Berlinale-Blogger 2019
Jugendliche Grenzüberschreitungen

The Crossing
The Crossing | © Po-Wei Lin

Coming-of-Age-Filme sind mit Fug und Recht das Herzstück der Sektion Generation. Sie zeigen den einmaligen und wichtigen Schritt, wenn aus Kindern Erwachsene werden.
 

Von Chen Yun-hua

Der Film  Mid90s zeigt, wie ein Junge zum Mann wird. Er muss brutale Kämpfe bestehen, bevor er sich seiner eigenen Stärke bewusst wird. Die Mädchen in den genretypischen Filmen erleben dagegen deutlich weniger Gewalt und Kälte, Beispiele sind I-Ju Lins Kurzfilm Tiptoe (踮脚尖), wo, ähnlich wie in Nobody Knows von Hirokazu Koreeda, ein Mädchen nach dem Verschwinden der Eltern die Mutterrolle für seinen kleinen Bruder übernehmen muss. Oder auch wie in Bai Xues Crossing (过春天), wo die Tochter völlig frei aufwächst, weil die Eltern sich nicht kümmern.

Jugendliche Grenzüberschreitungen können auch Resultat schulischer Verbote sein, wie in Derek Kwok Cheung Tsangs Better Days (少年的你) oder in Geneviève Dulude-De Celles Une Colonie.

Une Colonie
Une Colonie | © Danny Taillon

Auch in Thirteen (十三岁), Eight Grade (八年级), What's in the Darkness (黑处有什么) oder The Foolish Bird (笨鸟) werden Grenzen überschritten, die allerdings je nach Ort und zeitlichem Hintergrund variieren.

Die Grenze in Une Colonie liegt zwischen dem kanadischen Abenaki-Reservat und dem von Weißen bewohnten Viertel, im Klassenraum vor und hinter dem Lehrertisch, zwischen arm und reich, Mehrheit und Minderheit. Die 12jährige Mylia ist nicht wie die anderen Mädchen, die fremde Umgebung schüchtert sie ein. Sie schminkt sich nicht, sie hat keinen Freund und wenn sie nach der Schule nach Hause kommt, baut sie im Wald eine Hütte. Ihre kleine Schwester liebt die Natur und sie spricht mit den Hühnern und Fröschen. Mylia lernt Jimmy kennen, der mit seiner Großmutter im Abenaki-Reservat wohnt. Beide sind anders als ihre Mitschüler: Zum Beispiel kannten sie keine Malbücher als sie klein waren und verstehen gar nicht, wieso das Papier schon mit Umrissen bedruckt ist. Sie haben selbst gemalt und nicht Farben in einen Rahmen gefüllt.

Einen solchen Rahmen stellt für sie auch Vieles aus der Welt der Erwachsenen dar, die Trennung von Mehrheit und Minderheit und andere schon fertige, feststehende Dinge. Folglich sehen wir in der zweiten Filmhälfte, nach Mylias Begegnung mit Jimmy, nicht mehr Rahmenkompositionen mit Türen, Fenstern oder Zäunen als Begrenzung. Mylia verlässt die Enge und Isolation des Vordergrunds und auch der bildliche Raum öffnet sich in die Unendlichkeit.

Une Colonie
Une Colonie | © Danny Taillon
Une Colonie ist in seiner Gut-Böse-Schematisierung subtiler als Eight Grade oder Thirteen, obwohl er ebenso die Welt von Gerüchten und komplizierten Platzkämpfen beschreibt, obwohl Jungen wie Mädchen hier auch nicht die Welt außerhalb der Ihren verstehen. Aber die anderen sind hier nicht das Böse schlechthin, sondern ebenfalls aus Fleisch und Blut. Nahaufnahmen zeigen feine mimische Regungen, die viel über die Beziehungen auf dem Schulhof verraten, auch wenn Gefühle sonst schnell überspielt werden. Die Diskussion über Ureinwohner Kanadas wird nur flüchtig gestreift, auch wenn sie eigentlich im Geschichtsbuch steht. Und Jimmy, der Aborigine, der seine eigene Muttersprache nicht spricht, muss für so große Themen, wie ethnische und postkoloniale Fragen stehen.

Über Grenzen gehen

Die Grenze in Crossing ist die zwischen zwei Großstädten, außerdem drängt die Welt der Erwachsenen mit ihren komplizierten Verwicklungen in das Dasein eines Mädchens: Die 16-jährige Peipei ist zwar Hongkongerin, wohnt aber mit ihrer Mutter in Shenzhen. Täglich fährt sie mit dem Zug nach Hongkong zur Schule, während ihre Mutter Mahjong spielt und mit ihrem neuen Freund beschäftigt ist. Peipei fühlt sich darum immer mehr zu ihrer besten Freundin hingezogen. Die Träume der beiden sind gar nicht so groß: Sie möchten einmal nach Japan fahren und Schnee sehen. Um das Geld für die Reise aufzubringen, lässt Peipei sich auf den Schmuggel von iPhones ein.

Crossing ist ganz in Hellblau und Hellgrün getaucht: Schuluniformen, die Federtasche, das Portemonnaie, die Geländer am Bahnhof – alles ist hellblau, auch die abendlichen Straßen im spärlichen Laternenlicht, die Fußgängerbrücke am Elektronikmarkt, das Wasser im Pool und die Kleidung der Jungs bei der Party auf einer Yacht.
Crossing
Crossing | © Po-Wei Lin
Peipei ist ständig in Bewegung. Wenn sie geht, nimmt eine Handkamera sie von vorn auf, fährt sie mit dem Zug, fliegt die Landschaft am Zugfenster vorbei. Hier gibt es übrigens ein paar bemerkenswerte Kamerafahrten. Hongkongs nächtliche Lichter spiegeln sich in den Scheiben des Zuges, aber keines fällt auf Peipei. 

Immer wieder ist sie mit Grenzen konfrontiert: auf der einen Seite der Kantonesisch sprechende Vater, auf der anderen die Hochchinesisch sprechende Mutter, hier die durchtriebene Schmugglerin, dort die naive Mutter; das Lager für die Schmuggelware im alten Mietshaus und das Empfangen derselben in der Tiefgarage auf der anderen Seite der Grenze; die eigene kleine Wohnung und das Anwesen der Haie züchtenden Tante, das neueste iPhone besitzen oder nicht, für einen kleinen Stundenlohn jobben oder schnell viel Geld als Botin verdienen – überall wird auf Grenzen verwiesen.
Crossing
Crossing | © Po-Wei Lin
Vom ruhigen Une Colonie zum bewegten Crossing, von den Wäldern Kanadas ins Häusermeer Hongkongs und Shenzhens – jugendliche Grenzüberschreitungen sind immer selbstdefiniert, denn erst beim Überschreiten der Linie wissen die Heranwachsenden, wo die eigenen Grenzen liegen. Beide Debütfilme ragen im Genre der Coming-of-Age-Filme heraus. Und für ihre Regisseurinnen sind sie der Durchbruch vom Kurz- bzw. Dokumentarfilm zum Spielfilm.
 

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