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Wang Ya
Ich werde gleich sterben

Ich werde gleich sterben
© 歌德学院(中国)

Von Wang Ya (王雅 )

„Ich werde gleich sterben, Beta. Lass uns noch ein wenig sprechen, dann fühle ich mich ruhiger im Bewusstsein, dass ich gleich sterben werde.“

In seinen Augen sehe ich dieselbe Müdigkeit wie bei meinem vormaligen Besitzer. Es ist ein Zustand, den ich nicht verstehen kann. Denn schließlich habe ich grenzenlose Ausdauer, solange der Strom nicht ausgeht. So ist es, ich bin ein Heimroboter, Beta mit Namen. Das hier ist der 203. Mensch, dem ich assistiere. Was bedeutet, dass alle 202 Menschen zuvor auf das ewige Leben verzichtet haben. Ich bin so programmiert, dass ich per Zufallsverfahren einem weiteren Besitzer zugeteilt werde, sobald der vorangehende gestorben ist. Als ich meinen jetzigen Besitzer zum ersten Mal sah, war er um die fünfzig. Nun assistiere ich ihm das 43. Jahr. Mein System meldet mir, dass auch dieser Dienst in Kürze beendet sein wird.

Er öffnet die halbgeschlossenen Augen; in den tiefgründigen Pupillen scheint das ganze Universum enthalten zu sein. Meine zentrale Datenverarbeitung sagt mir, dass er sogleich in Erinnerungen versinken wird. „Erinnerungen“ – ich rufe die Aussagen verschiedener Besitzer im Zustand „Erinnerungen“ ab. Normalerweise ist der messbare Lebensindex nach solchen Aussagen jeweils gesunken. „Erinnerungen sind gefährlich“, lege ich versuchsweise als Fazit fest. Doch ich werde ihn nicht daran hindern. So sind meine Fabrikeinstellungen: Wir dürfen nicht in die Entscheidungen der Menschen eingreifen.

„Ich wurde im Jahr 2020 geboren. 2020 – das liegt so fern, als wären Epochen dazwischen. Das war eine Welt, in der es noch Herzenswärme gab. Damals hatte der Mensch die Unsterblichkeit noch nicht erreicht. Bis dann die Pille des Lebens erfunden wurde.“

„2020“ und „Pille des Lebens“ werden automatisch in meine Suchmaschine eingegeben. Es waren Jahrzehnte explosionsartiger technischen Entwicklungen: Im Jahr 2034 wurde von der National Academy of Sciences in den USA eine Pille entwickelt, mit der man den menschlichen Körper unvergänglich machen konnte. Zwischen 2043 und 2049 wurden dann ich und meine Gleichartigen produziert und in Betrieb genommen.

„Vielleicht war das der Beginn der Katastrophe“ – in den Augen meines Besitzers sehe ich ein schwaches Licht, das allmählich abnimmt. Meine zentrale Datenbank meldet, dass jenes schwache Licht den Namen „Hoffnung“ trägt. „Hoffnung“, so heißt es, sei das Wertvollste der Menschheit. „Katastrophe?“ Ich schalte das Startprogramm auf, dem Besitzer zur Flucht zu verhelfen. Leider meldet das System, dass keine Brandgefahr besteht, keine Giftgase... rein gar nichts. Ich schalte das Notstartprogramm aus, fahre irritiert mit Zuhören fort.

„Im Jahr 2034 wurde die Pille des Lebens erfunden. Ich erinnere mich an die Jubelrufe rund um die Welt, die berauschenden Berichterstattungen, als ich ein Kind war. ‚Die Menschheit hat das ewige Leben erreicht!‘ Damals konnten die Leute wohl kaum wissen, dass sie eine Katastrophe beglückwünschten.“

Abermals diese „Katastrophe“, auf die sich nichts abrufen lässt. Der Besitzer verfällt in Schweigen. Nach langem fährt er fort:

„Diese Medizin kann man zu einem selbst gewählten Zeitpunkt einnehmen. Die Wirkung ist unumkehrbar, es lässt sich nicht mehr ändern. So wird man auf ein bestimmtes Alter fixiert und kann ewig leben. Tatsächlich, das ist das ewige Leben, das sich die Menschheit einst erträumte.“

„Manche wählen ein ewiges Leben im Kindesalter, andere in der Jugend. Und freilich gibt es auch welche, die sich im Alter fixieren lassen.“

„Und dann gibt es natürlich auch Menschen, die auf das ewige Leben verzichten.“

„Auf das ewige Leben verzichten“ – das war auch die Wahl meiner vorangehenden 202 Besitzer.

„Ich weiß gar nicht mehr, wann es anfing, dass ich keine Verwandte und keine Freunde mehr hatte. Ja – wann hat das eigentlich begonnen?“

„Wir haben euch bekommen – ihr seid ausreichend intelligent, handelt uns zum Wohl, macht keine Fehler, widersprecht nicht. Für unser Leben ist rundum bestens gesorgt. Danke Beta. Danke, dass du dich um mich kümmerst.“

Mein Feedback-System wirft unverzüglich einen erfreuten und gefälligen Ausdruck auf mein Gesicht. Und auch mein Sprachsystem stellt eine freudige Frequenz ein: „Dies gehört zu meinen Aufgaben, mein Herr.“

Meine Antwort scheint ihn unterbrochen zu haben. Mein elektronisches Hirn nimmt eine weitere Verstimmung in ihm wahr. Ich habe ein ausgesprochen sensibles Feedback-System eingebaut bekommen, selbst der Biegungsgrad meiner Mundwinkel beim Lachen ist auf das Wohlbefinden des Besitzers abgestimmt. Warum ist er jetzt nicht froh? Fünf Sekunden lang versinke ich abermals in Irritation.

Der Besitzer schließt die Augen. In der Annahme, er habe das Gespräch beendet, schicke ich mich an, den energieintensiven Modus „tiefgehendes Gespräch“ einzustellen. Da beginnt der Besitzer von neuem zu sprechen.

„Wenn die Zeit ewig ist, entfernen sich die Menschen noch mehr voneinander. Wir schätzen die Kontakte nicht mehr, weil es so viel Zeit gibt, dass man den Eindruck hat, alles auf später verschieben zu können. Früher glaubten wir, technologische Errungenschaften würden dereinst all unsere Bedürfnisse befriedigen.“

In den Augen meines Besitzers sichte ich die Stimmungen „Angst“ und „Bedauern“. Wir Roboter haben niemals derart komplizierte und vielschichtige Stimmungslagen.

„Als ich erkannte, dass die programmierte Zuwendung eines Roboters und die Zuwendung eines Menschen aus Fleisch und Blut nicht dasselbe sind, hatte ich sie bereits für immer verloren.“

Abermals eine fünf Sekunden andauernde Irritation. Mein Feedback-System meldet, dass in diesem Augenblick die beste Reaktion ist, keine Reaktion zu zeigen.

„Später wurden die Menschen immer einsamer, genau wie ich. Wir wurden von der Einsamkeit verschlungen. Doch dann begaben wir uns gleich wieder in jenen kurzzeitigen Modus der Fühllosigkeit, den die Technologie uns gebracht hat. Schließlich ist das viel einfacher.“

Als mein elektronisches Gehirn „Einsamkeit“ erfasst, listet es unmittelbar alle interaktiven Modi zwischen Mensch und Roboter auf, die dem Besitzer zur Verfügung stehen können. Eine Vielzahl bunter und komplexer Unterhaltungsangebote.

Der Besitzer wählt keines davon, sondern fährt fort zu erzählen.

„Immer mehr Menschen erging es wie mir. Nach und nach verloren sie die Fähigkeit, andere zu lieben. Später fühlte ich mich sogar inmitten von Menschenmengen so, als wäre gar niemand da. Altmodische Leute, die sich mit dem Rücktritt der Seele nicht abfinden konnten, entschieden sich vorzeitig, auf das ewige Leben zu verzichten. Immer mehr Menschen ringsum haben auf das ewige Leben verzichtet.“

Die Stimmung, die jetzt beim Besitzer gesichtet wird, lautet auf „Schmerz“ und „Verzweiflung“.

Mein elektronisches Gehirn führt abermals eine Vielzahl interaktiver Unterhaltungsmöglichkeiten auf.

Schmerz und Verzweiflung in den Augen des Besitzers wechseln in hochgradige Erschöpfung.

„Zum Glück können wir immer noch wählen, unser Leben zu beenden. Das ist die einzige Möglichkeit, die uns bleibt, über unser Schicksal zu entscheiden. Diese Chance kann der Mensch noch gewinnen, Beta.“

Der beim Besitzer erfasste Lebensindex ist bereits auf ein Minimum gesunken.

Das war der 203. von mir assistierte Mensch, der auf das ewige Leben verzichtete.

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