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Blaue Stunde in Shanghai V
Der Volkspark

Matchmaking Corner
Matchmaking Corner | © btr

„Bekannten Shanghaier Wahrzeichen für das Schließen von Freundschaften und für seelische und geistige Erholung. Vor allem seine English Corner und seine Matchmaking Corner sind berühmt”.

Von btr

“Volkspark” - so lautet wahrscheinlich der gebräuchlichste Name für öffentliche Gartenanlagen in China. Ähnlich wie die anderen über das ganze Land verstreuten Volksparks, wurde auch der Shanghaier Volkspark in den ersten Jahren nach der Staatsgründung angelegt. 1952 verwandelte Shanghais Stadtregierung eine ehemalige Pferderennbahn in den Volkspark und den Platz des Volkes. Danach wurden die zentralen Versammlungsgebäude der Pferderennbahn nacheinander in die Shanghai Bibliothek, das Kunstmuseum Shanghai und das Museum für Stadtgeschichte umgebaut. Der Volkspark, der an die Nordseite des Volksplatzes und das Gebäude der Shanghaier Stadtregierung grenzt, wurde dagegen allmählich zu einem – wie es Wikipedia formuliert – “bekannten Shanghaier Wahrzeichen für das Schließen von Freundschaften und für seelische und geistige Erholung. Vor allem seine English Corner und seine Matchmaking Corner sind berühmt”.
 
Zu Beginn des Jahres 2019 war von der English Corner bereits keine Spur mehr sehen, während die Matchmaking Corner und ihre regelmäßig an Wochenenden abgehaltene Kontaktbörse immer größeren Zulauf bekam. Mittlerweile nimmt sie fast ein Drittel der gesamten Parkfläche ein. Die vielen hundert Menschen, die sich dort versammeln, erinnern an einen großen, florierenden Markt für Talente und Human Ressources. Aber auch an ein mobiles Museum der Anthropologie oder Soziologie, in dem sich unwillkürlich die Vielfalt der Welt widerspiegelt.
 
Wenn man die Matchmaking Corner durch den Haupteingang des Volksparks betritt, der gegenüber dem von László Hudec gestalteten historischen Kino Grand Theatre liegt, dann hat man das Gefühl, in eine andere Art von Film zu tauchen: in einen Film, der lebt. An einem Nachmittag am Wochenende herrscht offensichtlich strahlender Sonnenschein, und doch reihen sich den ganzen Weg entlang bunte aufgeklappte Regenschirme, die mit Kontaktanzeigen beklebt sind. Welcher schlaue Kopf auf diese elegante und flexible Methode gekommen ist, Anzeigen auszuhängen, ist nicht bekannt. Aber sie verleiht den im großen Stil betriebenen Eheanbahnungsaktivitäten sogar eine metaphorische Bedeutung: Nach einer langen Trockenheit wartet man auf Regen und ist auf diesen Regen gleichzeitig bereits bestens vorbereitet.
 

  • Matchmaking Corner © btr
    Matchmaking Corner
  • Heiratsanzeige © btr
    Heiratsanzeige
  • Heiratsanzeige © btr
    Heiratsanzeige
  • Bunte aufgeklappte Regenschirme, die mit Kontaktanzeigen beklebt sind. © btr
    Bunte aufgeklappte Regenschirme, die mit Kontaktanzeigen beklebt sind.
  • Matchmaking Corner © btr
    Matchmaking Corner
“Mülltrennung als neuer Trend und der Aufbau eines schönen neuen Heims”. Neben der elektronischen Informationstafel, auf der dies zu lesen ist, hängt ein traditioneller Slogan mit gelben Schriftzeichen auf rotem Grund: “Das Aufschlagen von Heiratsvermittlungsständen jeder Art ist streng untersagt. Jedwedes betrügerisches Verhalten wird durch Kontrollen aufgedeckt”. Dieser Slogan deutet an, dass die hinter den Schirmen postierten Personen nicht unbedingt das sind, was wir für gewöhnlich in ihnen vermuten - Eltern, die stellvertretend für ihre Söhne und Töchter hierher gekommen sind, um Partnersuchanzeigen auszustellen - sondern dass sich vielleicht auch professionelle Heiratsvermittler unter ihnen verstecken. Tatsächlich sind die Heiratsvermittler ziemlich leicht zu erkennen. Auf ihren Schirmen sind oft mehrere Kontaktanzeigen befestigt, oder es werden gleich in einer Reihe von Anzeigen auf benachbarten Schirmen identische Kontakttelefonnummern und WeChat-Accounts genannt. Man könnte die Eltern in einem bestimmten Sinn jedoch ebenfalls als “Vermittler” betrachten, nur, dass die meisten von ihnen gar keinen Vermittlungsauftrag erhalten haben. Sobald man eine professionelle Kamera in die Höhe hält, werden die Eltern argwöhnen, dass man ein Journalist ist. Diejenigen von ihnen, die hinter dem Rücken ihrer Kinder einen Ehepartner für sie suchen, möchten nicht vor dem Objektiv erscheinen. Sie haben Angst, ihre Söhne und Töchter könnten sie in einem Fernsehbericht entdecken. Schließlich gelten ihre Dienste ja nur einem einzigen Kunden.
 
Es ist ebenso interessant wie aufschlussreich, die Texte der Kontaktanzeigen zu studieren. Zunächst verraten einige der Überschriften, in welcher Beziehung die Menschen hinter den Regenschirmen zur Hauptperson der Suchanzeige stehen: „Tochter“, „Sohn“, „Ehegesuch für mein Kind“, oder "Tochter und Einzelkind" (so als würde das Wort „Einzelkind“ die Dringlichkeit erhöhen oder die Wichtigkeit der genannten Bedingungen in der Anzeige). Andere Anzeigen sind mit „Schicksalhafte Bestimmung gesucht“, „Gegenseitige Nähe“, „Ehegesuch“, „Suche bessere Hälfte“ oder „Suche Ehepartner“ überschrieben, so als wären sämtliche Überschriften subtile Variationen vor dem Grundton der Partnersuche. Aber unabhängig davon, welcher Titel für die Anzeige gewählt wurde und ob sie überhaupt einen Titel besitzt oder nicht, besteht der größte Unterschied zu Freundschaftsanzeigen im Internet darin, dass den allermeisten Anzeigen kein Foto beigefügt ist. Bei der Partnervermittlung im Volkspark dominiert nicht das visuelle Element, und nach dem Aussehen wird schon gar nicht entschieden. Im Gegenteil: Was die (Vertreter der) Heiratswilligen für wichtig halten, ist, dass die Bedingungen beider Seiten übereinstimmen. In den Heiratsgesuchen werden häufig Größe, Alter, Ausbildung, Familienstand (ob man geschieden ist), Jahresgehalt, Immobilien und andere Fakten aufgeführt. Hinzu kommen die entsprechenden Anforderungen an das Gegenüber. Das ist so, als hätte man einen quicklebendigen Menschen – egal ob er nun 1990 geboren ist oder sich bereits im Seniorenalter befindet - bereits auf ein „Heiratstauglichkeits-Profil“ reduziert, das aus bestimmten Kriterien zusammengesetzt ist.
  • Matchmaking Corner © btr
    Matchmaking Corner
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    Matchmaking Corner
  • Heiratsanzeige © btr
    Heiratsanzeige
  • Heiratsanzeige © btr
    Heiratsanzeige
 
Soziologen dürften in der Matchmaking Corner des Volksparks für ihre Forschungen die anschaulichsten und lebendigsten Objekte finden. Und in der Umgebung einer Landschaft, die an den Daguan-Park aus dem klassischen Roman Der Traum der roten Kammer erinnert, ist es natürlich auch Touristen möglich, einen Blick auf diejenigen gesellschaftlichen Wertvorstellungen zu erhaschen, die momentan am verbreitetsten sind. Allerdings kann man sich am „Wahrzeichen für seelische und geistige Erholung“ mit Urteilen auch zunächst zurückhalten, die Perspektive wechseln und Beobachtungen auf der Grundlage von Stilstudien machen. Wie wirken sich beispielsweise die unterschiedlichen Farben und Modelle der Regenschirme auf unsere Beurteilung der Kontaktanzeigen aus? Weist der besonders auffällige Schirm in Regenbogenfarben dort drüben etwa darauf hin, dass an den gesuchten Lebenspartner außergewöhnliche Anforderungen gestellt werden? Und lässt jener dunkelblaue Schirm mit Karomuster die in der draufgeklebten Anzeige beschriebene Studentin sanfter und sittsamer erscheinen? Oder verrät das Schriftbild der Anzeigen etwas über den ästhetischen Geschmack oder sogar die finanzielle Situation der jeweiligen Familie? Ich erinnere mich an ein Ehegesuch, das in einer sehr ansprechenden Pinselschrift abgefasst war. Bei näherem Hinsehen entpuppte sich die darin vorgestellte Studentin als eine „Vollzeit-Masterkandidatin der Fakultät für Kalligraphie und Malerei“ sowie als „Mitglied des Kalligraphie-Verbandes Shanghai“.
 
Wenn man an der Matchmaking Corner des Volksparkes gleichzeitig seine Ohren aufsperrt, wird man vielleicht feststellen, dass die Leute mit Ehevermittlungsabsichten tatsächlich längst nicht vom selben Geschäftsgeist durchdrungen sind wie ihre Anzeigen. Stattdessen hat ihr Verhalten mehr oder weniger etwas Buddhistisches an sich. Ihre ungezwungen Gespräche kreisen oft um alltägliche Dinge und vermitteln den Eindruck, als sei ihre Anwesenheit an der Matchmaking Corner auch mit einer gewissen Portion Vergnügen verbunden. Manchmal stelle ich sie mir als etwas einsame Rentner vor, die die Partnersuche für ihre Kinder als eine alternative soziale Wochenendbeschäftigung betreiben. Eine Unterhaltung zwischen zwei Frauen mittleren Alters, die ich letzte Woche zufällig mitbekam, scheint die Berechtigung dieser Vermutung zu bestätigen. Es war gerade halb vier am Nachmittag, und die Strahlen der Herbstsonne wurden allmählich schwächer. Die beiden Frauen, die einander kannten, begannen miteinander zu plaudern. „Was machst du hinterher?“, wollte die eine wissen. „Auf die Toilette von dem Fünf-Sterne-Hotel gegenüber gehen und dann ein paar Schmetterlings-Cracker kaufen“, antwortete die andere. „Schön, gehen wir doch zusammen“, so die Reaktion der ersten. „Das war wirklich ein schöner Wochenendtag.“
 

TIPP

Versuche, eine außergewöhnliche Heiratsanzeige zu schreiben. Ihr Inhalt sollte völlig erfunden sein. Danach geh an einem beliebigen Wochenende in den Volkspark. Misch dich unter die Reihen der Leute, die “wirklich einen Ehepartner suchen”, und warte ab, wieviele ältere Frauen, Onkel und Großväter mit dir ins Gespräch kommen wollen.

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