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Ästhetische Experimente - Das Panorama wird 40

Rebels of The Neon God
Rebels of The Neon God | © Central Motion Picture Corp.

Das Panorama ist seit 1980 Teil der Berlinale, am Anfang hieß die Sektion einfach Info-Schau. Neben dem Wettbewerb wollte man mehr Freiheit und Radikalität in die Filmauswahl bringen, experimentellere Formen und neue Themen zeigen.

Von CHEN Yun-hua

Zu jener Zeit waren Frauen-Emanzipation und Subkulturen angesagt, dieser Non-Mainstream brachte auch eine neue Filmsprache mit sich. Das Panorama interessierte sich von Anfang an für queere Filme und Gender-Fragen. Das hatte es vorher auf Filmfestivals nicht gegeben. Dann erfanden der damalige Leiter des Panoramas, Manfred Salzgeber, und der Berlinale-Chef Moritz de Hadeln 1987 auch noch den Teddy-Award, den bis heute wichtigsten queeren Filmpreis weltweit.

Schwerpunkte der Panorama-Auswahl bilden Bürgerbewegungen, ästhetische Experimente, neue Ansätze bereits bekannter Regisseure sowie die Auswirkungen von Aids auf Individuum und Gesellschaft. Die Filme kommen aus allen Teilen der Welt, sie holen die Zuschauerin aus ihrer Comfort-Zone und sind mitunter provokant.

Diese Gedanken leiteten auch die Auswahl chinesischsprachiger Filme, von denen einige hier genannt seien: 1982: Myriad of Lights (Shen Fu 1948) , Crows and Sparrows (Zheng Junli 1949), 1986: The Girl from the Huangshan Mountains (Yu Yanfu, Zhang Yuan), 1989: Far from War (Hu Mei), The Echo of Qilian-Mountain (Zhang Yongshou), 1994: Red Firecracker, Green Firecracker (He Ping), 1996: Red Cherry (Ye Ying), 1998: The Opium War (Xie Jin), 2000: Tempting Heart (Silvia Chang), 2001: Lavender (Ip Kam-hung), Song of Tibet (Xie Fei), From The Queen to The Chief Executive (Herman Yau), 2002: Big Shot's Funeral (Feng Xiaogang), Dazzling (Xin Lee), 2003: Traces of A Dragon - Jacky Chan and His Lost Family (Mabel Cheung), The Old Testament (Cui Zi'en), 2004: The Story of Er Mei (Wang Quan'an), Lost In Time (Derek Yee), 2005: Plastic Flowers (Liu Bingjian), Dumplings (Fruit Chan), Colour Blossoms (Yongfan), 2007: Getting Home (Zhang Yang), 2009: Claustrophobia (Ivy Ho), A North Chinese Girl ( (Zou Peng), End of Love (Simon Chung), 2010: Amphetamine (Scud), 2011: Together (Zhao Liang), 2012: Bugis Street Redux (Yonfan), Our Story - 10 Year Guerilla-Warfare of Beijing Queer Film Festival (Yang Yang), Love (Doze Niu Chen-zer), 2014: That Demon Within (Dante Lam), The Midnight After (Fruit Chan), The Night (Zhou Hao), 2016: Dog Days (Jordan Schiele), My Land (Fan Jian), 2017: The Taste of Betel Nut (Hu Jia), Ciao Ciao (Song Chuan), Ghost In The Mountains (Yang Heng), 2018: Girls Always Happy (Yang Mingming).

Wieland Speck
Wieland Speck | © Ali Ghandtschi / Berlinale 2017
In den 40 Jahren sind viele der Filme zu Klassikern geworden, andere hingegen wurden einfach vergessen. Wieland Speck, Leiter des Panoramas von 1992 bis 2017 und sein Mitstreiter Andreas Struck haben für dieses Jahr eine aus 9 Spiel-, 3 Dokumentar- und 11 Kurzfilmen bestehende Retrospektive zusammengestellt. Dazu gehören Lady Chatterley (Pascale Ferran, 2006) und My Life As A Dog (Lasse Hallström, 1985) ebenso wie Wilde Nächte (Les Nuits Fauves, Cyril Collard, 1992), die alle in ihrer 35mm-Version gezeigt werden.

Es sei nicht einfach, aus mehr als 1000 Filmen 23 auszuwählen, so Wieland Speck und Andreas Struck in einem Interview. Sie hätten nicht die besten Filme aus 40 Jahren ausgesucht, sondern die, welche den tiefsten Eindruck bei ihnen hinterlassen haben, Filme, an die sich vielleicht nur wenige erinnern werden. "Ich möchte nicht nur sehen, was heute gefällt und morgen schon wieder vergessen ist, sondern zurückblicken auf die 40 Jahre, so wie es ältere Menschen zu tun pflegen", sagt Speck lachend.

"In den letzten 40 Jahren ging es immer darum, die neuesten Entwicklungen zu zeigen. Jetzt frage ich: Hey, wer kennt eigentlich Tsai Ming-liangs ersten Film?" Und Struck fügt hinzu, dass Wieland Speck beim ersten Treffen ständig das Wort "obskur" gebraucht habe. "Irgendwie haben wir ja tatsächlich in diesen 40 Jahren obskure Filme ausgegraben. Und zwar im vieldeutigen Sinn des Wortes. Mir fallen da Filme ein, die ästhetisch Neuland betreten haben, die den Mut hatten, etwas anzusprechen, worüber andere lieber geschwiegen haben."

Speck und Struck haben immer gehofft, dass die Panorama-Filme auch nach dem Festival nicht in der Versenkung verschwinden. Sie haben deshalb Filme ausgesucht, die nicht so oft wiederzusehen waren, in der Hoffnung, dass sie jetzt Zuschauer und vielleicht sogar zurück in die Kinoauswertung finden.

Und wer weiß noch, was der erste Film von Tsai Ming-liang war? Ich erinnere mich, es war Rebels of The Neon God (青少年哪咤 ) von 1992. Ich habe ihn noch nie auf der Kinoleinwand gesehen und bin schon gespannt, ihn bei der Retrospektive wiederzusehen. Das Taipei der 1990er durch die Kameralinse Tsai Ming-liangs weckt nostalgische Gefühle: die silbern glänzenden Straßen, die blauen Telefone, Videospiele und die Eislaufbahn, wo man sich traf, über die Straßen führende Fußgängerbrücken, Telefon-Datings, Auspuff-Kontrollen bei Motorrädern, holprige Asphaltstraßen - all diese Spuren der Zeit hat der Film festgehalten.

Man sieht das quirlige Stadtzentrum von Taipei zu einer Zeit, als die Stadt im Umbau ist. Die abgebildeten Straßen erleben ihre letzten Tage, sie sind durch orange-schwarze Signalstreifen abgetrennt, die die Straßenführung markieren. Aber das gehört nicht nur der Vergangenheit an. Tsai Ming-liangs Bilder von schmuddeligen Ecken und heruntergekommenen Häusern sind nämlich auch heute von großer Schönheit. Die Melancholie und Ziellosigkeit der Jugendlichen kennen wir heute ebenso. Hsiao Kangs zugereister Vater und die taiwanische Mutter sprechen unterschiedliche Dialekte und haben sich in diesem Leben eingerichtet. Auch die Geschichte der Insel bleibt bis heute ein wichtiges Thema. Tsai Ming-liangs Einstellungen sind einfach und genau. Es wird nicht viel gesprochen, aber alles Wichtige ist enthalten.

Und dann ist da noch das Wasser: ein Motiv, das sich durch den ganzen Film zieht: Im verregneten Taipei kommt das Wasser einerseits von oben, andererseits drückt es aus den Wasserrohren von unten nach oben und überflutet den ziegelroten Boden in dem alten Mietshaus. Wie kleine Boote schwimmen Plastiklatschen und Zigarettenkippen darauf. Und Wasser, das ist auch der Schweiß auf den jugendlichen Körpern als Zeichen sexueller Begierde.

Dass der Film in der Panorama-Retrospektive läuft, passt wunderbar, denn er ist zeitlos, als Klassiker unsterblich und tritt in Dialog mit dem Heute. Denn hier sehen wir zum ersten Mal Lee Kang-shengs Gesicht. Bis zu Your Face (你的脸), dem voriges Jahr in Venedig gezeigten Tsai Ming-liang-Film, sind mittlerweile 30 Jahre vergangen. In dieser Zeit sind wir mit dem Gesicht Lee Kang-shengs gemeinsam älter geworden.

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