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Stadt- und Landgeschichten: Wuhan
Eine historische Herausforderung

Wuhan from Yellow Crane Tower
Wuhan from Yellow Crane Tower | © 于/Yu 回/Hui via Wikimedia Commons

Noch vor ein paar Wochen gab es wahrscheinlich nicht allzu viele Menschen außerhalb Chinas, denen die Stadt Wuhan ein Begriff war, auch wenn dort fast dreimal so viele Menschen leben wie in Berlin. Doch auch für einen „alten Wuhaner“ wie mich ist diese Stadt schwer zu fassen.

Von Yang Fan (杨帆)

Vor der Fusion im Jahr 1927 waren dort, wo sich heute Wuhan erstreckt, noch drei Städte, getrennt durch den Jangtse-Fluss und den Hanshui, den größten Nebenfluss des Jangtse. In dem Ort Wuchang befand sich die Residenz des Generalgouverneurs (der Provinzen Hubei und Guangxi), der über das südliche Herzstücks Chinas regierte. Dort lag das politische und kulturelle Zentrum. Hanyang war eine antike Stadt mit einer langen Geschichte und beherbergte außerdem Chinas frühestes modernes Waffenarsenal. Hankou schließlich war eine bedeutende Handelsstadt und das Außenhandelszentrum in Zentralchina. Ab 1861 erhielt Hankou gemäß dem von der Qing-Regierung und dem Vereinigten Königreich unterzeichneten „Vertrag von Tianjin“ den Status eines Vertragshafens und wurde damit zu einem Außenhandelszentrum in Zentralchina. Lange Zeit war Hankou eine der kosmopolitischsten Städte Chinas. Wollte man Wuchang, Hankou und Hanyang ganz grob mit anderen chinesischen Städten vergleichen, dann mit Peking, Shanghai und Xi'an.

Die Bevölkerung Wuhans, Hauptstadt der Provinz Hubei, bezeichnet man in China als „neunköpfigen Vogel“. Charakterlich gelten die Wuhaner als intelligent und scharfsinnig, aber auch als heißblütig, so hitzig wie der Sommer in ihrer Stadt. Als „Durchgangsstraße für neun Provinzen“ und „Knotenpunkt der Welt“ blieben den Einwohnern von Wuhan die großen Umbrüche der Zeit nicht erspart, gerade deswegen haben sie es sich angewöhnt, der Welt mit Humor zu begegnen.

1911 brach in Wuhan die Xinhai-Revolution aus, beendete die kaiserliche Herrschaft der Qing-Dynastie und begründete Chinas erste Republik. Nach 1949 wurde Wuhan zu einer bedeutenden chinesischen Industriestadt. Mit Unterstützung der Sowjetunion siedelte sich hier viel Schwerindustrie an und hier wurde auch die erste große Brücke über den Jangtse geschlagen. Danach expandierte die „Stadt der drei Städte“ immer weiter. Heute ist Wuhan flächenmäßig die größte Stadt Chinas, einer der größten chinesischen Standorte der Automobilindustrie sowie der optoelektronischen Informationsindustrie und zudem national wie international die Stadt mit der größten Anzahl an Studierenden (über eine Million).

Zwischen China und Deutschland gibt es interessante historische Schnittpunkte. 1895 erhielt Deutschland in Hankou seine erste Konzession in China und errichtete in der Folge ein Konsulat. So gab es in Hankou wie in vielen deutschen Städten einmal eine Augustenstraße, eine Viktoriastraße, eine Friedrichstraße und das Prinz-Heinrich-Ufer (Prinz Heinrich von Preußen hat Wuhan sogar einmal höchstpersönlich einen Besuch abgestattet). Nachdem die chinesische Regierung die Konzession im Jahr 1917 wieder zurückgefordert hatte, änderte man die Straßennamen in chinesische Namen um. Doch kann man, wenn man heute Hankou besucht, immer noch viele deutsche Gebäude aus der damaligen Zeit sehen. Über die Jahre sind sie Teil des kulturellen Erbes von Wuhan geworden. Das ehemalige deutsche Konsulatsgebäude in Hankou ist seit 1949 Sitz der Stadtregierung von Wuhan, das früheste Telefonnetz in Hankou wurde von der Firma Siemens aufgebaut und im sogenannten „Optics Valley“ von Wuhan gibt es heute sogar eine „Deutsche Straße“. Die Straße könnte zwar etwas schöner sein, aber das zeigt doch zumindest, dass die Wuhaner ein ziemlich positives Bild von Deutschland haben.

Ehemaliges deutsches Konsulat in Hankou, Wuhan. Erbaut 1895 Ehemaliges deutsches Konsulat in Hankou, Wuhan. Erbaut 1895 | © gugganij via Wikimedia Commons
Wuhan ist eine wunderschöne Stadt. Eine Stadt, die zurzeit leider vor einer historischen Herausforderung steht. Mir ist klar, dass wir dabei sind in die Geschichte einzugehen, da nie zuvor eine so große Stadt fast vollständig von der Außenwelt abgeriegelt wurde. In diesem Augenblick erleben unzählige Menschen in Wuhan gemeinsam ihre dunkelsten Momente. Es mangelt an medizinischer Ausrüstung, an Ärzten, an Atemschutzmasken und an lebensnotwendigen Dingen. Der öffentliche Verkehr ist zum Erliegen gekommen, Züge und Flüge werden gecancelt, Wohnviertel abgeriegelt, Gebäude abgeschlossen und Straßen gesperrt. An den Straßen hängen überall Plakate mit Parolen. An den Zugängen zu Wohngebieten und Dörfern stehen Leute, die Menschen den Zugang von außen verwehren. Millionen Einwohner von Wuhan, die sich gerade nicht in der Stadt aufhielten, müssen nun irgendwo ausharren, weil sie nicht mehr nach Hause zurückkönnen. Und der Rest der Chinesen wird bleich vor Schreck, wenn er auf jemanden trifft, der im Wuhan-Dialekt spricht. Unvorstellbares ist über Nacht über uns hereingebrochen.

Wuhan ist eine wunderschöne Stadt. Eine Stadt, die zurzeit leider vor einer historischen Herausforderung steht.

Als ganz normaler Bürger Wuhans teile ich das gleiche Schicksal wie alle anderen. Wir durchleben alle gleichermaßen Gefühle von Schock, Panik, Angst und Hoffnung und stellen uns alle dieselbe Frage: Warum musste das passieren? Warum wurden wir nicht früher gewarnt? Warum ist die Versorgung so mangelhaft? Sind die Maßnahmen zur Abriegelung der Stadt nicht übertrieben streng? Wie kann zwischen Regierung und Bürgern wieder Vertrauen entstehen? Und wie kann zwischen den Menschen wieder Vertrauen aufgebaut werden?
 
Vorgestern starb Doktor Li Wenliang, der „Whistleblower“ von Wuhan. Sein Tod ist allen Bürgern der Stadt nahe gegangen. Millionen von Online-Posts sprengten die persönlichen WeChat-Konten. Viele Menschen machten sich zu dem Krankenhaus auf, an dem Li Wenliang gearbeitet hatte, um ihre Trauer zu bekunden. Unzählige zu Hause isolierte Menschen stimmten in einen symbolischen Pfeifenchor ein. Diese Stadt, ja dieses Land geht gerade in sich. Vielleicht verändert die Katastrophe unsere Stadt. Vielleicht können wir nach der Katastrophe einen echten Frühling begrüßen.

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