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Feng Zhe
Der Schatten

Der Schatten
© Goethe-Institut China

Von Feng Zhe (冯哲)

Donner durchbebte die Luft. Ein Blitz zerriss die schwarze Decke, die über der Erde lag, und richtete die Dolchspitze erbarmungslos auf seine pulsierende Ader.

Er lag auf dem Bett; das aufblitzende Licht fiel durch das Fensterglas auf sein Gesicht und ließ das blutleere Antlitz noch bleicher erscheinen, während das dunkelrote Muttermal am Augenwinkel geradezu schwarz aussah. Draußen stürmte der Wind und fuhr durch die Fensterritzen, dass seine Wimpern zitterten.

Dennoch blieb er still mit geschlossenen Augen liegen, ohne sich zu regen. Seine Atemzüge waren nicht zu hören, es gab nur das Prasseln der vom Wind zu Boden gepeitschten Regetropfen. 

1.

Als der Morgentau die ersten Sonnenstrahlen reflektierte, war alles ruhig. Von draußen drang ein fauliger Erdgeruch schwallweise ins Zimmer. Endlich öffnete er die Augen, setzte sich mit Mühe auf. Er wirkte etwas erschöpft. Ringsum schien alles so vertraut, und doch hatte es etwas unsäglich Merkwürdiges und Fremdes. Die dicke Staubschicht auf dem Kleiderbügel, der hin und wieder vom Wind ins Schwanken geriet, wollte und wollte nicht herabfallen.

Als er aus dem Zimmer ging, fiel ihm auf, wie beklemmend still es war im Haus. Niemand war da.

Dennoch stieß er unwillkürlich ein paar Rufe aus, wendete dann seinen hageren Körper zur Haustür, streckte die Hand nach der Klinke aus. Da schob sich plötzlich ein schwarzer Schatten heran, legte sich über die Klinke und über das rostige Schlüsselloch.

Ein Schauer durchfuhr ihn, entsetzt blickte er hinter sich. Schon war der Schatten wieder verschwunden.

„Wo bist du hin? Wer bist du?“ schrie er und tat ein paar stolpernde Schritte. Ringsum aber blieb es totenstill. Da erst fiel ihm auf, dass im Zimmer alles irgendwie ältlich aussah. Die Lampe an der Wand hatte man wohl zu löschen vergessen; sie flackerte unruhig und brachte die Spuren der Katzenkrallen auf dem Sofa besonders deutlich zum Vorschein. Warum prägten sich diese Dinge so stark in sein Empfinden ein, während er sich gleichzeitig an gar nichts mehr erinnern konnte? Er war wie benommen.

Auf einmal tauchte der Schatten wieder auf, diesmal ohne auszuweichen, vielmehr flitzte er vor seinen Augen vorbei, um dann mit einem Satz aus dem Fenster zu springen. Er wollte herausfinden, was da geschehen war. Oder besser gesagt, er wollte wissen, warum hier alles so leer war und er ganz alleine.

Unverzüglich riss er die Tür auf und stürzte dem Schatten hinterher, der sich schnell voran bewegte. Überrascht gewahrte er, wie beflügelt seine Schritte waren und wie mühelos es ihm gelang, dem Schatten nachzueilen. Die beiden jagten immer weiter in die Ferne, bis der Schatten plötzlich um eine Straßenecke huschte. Schon sah er ihn griffbereit, bog um die Ecke – und versank in pechschwarzer Finsternis.

Ein Senkloch war es, das dort offen lag. Der rasende Fall raubte ihm fast den Atem, ihm schwindelte. 

2.

Mit jedem Streicheln der warmen Sonne über den Erdboden kamen neue Veränderungen in die Welt; auf Zweigen trällerten Vögel ihre schönen Träume der vergangenen Nacht vor sich hin, Blütenknospen öffneten sich werbend zu einem koketten Lächeln. Alles war einfach nur schön und angenehm.

„Waaah –“

Der Schrei eines Säuglings mischte sich unter die lachenden Stimmen der Leute, sämtliche Zellen der Luft neu belebend, und alles um den kalten Baukomplex herum erfüllte sich mit Lebenskraft. Das Baby war lieblich anzusehen mit seinen hellen Augen, dem winzigen Näschen und den fein geschnittenen Lippen im molligen Gesicht. Das Einzige, was störend auffiel, war ein kleines dunkelrotes Muttermal am Augenwinkel. Doch tat dies der Liebe der jungen Eltern zu ihm nicht den geringsten Abbruch. Sie wollten auf ewig für dieses neu gekommene Leben da sein, es in alle Ewigkeit die Schönheit der Welt genießen lassen.

Die Frau, noch etwas geschwächt, lag aufgestützt auf dem Krankenbett; das Baby in ihren Armen hielt die Augen ruhig geschlossen, während sich die Nasenflügel mit dem Atem sachte auf und ab bewegten. Sie empfand eine unaussprechliche Freude und Zufriedenheit. Der Sonnenschein, der auf die leere Arzneiflasche am Kopfende des Bettes fiel, war so stark, dass die hellroten Lettern grell ins Auge stachen.

3.

Hier war nicht das Stadtzentrum; die Straße blieb während der meisten Zeit ruhig. Nur am Morgen, wenn die Leute zur Arbeit eilten, wurde hie und da die Hupe gedrückt. Als der Alte beim Frühstücksstand vorsichtig den Deckel des Dämpfkorbes lüftete, brachte die aufstiebende weiße Dampfwolke Aufregung unter die Wartenden. Mit dem Heißen, das ihnen der Alte nun in die Hand drückte, begann für sie der neue Tag.

Er blieb stehen, gänzlich versunken in diese einfache heile Welt. Nach einer ganzen Weile trat er vor, um ebenfalls von dem Heißen zu kosten, das der Alte da ausgab. Aber die Menschen schienen ihn gar nicht zu sehen, und sie hörten auch nicht, was er sagte. Das war doch nicht möglich – er streckte nun einfach die Hand danach aus. Doch diesmal musste er es glauben: wie er danach tastete, war alles wie ein Phantombild. Klar und deutlich lag alles vor seinen Augen, doch konnte er es nicht greifen! Wo war er denn? Wie war er hierhergekommen? Er konnte sich an nichts mehr erinnern, außer dass es zuvor die ganze Zeit über pechschwarz gewesen war, und als er die Augen wieder öffnete, stand er bereits hier...

Abermals wurde ihm schwindelig. Es war als zerrten unablässig Zeitfragmente an seinen Nerven. Vor einem gleichbleibenden Hintergrund, der vor seinen Augen flimmerte, erschienen nun immer mehr Autos, bald waren die Autos weg und stattdessen kamen immer mehr Menschen, die wie eine schwarze Masse im Lärm auf ihn eindrängten. Staubwolken wirbelten in der Ferne auf und überzogen den hellweißen Himmel mit einem gelblichen Grau, wie ein wässriger Farbtropfen in der Tuschemalerei breiteten sie sich immer weiter aus, ohne jegliche Schönheit, nur mit anhaltendem Druck, mit Angst und Aufruhr.

Es war ihm, als müsste er gleich verschlungen werden; instinktiv wollte er die Augen schließen. Genau in diesem Augenblick tauchte ein schwarzer Schatten auf und verschwand sogleich um die Ecke. Da erst fiel ihm auf, dass überall dort, wo der Schatten durchgestreift war, Glasscherben ins Auge blinkten, und darauf fielen ihm die hellroten Buchstaben auf. Er fuhr zusammen, als wäre er plötzlich von etwas getroffen worden, rannte wie von Sinnen um die Ecke... 

4.

Die Sonne schien ins Krankenzimmer, als er eintrat. Ein Babyschrei mischte sich unter die lachenden Stimmen, alles war voller Lebenskraft. Die Krankenschwester, in der einen Hand eine Spritze, langte mit der anderen nach dem Medikament auf dem Tisch.

Ihm wurde bange, schon stürzte er vor und versuchte ihr die gefüllte Spritze zu entreißen. Doch wieder war es wie ein Phantom; er konnte all dies nur sehen, aber nicht ergreifen. Verzweifelt begann er zu schreien, doch vermochte er das langsame Eindringen der Spritzennadel nicht im Geringsten zu verhindern.

Das Baby schrie, aber die Injektion war bereits zu Ende. Die leere Arzneiflasche am Kopfende des Bettes leuchtete grell ins Auge, dennoch waren die hellroten Buchstaben immer noch deutlich zu sehen. Die in lateinischen Lettern gedruckte Aufschrift bedeutete „Ewiges Leben“. Er fühlte sich tief erschöpft, verlor das Bewusstsein...
 
Blitz und Donner wüteten am Himmel, er schreckte aus dem Schlaf. Ringsum war alles menschenleer. Er stieß die Tür auf und ging auf die ferne Straßenecke zu. Ein schwarzer Schatten folgte ihm.

Doch die Straße schien sich irgendwie zu verlängern, er kam einfach nicht bis dorthin. Stattdessen tat sich ein tiefer Abgrund vor ihm auf. Strömender Regen machte die Sicht verschwommen, doch er schritt weiter voran. Wie benommen trat er am Rand des Abgrunds in den Dunst. Der rasende Fall wollte ihm fast den Atem rauben, doch diesmal war er außergewöhnlich wach. Er sah, wie ringsum alles voll war von Menschen wie er. All diese verzweifelten und bedrückten Menschen, die nicht sterben konnten, alle mit diesem eigentümlichen Glanz in den Augen.

Die Luft war frostig, nur eine Stimme in beständigem Widerhall war zu hören:

„Ich bin dein Schatten. Ewiges Leben: der Anfang vom Ende.“

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