Tagesspiegel-Interview mit Dieter Kosslick
„Joschka Fischer vereitelte mir den Scoop“

Dieter Kosslick
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Für Jennifer Lopez organisierte er Haferkekse, mit Nicole Kidman sprach er über seinen Mundgeruch. Dieter Kosslick erinnert sich an seine 18 Jahre Berlinale.

Von Christiane Peitz und Ulf Lippitz

Tagesspiegel: Herr Kosslick, in wenigen Tagen beginnt Ihre letzte Berlinale als Festivaldirektor. Wie erinnern Sie sich an Ihre allererste 2002?

Dieter Kosslick: Ganz schön mutig, was ich mir da zugetraut hatte. Im Grunde hatte ich nur ein halbes Jahr Zeit, um das Festival vorzubereiten. Mir war gar nicht klar, wie man es organisiert. Das waren andere Verhältnisse als heute. Bei meinem ersten und einzigen Besuch vor Amtsantritt in den Büroräumen wurde ich morgens um elf gefragt: Möchtest du einen Whiskey haben?

Geht heute nicht mehr. Was wollten Sie außerdem ändern?

Alles. Es sollte transparenter, weniger hierarchisch und vor allem lustiger werden. Und die Fanfare sollte weg.

Sie meinen die Musik, die bis dahin das Festival eingeläutet hatte.

Fanfaren klingen nach römischem Sandalenfilm. Die Musik und der Trailer sollten einen emotional auf ein Erlebnis vorbereiten. Uli M. Schueppel und Angelika Margull haben für uns eine funkelnde Sternenregenkugel kreiert, ein nicht mal 60 Sekunden langer Einspieler, der in der Kinderfilmsektion „Generation“ häufig als bester Kurzfilm bewertet wird.

Hatten Sie sich was Besonderes für die Eröffnung ausgedacht?

Corinna Harfouch als Künstlerin aus dem früheren Osten und Michael Ballhaus als Filmschaffender aus dem Westen sollten durch den Abend führen und damit symbolisieren, dass die Berlinale weiterhin Deutsch-Deutsches verbindet. Michael musste kurzfristig absagen, und Hanns Zischler übernahm. Dann ging alles holterdiepolter: Bundeskanzler Schröder saß vorne, ich in Reihe 20 hinter den Stars, und nichts klappte. Die Blätter mit den Ansagen waren verkehrt sortiert. Der arme Hanns Zischler schlug sich mutig durch das Konvolut. Jedes Mal, wenn Corinna Harfouch ans Mikrofon ging, pfiff es so laut, dass man sich die Ohren zuhalten musste. Wie wir später herausfanden, hatte sie Metallpailletten an ihrem Kleid, die zu Interferenzen führten.

Sie sind dann aufgestanden.

Ich habe es nicht mehr ausgehalten, bin über die Stuhlreihen nach vorne geprescht und habe in meinem Schulenglisch eine 45 Minuten lange Rede improvisiert. Band-Chef Wolfgang Niedecken wartete im Orchestergraben, um mit BAP aufzutreten, und sagte später: Ich musste eine Dreiviertelstunde auf den Hintern des Kollegen Kosslick starren.

Am nächsten Morgen waren Sie froh, dass alles vorbei war.

Um fünf Uhr war ich im Bett, um acht konnte ich nicht mehr aufstehen. Der Stress hatte die Muskeln verspannt, ich musste einen Notarzt ins Hotel rufen. Jemand hat gesehen, wie er ins Hyatt reinging, aber er kam einfach nicht zu mir. Eine Stunde später stand der Aushilfsdoktor in meinem Zimmer, entschuldigte sich, weil in der Lobby vor ihm ein Berlinale-Gast ohnmächtig wurde und er Erste Hilfe leisten musste. Er sagte nur: Sorry, first come, first serve.

Heute können Sie darüber lachen.

Wissen Sie, mit der Berlinale verbinden die Leute seither, dass es Spaß macht, dorthin zu gehen. Dass ich meine gute Laune nicht verloren habe, das ist mir nach den 18 Jahren Mega-Stress, Desastern und Depressionen wirklich wichtig.

Sie litten unter Depressionen?

Nicht im klinischen Sinn. Aber Sie müssen sich das mal vorstellen, wie Sie monatelang verhandeln, damit Jude Law, Renée Zellweger und Nicole Kidman zur Eröffnung kommen ...

... 2004 für den Film „Unterwegs nach Cold Mountain“ ...

... und drei Stunden vor der Premiere sitzt der Produzent auf der Pressekonferenz und fängt mit den Worten an: „The Berlinale and Dieter Kosslick are the greatest festival in the world.“ Da wusste ich, im zweiten Halbsatz wird er sagen, dass die Stars kurzfristig verhindert sind. Er sagte, er hätte jedem 250 000 Dollar für eine halbe Stunde auf dem roten Teppich geboten. Gut, das war keine Depression, sondern eine Katastrophe. Ich fuhr mit der Limousine am Berlinale-Palast vor, Tausende Fans und Fotografen, ich stieg aus dem Auto und sagte: „Morituri te salutant!“ Das riefen die Gladiatoren Nero zu: Die Todgeweihten grüßen dich. Diese Situation gab es zum Glück nicht wieder.

Eine der größten Herausforderungen bestand darin, die Rolling Stones zufriedenzustellen, als die Berlinale vier Jahre später den Konzertfilm von Martin Scorsese zur Eröffnung zeigte.

Das war ein Riesenzirkus. Am Tag vor der Premiere haben wir mitbekommen, dass das Hotelmanagement des damaligen Four Seasons vertraglich zugesichert hatte, dass es im Umkreis von zwei Kilometern keinen Baulärm gebe. Ich wusste davon nichts.

Und am Schlossplatz war schon die Baustelle für das Humboldt-Forum.

Es gab ein langes Gespräch mit dem Bauleiter, und der Kompromiss lautete: Wenn die Stones im Hotel sind, stoppen wir die Bauarbeiten, wenn sie draußen sind, machen wir weiter. Wir hatten Mitarbeiter abgestellt, die anriefen, wenn der Tross unterwegs war. Dafür spendierten wir Sandwiches und Getränke für die Arbeiter. Gott sei Dank waren die alle Stones-Fans. Filmstars sind ja schon große Nummern, aber Musikstars ...

Sie rollen mit den Augen.

Wir hatten 2005 die Dokumentation über George Michael im Programm, das war sein Outing-Film. Es hieß, wenn er eintrifft, sollte zunächst niemand im VIP-Raum sein. Ich als Festivaldirektor blieb, um ihn zu begrüßen. Mit dem deutschen Koproduzenten saß ich am anderen Ende des Empfangsraums wie auf der Hühnerleiter. George Michael kam rein, der Produzent flüsterte: Sag jetzt nichts. Plötzlich betraten vier Männer den Raum, stellten zwei meterlange Kisten auf den Boden. George Michael lief an denen entlang, schaute rein, beugte sich plötzlich runter, dann griff er, zack, in eine Kiste, setzte sich eine Sonnenbrille auf und sagte: „Hi, Dieter, I am George Michael.“ Ich habe nachgesehen, da lagen bestimmt 400 Sonnenbrillen drin. Erst als er eine aufgesetzt hatte, fühlte er sich wie George Michael.

Ein Meisterstück ist Ihnen vor drei Jahren gelungen. Sie haben Meryl Streep als Jury-Präsidentin gewonnen. Welche Hürden mussten Sie dafür überwinden?

Gar keine. Wir kannten uns bereits vom allerletzten Robert-Altman-Film ...

... kurz nach Fertigstellung von „A Prairie Home Companion“ starb der Regisseur 2006 ...

... er war übrigens der Einzige, mit dem ich auf dem roten Teppich einen Beruhigungswodka getrunken habe. Er wusste, wenn er auf den Teppich kommt, steht hinter der Tür links ein Tisch mit zwei besonderen Wassergläsern.

Mit Alkohol haben Sie auch Streep geködert?

Nein, sie kam ein paar Jahre später mit dem Thatcher-Film und erhielt einen Goldenen Ehren-Bären. Als ich auf die Bühne ging, merkte ich, dass ich keine Blumen hatte. Ich riss einer Frau in der zweiten Reihe die weißen Chrysanthemen aus der Hand und gab sie Meryl. Sie guckte mich etwas schräg an, später erzählte sie: Dieter schenkte mir dieses wunderbare Bouquet von der Tankstelle. Wir haben uns dann geeinigt, dass sie so bald wie möglich Jury-Präsidentin wird.

Am roten Teppich sind Sie der Gastgeber. Sehen Sie den Leuten an, ob Sie die umarmen dürfen?

Am Anfang habe ich alle unbewusst umarmt. Sie dürfen nicht vergessen, ich hatte bereits viele Menschen aus der Filmbranche getroffen. Seit 1983 war ich in Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Brüssel bei der Filmförderung. Das wurde so eine Art Familientreffen.

Was, wenn Sie jemanden mal nicht erkennen?

Hinter mir stehen Leute mit Dossiers für jeden Film. Wer vom Team kommt, mit Fotos drin, was sie essen und welche Allergie die haben. Bei Jennifer Lopez hat es sich gelohnt, dass wir wussten, welche Haferkekse sie isst. Dafür sind wir extra nach Zehlendorf in ein Reformhaus gefahren. Wir befürchteten, dass sie sonst gleich wieder abreist. Sie hat sich sehr gefreut und überschwänglich bedankt.

Steht in den Ordnern auch, wer Mundgeruch hat?

Steht bestimmt jetzt in meiner Akte, das hat mir Nicole Kidman eingebrockt. Als wir 2003 „The Hours“ vorgestellt haben, fragte sie mich am Teppich: Wie geht es dir? Ich antwortete: Ich glaube, ich habe Mundgeruch. Dann bin ich auf ihre Schleppe getreten, und wir waren Freunde.

Besonders schwierig hört es sich doch nicht an, einen Star für die Berlinale zu bekommen.

In meinem zweiten Jahr wollte ich der französischen Schauspielerin Anouk Aimée, eine der schönsten Frauen der Kinogeschichte, einen Ehren-Bären überreichen. Aber sie lebte zurückgezogen in Paris, ging nur in ein bestimmtes Restaurant, setzte sich an einen bestimmten Tisch, wo die Kerzen auf einer Seite standen, damit ihr Gesicht richtig beleuchtet wurde. Dienstagabend, Punkt 18 Uhr, ich stehe unten am Leipziger Platz, mein Handy klingelt, Anouk Aimée ruft an: „Nein, nein, ich fühle mich nicht hübsch genug, um nach Berlin zu kommen.“ Sie sind wunderschön, ich habe doch ein Foto von Ihnen auf meinem Schreibtisch, sage ich. Sie stockt: „Jetzt hast du eine 50-Prozent-Chance, dass ich nicht komme, wenn das vom falschen Fotografen ist. Wer hat das Bild gemacht?“ Es war von Brigitte Lacombe. „Ich komme, sie macht die besten Fotos von mir.“

Klingt immer noch einfach.

Dann ging es erst los. Ich habe zwei Bedingungen, sagt sie. Erstens will ich ins Adlon. Zweitens will ich den jungen Mann in eurer Regierung treffen, weiß aber nicht, wie der heißt. Ich ging im Kopf die Minister unter Schröder durch: Sie meinte Joschka Fischer. Das Treffen haben wir dann eingefädelt. Eigentlich war er vorher in Israel, von dort auf dem Weg nach New York, um seine erste Rede als Außenminister vor der Uno-Vollversammlung zu halten. Für Anouk Aimée hat er einen Zwischenstopp in Berlin eingelegt. Um Mitternacht trafen sich die beiden im Adlon, sie haben sich super verstanden. Das war übrigens die Nacht, in der mir Fischer meinen größten Scoop vereitelt hat.

Wie das?

Als das Gespräch mit Anouk Aimée vorüber war, trat er auf mich zu: Das machen Sie nicht noch mal, den Fidel Castro einzuladen, wenn wir gerade vor dem Irakkrieg stehen.

Sie haben ernsthaft den kubanischen Staatschef nach Berlin holen wollen?

Wir hatten Oliver Stones Dokumentarfilm über ihn im Programm. Als wir die Premiere planten, kam der Geheimdienst mit dem Botschafter, um sich das Kino International anzugucken. Ich sagte: Wissen Sie, Herr Botschafter, das ist wirklich schade, dass Herr Castro nicht kommt, meine Mutter erzählt mir immer, was für ein toller Typ der Fidel ist. Der Botschafter war fasziniert, ich gab ihm noch einen kleinen Brief mit: Comandante, es wäre schön, wenn Sie Zeit hätten. Und prompt am nächsten Tag ließ der Botschafter ausrichten, dass Fidel kommt. Tja, und dann hat Minister Fischer übernommen. Ich erhielt noch einen zweiseitigen Brief von Fidel Castro, mit Filzstift unterschrieben, es sei etwas dazwischengekommen, er grüße jedoch herzlich meine Mutter. Heute würde ich mir das genauer überlegen, damals wollte ich ihn einfach haben.

Haben Sie jetzt ein größeres Problembewusstsein?

Kommt darauf an. Nehmen wir die Iraner, deren Filme auf der Berlinale liefen: Jafar Panahi und Asghar Farhadi. Jedes Jahr fuhr unser Iran-Scout dorthin. Einmal konnte ihre Übersetzerin wochenlang nicht mehr ausreisen. Da rennt man jeden zweiten Tag zur iranischen Botschaft. Oder man stellt zum dritten Mal einen leeren Stuhl für Panahi in den Berlinale-Palast, weil er Reiseverbot hat, und versucht, die Weltpremiere seines Films heimlich per Handy zu ihm in die iranischen Berge zu übertragen.

Harvey Weinstein war einige Male auf der Berlinale, bis zahlreiche Frauen ihm 2017 sexuelle Übergriffe vorwarfen. Er hat immer gesagt: „I love Berlin“. Im Nachhinein ein bitteres Lob?

Er meinte wohl, dass es gut für ihn war, Filme auf der Berlinale zu platzieren. Ich wusste nichts von seinen sexuellen Übergriffen, aber bei seinen Versuchen, uns gegenüber Druck auszuüben, bestimmte Filme zu zeigen, legte er ähnliche Verhaltensweisen an den Tag. Das waren stalinistische Einschüchterungstaktiken. Vor ein paar Jahren endete ein Telefonat im Streit. Weil er nicht richtig aufgelegt hatte, konnten wir alle hören, was er in seiner Wut zu seinem Assistenten über mich sagte: „Wir machen ihn fertig!“ Ich habe seitdem nicht mehr mit ihm geredet.

Dabei gelten Sie als umgänglich. Angeblich schreiben Sie pro Festival 2500 Begrüßungskärtchen per Hand.

Inzwischen machen das die Mitarbeiter, aber ich schreibe noch etwas Persönliches dazu. So ein Willkommensgruß ist doch was Schönes: Stellen Sie sich mal vor, Sie kommen im Februar in Berlin an, es regnet, es ist dunkel, der Portier erkennt Sie nicht, und Sie bekommen das miese Zimmer über den Mülltonnen. Da hilft es sehr, wenn auf einer Karte steht: Schön, dass du da bist und wir uns wiedersehen nach dem tollen Abend neulich in Mexico City.

Bleiben Sie noch bis morgens um fünf auf Partys?

Nein, schon weil ich Angst habe, abzustürzen. Wenn der fünfte rote Teppich gegen halb elf nachts zumacht, reicht es auf dem Weg ins Bett nur für ein Glas Sauvignon Blanc und eine doppelte Portion Pommes.

Die Reihe „Kulinarisches Kino“ haben Sie auf der Berlinale etabliert. Schon aus biografischen Gründen unvermeidlich: Sie sind quasi in einem schwäbischen Bäckerladen aufgewachsen.

Das stimmt. Meine alleinerziehende Mutter hat mich um sechs vor der Arbeit bei den Bäckersleuten abgeliefert. Sie konnte übrigens selbst hervorragend backen. Sie machte die Hefeteigklassiker, Pflaumenkuchen, Apfelkuchen mit Streusel, die rochen wahnsinnig gut. Diese sinnlichen Erlebnisse haben mich geprägt. Der französische Film „Die Frau des Bäckers“ ist immer einer meiner Lieblingsfilme gewesen.

Ihre Mutter ist auch an Ihrer Kinoliebe schuld. Sie hat Sie nachmittags ins Kino geschickt ...

... wenn Onkel Kurt kam, so hieß der Freund meiner Mutter. Jeden Sonntagnachmittag von eins bis fünf. Ich ging gerne in die Bahnhofs-Lichtspiele Ispringen, so ein typischer Restaurantsaal mit acht Extrasesseln direkt vor der Projektion, leicht erhöht. Eine Vorstellung kostete 50 Pfennig, ein Sesselplatz 80. Da hörte man zwar das Rattern des Projektors, aber sah super, wenn Peter Kraus im Sportwagen vorfuhr und die Töchter von Berliner Rechtsanwälten sich in zweifelhafte Studenten am Bodensee verliebten.

Nicht gerade Filmkunst.

Es war das Filmland Baden-Württemberg, das Deutschlands Kinogeschichte um den „Förster vom Silbersee“ bereichert hat. Eskapismus-Kino, klar, nicht nur für die Älteren, die aus dem Nationalsozialismus kamen, sondern auch für uns, die wir gern der katholischen Zucht und Ordnung entflohen sind.

Sie entkamen ihr zunächst als Werbetexter in München, wo Sie nach dem Politik- und Pädagogik-Studium gelandet waren.

Ich habe ungefähr 250 Storyboards für Radiospots geschrieben, zum Beispiel: „Rieger-Pelze am Isartorplatz mit 34 000 Quadratmetern Schaufensterfläche das größte Pelzhaus Europas. Rieger-Pelze, Rieger-Pelze! Ooaahhh!“

Jetzt brüllen Sie wie ein Löwe im Radio.

Als ich das neulich nachts im Taxi am Isartor zum Besten gab, freute sich der Taxifahrer. Der kannte den Spruch noch.

Wie kam es dann, dass Sie von der Werbeagentur ins Hamburger Rathaus wechselten und für den SPD-Politiker Hans-Ulrich Klose als Redenschreiber anheuerten?

Wir hatten uns 1978 beim Wahlkampf in München kennengelernt, bei einem tollen Abend in den Torgelstuben. Ich weiß noch, ich habe zwei Bestecke mitgehen lassen, weil wir damit knapp waren in unserer Wohngemeinschaft. Ich bestritt die ganze Unterhaltung, und sein Pressesprecher meinte: „Den nehmen wir mit, aber erst mal stecken wir ihn ins Protokoll. Der muss lernen, wie man sich richtig anzieht und sich anständig benimmt.“ Ich hatte übrigens ein abgeschlossenes Studium, mir fehlte nur die mündliche Promotionsprüfung. Dazu kam es nie, und das bei meinem Thema: Warum brechen Leute mit fertiger Doktorarbeit die Promotion ab?

Bei der Beantwortung des berühmten Proust-Fragebogens in der „FAZ“ haben Sie gesagt, Ihr größter Fehler sei, nicht reich geboren zu sein. Was hätten Sie mit Vermögen anders gemacht?

Ich hätte alles genauso gemacht, nur entspannter. Ich musste immer arbeiten, schon als Student mit 122 Mark Bafög. Wir waren zu Hause arm. Als Redenschreiber in Hamburg bekam ich 2800 Mark im Monat, das war richtig Kohle. Als Süddeutscher hat man das Einfamilienhaus zu stemmen, der Bausparvertrag ist wertvoller als ein Pfandbrief. Das steckt in meinen Genen.

Als Berlinale-Direktor verdienen Sie knapp 300 000 Euro. Macht Sie das ruhiger?

Ja.

Schon Job-Angebote für die Zeit nach Vertragsablauf Ende Mai?

Logo.

Was tun Sie am 1. Juni?

Weiß ich noch nicht. Aber an meinem Geburtstag, dem 30. Mai, werde ich wieder nach Ligurien fahren. Ich bin ein Freund von gutem Pesto, da gehe ich wahrscheinlich in ein tolles Restaurant in Camogli, nicht weit von Genua.

Andere Leute nehmen sich vor, den Mount Everest zu besteigen, im Kloster zu meditieren ...

... fehlt nur noch das Biedermeiersofa. Es gibt vieles, was ich gerne mache. Ich spiele Musik, male, koche, habe einen Garten. Auch studieren würde ich gerne noch mal, ohne Leistungsdruck.

Was denn – Betriebswirtschaft?

Wie bitte? Was haben die Ökonomen denn geleistet in den letzten 200 Jahren? Sie haben die Welt an den Abgrund gebracht, Finanzkrisen verursacht, die Reichen reicher und die Armen ärmer gemacht, hat gerade Oxfam gemeldet. Nein, ich fände Kunstgeschichte oder Kulturwissenschaft gut.

Tut der Abschied weh?

Ich denke, ich bin so oft gelobt worden. Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich hätte vielleicht noch gern das 70. Jubiläum mitgemacht, aber so ist es jetzt auch gut.

Werden Sie den roten Teppich vermissen?

Das denken die meisten. Die wenigsten wissen, dass nicht ich, Dieter Kosslick, da stehe, sondern ein dekonstruierter Avatar, der den Festivaldirektor ganz gut spielt. Ich werde die Fans vermissen. Das Ehepaar aus Falkensee, das mir jedes Jahr selbst gemachte Marmelade mitbringt. Die Koreanerin, die mich seit Jahren darum bittet, einen Brief an den Regisseur Terrence Malick weiterzuleiten. Die Zuschauer, die vor den Ticketschaltern in den Potsdamer Platz Arkaden übernachten und meine tollen Kolleginnen und Kollegen. Wenn ich im Sommer den Blues bekomme, dann wegen dieser Menschen. Die Leute in der Fankurve werden mir fehlen.

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