Deutscher Kolonialismus in China
Nicht nur Kiautschou: Eine (fast) vergessene Geschichte

Qingdao, Prinz Tschun mit seinem Gefolge bei deutschen Offizieren
Qingdao, Prinz Tschun mit seinem Gefolge bei deutschen Offizieren | © Bundesarchiv

Iltisstrasse, Berlin–Dahlem: Wer denkt da nicht an das kleine einheimische Raubtier aus der Familie der Marder, das hier bei der Benennung Pate gestanden haben mag? Doch das war keineswegs der Fall – der Straßenname erinnert bis heute an ein Kapitel deutscher Kolonialgeschichte. Ursprünglich sollte es im Einklang mit der jeweils angrenzenden Lans- und Takustrasse den erfolgreichen Angriff des deutschen Kanonenbootes „Iltis“ unter Kapitän Lans auf die Taku/Dagu-Forts ehren; die Forts hatten den Zugang zur großen Hafenstadt Tianjin – und damit den Weg nach Peking zu schützen gesucht. Der Angriff war der Auftakt zum Kolonialkrieg 1900/1901, zu den blutigen Kämpfen deutscher und alliierter Truppen gegen das chinesische Kaiserreich und ein Höhepunkt der Aggression der imperialistischen Mächte.

Von Mechthild Leutner

Preußen als Vorreiter der deutschen Länder hatte sich mit dem Abschluss des Preußisch-Chinesischen Ungleichen Vertrages von 1861 ebenfalls in die Phalanx der imperialistischen Mächte eingereiht, die seit dem ersten Opiumkrieg 1840/42 die territoriale, politische, finanzielle und wirtschaftliche Souveränität des Landes massiv eingeschränkt und China zu einer informellen Kolonie gemacht hatten. Mit dem Zweiten Opiumkrieg 1858/60 waren diese halbkolonialen Strukturen gestärkt und erweitert worden. Das profitabelste Handelsgut war Opium. Dass es eine Droge mit verheerenden Folgen für die Einzelnen und für das gesamte Land war, wurde verharmlost. Opium konnte nun nach den neuen Verträgen, wie auch alle anderen Waren, zu Dumping-Preisen eingeführt werden.
 
Das Wirtschafts- und Finanzgefüge des Landes wurde zerstört und China wurde zu zahlreichen Anleihen zwecks Zahlung der riesigen Entschädigungssummen an die imperialistischen Mächte gezwungen. Große Bevölkerungsschichten verarmten, in der Folge gab es Aufstände – gegen die ausländischen Aggressoren und ihre Vertreter und gegen die Qing-Regierung, die diese Ausbeutung und finanzielle Ausblutung des Landes nicht stoppen konnten. Preußen, ab 1871 das deutsche Kaiserreich, profitierte von den wirtschaftlichen Vorzügen des halbkolonialen Systems seit 1865, setzte auch schon mal seine Militärschiffe, die an der Küste patrouillierten, zum lokalen Einsatz in den Häfen ein oder drohte damit.

  © Goethe-Institut China 2019
Den Erwerb einer territorialen Kolonie ähnlich wie Großbritanniens Hongkong, wie es seit den 1870er Jahren angestrebt wurde, konnte Deutschland wegen des entschiedenen Widerstandes der chinesischen Regierung jedoch lange nicht durchsetzen. Das für eine weitere Expansion erforderliche Wissen in diplomatischer, sprachlicher und landeskundlicher Hinsicht eigneten sich die Experten allerdings an und mit der Gründung des Seminars für Orientalische Sprachen in Berlin 1887 begann die systematische Generierung des für koloniale Expansion nötige Wissen auch für China.
 
„Kohlestation und Marinestützpunkt“ – das sind zwei weitere irreführende Begriffe, die 1897/1898 in Verhandlungen deutscher Diplomaten mit der chinesischen Regierung benutzt wurden, nachdem deutsche Truppen ein Gebiet in der Bucht von Jiaozhou mit der Hafenstadt Qingdao besetzt hatten. Nach langen Verhandlungen und unter Androhung weiterer militärischer Aggression wurde dem Kaiserreich für 99 Jahre das Gebiet als „Pachtgebiet Kiautschou“ abgepresst. Die Ausweisung der Kolonie als „Pachtgebiet“ war das einzige, was die chinesischen Unterhändler erreichen konnten. Doch wie immer in den nachfolgenden Jahrzehnten und teilweise bis heute dieses Gebiet bezeichnet wurde, als „Schutzgebiet“, als „Musterkolonie“, de facto war es von 1897 bis 1914 deutsche Kolonie und ein Teil der Provinz Shandong zudem, zur Stärkung derselben, direkte deutsche „Einflusssphäre“ mit wirtschaftlichen und militärischen Sonderrechten.
  © Goethe-Institut China 2019
 
„Musterkolonie“ – ein weiterer irreführender Begriff: Er wurde als propagandistischer Gegenpol zum britischen Hongkong entwickelt und war Ausdruck deutsch-britischer Rivalitäten um die internationalen Märkte. Zugleich diente er als Legitimation und als Verschleierung des kolonialen Charakters der deutschen Besetzung. Denn auch in China ging es um Eroberung, um einen Militärstützpunkt, um Erschließung von Absatzmärkten und um die Ausbeutung der reichen Kohlevorkommen in Shandong für die deutsche Marine in Ostasien und um rentable Anlagemöglichkeiten für deutsches Kapital. Kiautschou wurde dem Deutschen Reichsmarineamt unterstellt, ein Gouverneur herrschte über die Besiegten.
 
Wie in allen territorialen Kolonien wurde eine räumliche und sozial-kulturelle Segregation von Herrschenden und Beherrschten durchgesetzt, Ungleichheit reproduziert und es wurden die spezifisch kolonialen Herrschaftsinstrumente etabliert: zunächst die vollständige Aufhebung der souveränen Rechte des chinesischen Staates, aggressives militärisches Vorgehen der Truppen und Bekämpfung jeglichen Widerstandes, einschließlich sogenannten Strafexpeditionen, insbesondere in der Anfangszeit. Es folgten Enteignungs- und Umsiedlungsmaßnahmen gegenüber der ländlichen und städtischen Bevölkerung, die Beschränkung chinesischer Handelsaktivitäten, die Außerkraftsetzung der chinesischen Sozial- und Rechtsordnung und Aufbau einer zweigeteilten neuen Rechtsordnung sowie das Verbot der Ansiedlung chinesischer Bevölkerung im so genannten Europäerviertel.
 

Dass ab etwa 1904 von deutscher Seite sehr stark auf die sogenannte Kulturmission Deutschlands gesetzt wurde, weniger das Militärische betont wurde, war der Einsicht geschuldet, dass nur so das Deutsche Reich längerfristig von China profitieren konnte.

Rassismus, gepaart mit eurozentrischem Überlegenheitsgefühl, und soziale Disziplinierung waren alltägliche Praktiken, die auf der individuellen Ebene in der alltäglichen Gewalt gegenüber den als minderwertig konstruierten „Chinesen“ und in der Vergewaltigung chinesischer Frauen durch deutsche Soldaten ihren stärksten Ausdruck fanden. Ehen zwischen Deutschen und Chinesen waren zwar nicht rechtlich verboten, doch sie wurden sozial sanktioniert – so lebten deutsche Männer der kolonialen Unterschicht mit ihren chinesischen Frauen und Kindern in ungesicherten juristischen Verhältnissen.
 
Selbstverständlich gab es auch Widerstand gegen die Kolonialherren: Während die Schicht der Beamten und Gelehrten vor allem gegenüber dem Kaiser massiv, aber erfolglos politische Reformen einforderten und die Kaufleute es schafften, stetig mehr und mehr ihre wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen, widersetzte sich die einfache ländliche Bevölkerung, die ihre kulturelle Ordnung vor allem durch die ausländischen Missionare bedroht sah, auch durch Gewaltaktionen, die in die Boxerbewegung und den darauf folgenden Kolonialkrieg 1900/1901 mündete. An diesem Krieg hatte auch das Deutsche Reich seinen Anteil und seinen Profit: Es hatte die militärische Führung der von acht Alliierten entsandten Truppen, es strich einen großen Teil der Entschädigungssummen, die China zu zahlen hatten, ein und nicht zuletzt gingen auf das Konto der deutschen Truppen eine Reihe von Gewalttätigkeiten und sogenannte Straffeldzügen gegen die aufständischen Boxer und die Bevölkerung.
 
Dass ab etwa 1904 von deutscher Seite sehr stark auf die sogenannte Kulturmission Deutschlands gesetzt wurde, weniger das Militärische betont wurde, war der Einsicht geschuldet, dass nur so das Deutsche Reich längerfristig von China profitieren konnte. Und dass im Europäerviertel in Kiautschou auch eine moderne städtische Infra- und Verkehrsstruktur mit medizinischen und Bildungseinrichtungen (Lazarette, Krankenhäuser, Schulen, Observatorium, Deutsch-Chinesische Hochschule) aufgebaut wurde, die teilweise auch von der chinesischen Bevölkerung genutzt wurde, hatte auch einen propagandistischen Effekt: das koloniale Projekt sollte gegenüber der chinesischen Bevölkerung wie gegenüber dem internationalen britischen Rivalen Zivilisation, Fortschrittlichkeit und Modernität demonstrieren. Das bietet bis zur Gegenwart Anknüpfungspunkte zur Entstehung und Tradierung der Narrative der Modernisierung in der deutschen, wie teilweise auch der chinesischen Historiographie.
 
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 wurde Kiautschou durch japanische Truppen besetzt. Die Kolonialherrschaft war damit beendet. Nach dem Ende auch des deutschen Kaiserreiches 1918 erfolgte auch der formale Verzicht auf alle kolonialen Ansprüche – die anderen imperialistischen Mächte taten dies erst 1942. Im kulturellen Gedächtnis Chinas, der politischen Führung ebenso wie der Intelligenz, ist die Kolonialzeit bis heute als das Jahrhundert der Schande von 1840 bis 1942 präsent und dient als Hintergrund auch der Formulierung außenpolitischer Strategien.
 
Im Dreieck von Iltis-, Taku- und Lansstrasse in Berlin-Dahlem wurde 2011 nach lang dauerndem bürgerschaftlichem Engagement eine Informationstafel aufgestellt, die auf ihre kolonialen Ursprünge verweisen. Die Kiautschou-Strasse in Berlin-Wedding ist dagegen bis heute ohne Verweis auf den historischen Hintergrund geblieben. Im kulturellen Gedächtnis der meisten Deutschen hat das deutsche koloniale Projekt in China keinen Platz oder wird assoziiert mit „Musterkolonie“ und Modernisierung.
 

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