München | Foto: Valery Voennyy © Colourbox
In dem bei seiner Eröffnung 1836 mit 19 Sälen und 47 Kabinetten größten Museumsbau der Welt treffe ich Silke Markefka. Die drahtige Frau mit den hinter dem Kopf zusammengefassten Haaren erweckt den Eindruck, in sich selbst zu ruhen. Sie lacht gern und ich merke gleich, dass sie nichts von den aufgeblasenen Phrasen hält, die in der Kunstwelt so häufig sind. Die Alte Pinakothek kennt Markefka schon von Kindheit an, denn die Künstlerin ist nahe bei München aufgewachsen. Sie mag die Erhabenheit des Museums. „Du trittst ein und denkst: Wahnsinn, dieses herrschaftliche Gebäude. Dann gehst du die Treppen hoch und es empfangen dich die Bilder. Das relativiert sich nicht, auch wenn du des Öfteren herkommst.“

Manchmal schaut sie nur ein einziges Bild an. Oder sie nimmt sich die ganze erste Etage vor und macht Notizen. Einer ihrer Lieblingsmaler ist der Florentiner Andrea del Sarto, der von 1486 – 1530 lebte und von dem ein Bild der Heiligen Familie in der Alten Pinakothek zu finden ist. Besonders liebt sie die alten Meister für ihren Umgang mit Farbe und mit Licht. Lady With a Book of Petrarch's Rhyme  Lady With a Book of Petrarch's Rhyme | Andrea del Sarto (Public Domain) Licht bildet auch das zentrale Thema von Markefkas aktueller Malerei. Es sind natürlich nicht mehr die alten biblischen Motive, die sie dabei wählt, sondern zum Beispiel Kronleuchter. Ausgehend von einer Jugenderinnerung an den großen Lüster in der Münchener Staatsoper, beschäftigt sie sich mit dem besonderen Licht, dass diese Leuchter spenden. Der konkrete Lüster ist dabei eher ein „Abglanz“ geworden, wie Markefka erklärt, „ein Traumbild, wie es etwa aus der Erinnerung aufsteigt. Es geht mir auch um den Raum. Raum und Licht beschäftigen mich.“ Gerne würde die Malerin in ihren Bildern außerdem die Zeit festhalten, nur dass, bedauert sie, sei unmöglich.

Die Farbe tritt dabei weit in den Hintergrund, die Lüsterbilder kommen in verschiedensten Abstufungen von dunklen Grau- und hellen Weißtönen daher. „Es ist mir wichtig, dass das Licht aufsteigt, und das sieht man natürlich besser vor einem dunklen Hintergrund. Ich trage ganz dünne Lasuren auf, bis das Licht nach vorne dringt.“

Auf ganz andere Weise wirkt das Licht auch in einer Reihe von Bildern, die Markefka in Florenz von Touristen gemalt hat. Diese Bilder wirken sehr hell, die Farben sind kräftig, wie von der Sonne angestrahlt. Die Malerin erklärt, dass sie die Farben so auch an der Kleidung der Touristen vorfand: rot, beige, blau. Häufig malt sie an der Grenze zum Abstrakten. Das Gegenständliche ist noch erahnbar, aber Form, Farbe oder eben Licht behaupten ihre Selbständigkeit.

Manchmal nimmt sie Bezug auf den Ort, an dem sie malt. So war es in Florenz, wo sie erst mal die Zypressen „wegmalen“ musste. Das viel gebrauchte Motiv ist für sie malerisch erschöpft, breitete sich aber in ihrem Kopf aus. Auch Max Beckmann, dessen früheres Atelier sie in Florenz bewohnte, musste erst mal weggemalt werden, um Platz für Eigenes zu schaffen. In München hat Markefka sich mit der Isar beschäftigt. Sie liebt den Fluss, der sich seit der Renaturierung beinah ländlich idyllisch durch die Stadt schlängelt. Die Kunst-Akademie, an der sie Malerei studiert hat, ist für Markefka ein großartiges Gebäude.

Für unproduktives Klagen über die kostspielige Stadt hat sie nicht viel übrig. „Mir geht es auf die Nerven, wenn alle nur rumjammern, was sie alles machen würden, wenn es hier nicht so teuer wäre, und dann haben sie gar kein Werk. Man muss es selber tun. Klar hätte ich auch gern ein riesiges Atelier, aber es ist halt nicht so.“ Im Münchener Kunstbetrieb hält sie sich eher zurück. Bei Vernissagen und ähnlichen Gelegenheiten begegne man sich, im Atelier dagegen sei man meist mit sich allein. „Es ist ein einsamer Job.“ Nur mit ihrem Mann, dem Schriftsteller und Künstler Nikolai Vogel, realisiert sie mitunter gemeinsame Kunstprojekte.

Als ich sie frage, ob ihr genug Kunst in der Stadt sei, genug und qualitativ ausreichende Ausstellungen etwa, lacht sie. Sie reise sehr gern, sagt sie, und da bildeten Museen oft die Vorgabe für die Ziele. „Ich finde es toll, dass man nicht überall alles sieht.“ Große Kunst-Events lassen sie kalt. Das sei oft einfach zu viel und zu voll. Das Museumsviertel mit den mittlerweile drei Pinakotheken für Kunst aus sechs Jahrhunderten sowie der Sammlung Brandhorst empfindet Markefka aber nicht als exzeptionell. „Ich bin damit aufgewachsen. Vielleicht ist es mir deshalb nie aufgefallen, wie viel Kunst hier auf kleinem Raum versammelt ist.“ Im Grunde geht es ihr um das Glücksgefühl beim Betrachten von Bildern. „Ich komm hier rein, sitz oder steh vor einem Bild, und es geht mir unmittelbar ins Herz. Wie Musik.“

Ein Bild bringt immer Dinge in den Raum, die nicht da sind. Du siehst darin, wonach du dich sehnst. Also wirst du es jeden Tag anders betrachten.

Wie viele Münchener Gebäude wurde auch die Alte Pinakothek im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt. Die Sammlung war da zum Glück bereits ausgelagert. Beim Wiederaufbau in den 1950er-Jahren folgte man einem Vorschlag des Architekten Hans Döllgast. Dieser wollte, dass die Spuren der Zerstörung mahnend sichtbar blieben. So folgte der Wiederaufbau zwar den alten Plänen, doch die neu errichteten Wände und Fensterbögen sind aus unverputztem Ziegelmauerwerk. Ein roher Keil mitten im Gebäude macht bis heute sichtbar, was der Krieg auch mit die Architektur angerichtet hat. Und bis heute streiten die Münchener über diese Art der „provisorischen“ Rekonstruktion.

Im Innern des Gebäudes ist man bei Renovierungen in den letzten Jahren dagegen wieder mehr zu den Ursprüngen zurückgekehrt. Die seinerzeit wegweisende Beleuchtung der Räume durch Oberlichter wird wieder genutzt, nachdem eine so genannte Verschattungsanlage verhindert, dass das natürliche Licht den Bildern schadet. Auch die Gestaltung der Wände mit alternierend roter und grüner Wandbespannung folgt einem Konzept des 19. Jahrhunderts.

Markefka schwärmt vor allem vom natürlichen Licht, das sich auf die Betrachtung der Bilder auswirke. Jede Sonnen- oder Wolkenstimmung variiere den Blick auf die Kunst. Die Bilder wirkten so noch um einiges lebendiger. Überhaupt scheint für sie nicht nur das Malen als Tätigkeit, sondern auch das fertig Gemalte etwas Lebendiges zu sein. „Ein Bild ist ein Fenster irgendwohin“, äußerte sie in einem Video-Porträt. Ich frage sie, was sie damit meint. Wieder lacht sie. „Ein Bild bringt immer Dinge in den Raum, die nicht da sind. Du siehst darin, wonach du dich sehnst. Also wirst du es jeden Tag anders betrachten.“

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