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Stadt- und Landgeschichten: München
Im Windschatten der großen Stadt

 
© Friedrich Ani

Schriftsteller Friedrich Ani spricht über das unglamouröse München und über das Ankommen.

Von Thomas Lang

Wer den Namen Giesing hört, denkt in München zunächst an Autoverkehr. Große Ring- und Ausfallstraßen ziehen sich von der Isar her den Berg hinauf, in einem breiten Graben strömen Zehntausende Autos täglich von Süden in die Stadt und zurück. 54.000 Menschen bewohnen Obergiesing. Die Innenstadt liegt auf der anderen Seite der Isar. Die Tegernseer Landstraße, auch als Tela bekannt, führt mitten durchs Viertel. Sie ist im Bereich der Post heute verkehrsberuhigt, mit Tram, Bus und Lieferverkehr aber alles andere als eine lauschige Seitenstraße. Hier plante Architekt Robert Vorhoelzer in den 1920ern einen modernistischen Bau, die Tela-Post. Ein schmuckloser Quader, dessen Schönheit eher der Proportion und Reduktion entspringt, oder, wie Friedrich Ani es ohne Umschweife sagt: „ein hässliches Gebäude“. Immerhin ist was los hier, neben der Poststelle befinden sich eine Metzgerei und ein Laden für Seniorenbedarf, vor dem Gebäude in einer Art Kiosk gibt es ein kleines Café, auf der anderen Straßenseite weitere Geschäfte, Bäckereien, Lokale.
Obergiesing/München Obergiesing/München | Foto: Softeis, CC BY-NC-ND 2.0, via wikimedia
Ich treffe den vor allem als Krimi-Autor berühmten Schriftsteller vor dieser Post auf dem „Prachtboulevard“, wie er noch ironisch anmerkt, im Herzen seines Viertels. Ani wohnt seit vielen Jahren in Obergiesing. Er mag an dem Stadtteil genau das, was andere monieren: das graue, anonyme, im Unterschied zu Schwabing eben nicht glamouröse. Hier kann er seine Ruhe haben und schreiben. Ani ist ein sehr produktiver Autor, der seit 1996 neben zahlreichen Romanen auch Drehbücher, Hörspiele und Gedichte publiziert hat. Er ist ein aufmerksamer Gesprächspartner. Als ich ihn frage, was ihn antreibt, lächelt er. „Ich kann nichts anderes. Ich habe schon als Kind gekritzelt, das hat mir eine Weltberechtigung gegeben, eine Anwesenheitsberechtigung.“

Aufgewachsen ist Ani in den 1960er-Jahren im Münchner Oberland. Sein Vater stammte aus Syrien, die Mutter war – wie viele andere dort – eine Vertriebene aus Schlesien. „Zwei Fremde zeugten einen Einheimischen“, schrieb er einmal über sich. Dennoch wussten „die Buben ringsum ... genau, wessen Blut in mir floss.“ Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass Ani die Landeshauptstadt als seine Heimat betrachtet. Dort konnte er schon immer frei atmen. Mit achtzehn Jahren zog er nach München und schrieb zunächst für Zeitungen. „Ich habe ein Volontariat bekommen und dann wie ein Teufel geschrieben. Zeitungen, Zeitschriften und so weiter – das war immer wie ein Draht in die Steckdose des Universums.“ Friedrich Ani, 2014 Friedrich Ani, 2014 | Foto: blu-news.org CC BY-NC-ND 2.0, via wikimedia Aus dieser Energie entstand auch die Figur des Ermittlers Tabor Süden. Bis der erste Roman veröffentlicht wurde, „hat es ewig gedauert“, sagt Ani, „ewig.“ Aber dann kam der Erfolg. Seine Bücher sind mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzt, darunter Chinesisch, und haben zahlreiche Preise bekommen. Den Erfolg findet er etwas anstrengend und hat die Zahl der Lesungen, die er veranstaltet, wieder reduziert. Ani macht eher den Eindruck, dass er seine Berühmtheit hinnimmt. „Ich wollte einfach mein Ding machen, in meinem Zimmer sitzen und schreiben.“ Daran hat sich für den inzwischen 60-Jährigen nie etwas geändert. Er wohnt nach wie vor in einer 1-Zimmer-Wohnung mit Tisch, Bett und ein paar Büchern. Und er schreibt.

Fast alle seine Bücher spielen in München, wenn auch nicht unbedingt im Stadtteil Giesing, wo Tabor Süden wohnt. Ani verwendet die echten Namen von Straßen und Lokalen. In Der Narr und seine Maschine, dem aktuellen Tabor-Süden-Krimi beschreibt er das Johannis-Café, in dem sich bis heute die Münchener Szene mit den Eingesessenen mischt und abgesehen vom Rauchverbot eigentlich alles so geblieben ist wie früher. Dennoch entsteht beim Lesen ein fiktiver Raum, aufgeladen mit Melancholie und einer inneren Wahrheit, die über den konkreten Ort hinausgeht. Ani erzählt, dass er häufig in andere, ihm weniger bekannte Stadtteile gefahren sei, um sich für seine Texte inspirieren zu lassen. „Es ist halt meine Stadt“, sagt er, „und ich habe immer schon andere Dinge in ihr gesehen als im Rathausprospekt zu finden sind.“

In einem eigentümlichen Gegensatz dazu steht sein Fernweh. „Eigentlich bin ich wie zwanghaft jede Woche zum Bahnhof gegangen.“ Er hätte sich früher gut vorstellen können, im Berliner Westen zu leben. Wirklich weggehen wird er eher nicht. Nur Sylt, die Nordsee mit ihrem besonderen Licht, ist noch so ein Ort, an den er sich gern und häufig begibt.

Früher war Giesing ein Arbeiterviertel, Agfa hatte hier ein Werk, es gab Brauereien, im Ersten Weltkrieg eine Maschinengewehrfabrik. Als 1919 in Bayern die Räterepublik ausgerufen und kurz darauf in blutigen Kämpfen wieder niedergeschlagen wurde, starben auch im „roten“ Giesing 61 Menschen. Eine schlichte Steinsäule vor der Post erinnert heute an sie. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der bald fünfzehnhundert Jahre alte Ort als Glasscherbenviertel berüchtigt.

Das alles ist Vergangenheit. Auf den Straßen geht es heute friedlich zu. Wo noch vor wenigen Jahren Paulaner Bier gebraut wurde, entstanden jüngst schicke Apartmenthäuser, die Wohnungen erzielen hohe Preise auf dem Immobilienmarkt. Mit dem Zuwachs der Stadtbevölkerung kamen in den 1990er-Jahren die Familien nach Obergiesing. „Es gab vorher kaum Kinder im Straßenbild“, erzählt Ani. Auch junge Leute, die in die Kneipen gehen, hätten gefehlt. Was immer noch fehlt sind die „panzerkreuzergroßen Kinderwägen. Giesing ist bis heute ruhiger, verschachtelter, kleiner als Schwabing oder die Maxvorstadt. Es lieg immer noch im Windschatten der großen Stadt.“

Ob sich diese Eigenheiten halten, hält Ani für fraglich. Durch den massiven Zuzug wohlhabender Leute verändere sich München insgesamt. „Man muss aufpassen, dass die Stadt nicht überrannt wird von diesen Firmen und diesen Leuten. Bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, Sozialwohnungen zu bauen, ist eine Aufgabe, die die Stadt einfach leisten muss. Sonst wird sie wirklich ein Park.“

Wie der das sagt, wirkt kein bisschen sentimental, eher nachdenklich.

Ich frage Ani nach seinen weiteren Plänen. Er erzählt mir, dass ein Buch kommen wird, in dem seine verschiedenen Ermittler alle aufeinandertreffen. Auch für Tabor Süden geht es also weiter. In Der Narr und seine Maschine befindet er sich anfangs am Bahnhof und will der Stadt und seinem alten Leben den Rücken kehren – genau wie am Ende wieder. Süden will oder kann eigentlich nicht sein, wo er ist. Ähnlich scheint es auch seinem Schöpfer zu gehen. Auch er hat das innere Fremdsein nie abgelegt. „Da ist schon eine Form von Unbehaustheit“, sagt Ani, trotz München-Zugehörigkeit. Da ist das Gefühl, dass ich immer noch nicht angekommen bin.“

Wie der das sagt, wirkt kein bisschen sentimental, eher nachdenklich, mit sich und womöglich mit dem nächsten literarischen Stoff beschäftigt.

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