Berlinale-Filme über Frauen
Kleine Lichtblicke im grauen Alltag

Szene aus Hormigas
Szene aus Hormigas | © Betta films

Alle glücklichen Frauen gleichen einander. Aber jede unglückliche Frau ist auf ihre eigene Art unglücklich.

Von Chen Yun-Hua

„Alle glücklichen Familien gleichen einander. Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich." Man könnte das berühmte Zitat von Tolstoi auch abwandeln: Alle glücklichen Frauen gleichen einander. Aber jede unglückliche Frau ist auf ihre eigene Art unglücklich. Das von Dieter Kosslick unterschriebene Versprechen, 2019 für mehr Geschlechtergerechtigkeit auf der Berlinale zu sorgen, gibt uns Anlass, einen Blick auf einige Frauenportraits in der aktuellen Filmauswahl zu werfen.

In der Retrospektive der Berlinale werden wie in der Struktur des Films Memento von Christopher Nolan zwei chronologisch gegenläufige Handlungsstränge miteinander verknüpft. Gewaltszenen in der Familie werden nicht direkt gezeigt, vielmehr konzentriert man sich darauf, die Beklemmungen der in familiäre Gewaltsituationen verstrickten Frauen darzustellen. So beschäftigt sich der Film Knives and Skin mit der Rekonstruktion von familiärer Gewalt und der Vergewaltigung bei einem Date und verwendet dabei eine Bildsprache, die den Stil von B-Movies mit einer surrealen Ästhetik und einer David Lynch-artigen schillernden Absurdität verbindet. Das Mädchen in Goldie ist nicht nur unglücklich, weil es ihr nicht gelingt, ihre zwei minderjährigen Schwestern bei Verwandten unterzubringen und sie ohne Obdach sind, sondern vor allem, weil sie sich einen sündhaft teuren goldenen Pelzmantel einbildet. Ganz anders die Ehefrau in Monsters. Sie steht schon vor der eigenen Haustür, zieht es aber dann doch vor, sich im Taxi durch die Nacht fahren zu lassen, weil sie nicht nach Hause will. In Flesh Out muss sich eine bereits versprochene Braut nach mauretanischem Brauch dazu zwingen, Pfunde zuzulegen, um bei der Hochzeit hübsch auszusehen. In The Last to See Them steht die Mutter einer einfachen Familie, in der das Patriarchat alles dominiert, einfach nur schweigend am Fenster. Der in der Reihe Berlinale Shorts gezeigte Kurzfilm Entropia indessen benutzt die bewegte Bildwelt der Animation für eine Interpretation von Unterdrückung und Befreiung weiblicher sexueller Identität.

Zwei von den gut sechzig Filmen, die ich dieses Jahr auf der Berlinale gesehen habe, haben mir allerdings besonders gut gefallen: El despertar de las hormigas (Sektion Forum) und Stitches (Šavovi, Sektion Panorama). Ebenfalls beides Filme, bei denen man über die weibliche Hauptfigur einen Einblick in eine besondere Lebenswelt erhält.

Szene aus Hormigas
Szene aus Hormigas | © Betta films

Der Film Hormigas der Regisseurin Antonella Sudasassi Furniss richtet den Fokus auf die kleinen Widrigkeiten des Alltags, die kaum der Rede wert scheinen. Auch wenn die Sorgen so lächerlich sind, dass sie eher wie die Luxusprobleme einer wehleidigen Ersten Welt erscheinen mögen, in der Summe werden sie für die Frau zur Nervenprobe. Da sind die typischen Themen, von denen auch chinesische Familien ein Lied singen können: das problematische Verhältnis zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter, die Haushaltskasse, der Mann, der nicht im Haushalt hilft, und die Verwandten, die einem ständig in den Ohren liegen, noch ein weiteres Kind zu bekommen, auch dann, wenn man keines mehr will. Und dann die Frage, wann man endlich wie von Virginia Woolf beschrieben „ein Zimmer für sich allein" bekommt.

Die Protagonistin Isa und ihr Ehemann Alcides leben mir ihren zwei Töchtern, die eine Grundschule besuchen, in einer costa-ricanischen Kleinstadt. Zu Beginn des Filmes zeigt die Kamera Isa in der Halbnahe. Sie ist gerade dabei, für das Fest ihres Neffen, der einen Monat alt wird, eine Torte zu dekorieren. In der Hand hält sie eine Spritztülle, mit der sie den Rand der Torte mit Sahnetupfen verziert. Anschließend platziert sie in die Tortenmitte ein christliches Kreuz. Als ihre Schwägerinnen in der Küche vorbeischauen, ist keine um einen Kommentar verlegen. Die eine findet das Kreuz zu dick, die andere meint, am Rand der Torte wäre noch etwas wenig Creme. Schließlich kommt die Schwiegermutter herein, nimmt Isa wortlos die Spritztüte aus der Hand und macht sich damit im Zentrum der Torte zu schaffen. Zu guter Letzt stürzt noch Isas Mann herein und übergibt ihr den weinenden Neffen, so dass sie nun das Baby auf dem Arm mit nur einer Hand die Torte fertigstellt. Es ist der unbewegte Blick der Kamera, durch den sich auf einen Schlag die ganze Bandbreite sozialer Beziehungen und emotionaler Spannungen in einer Großfamilie eröffnet.

Eigentlich geht es in dem gesamten Film nur um trivialen Familienalltag. Immer wieder sieht man in Nahaufnahme Ameisen über den Esstisch krabbeln und der größte Konflikt zwischen Isa und ihrer Schwiegermutter besteht darin, dass diese ihre Enkelin ohne vorherige Absprache bei Freunden abgeholt hat. Isas Tochter wird mehrmals von einer Biene gestochen und bekommt eine Schwellung. Der gutmütige Ehemann bietet zwar wiederholt seine Hilfe in der Küche an, weiß aber nicht einmal, wo sich das Besteck befindet. Familiäre Banalitäten. Nichts, weswegen man explodieren müsste, doch auch auf kleiner Flamme, wird man irgendwann weichgekocht. Das Besondere des Films liegt in seiner genauen Beobachtung des Alltags. Oberflächlich gesehen erinnert alles an eine sorglose Zeit, wobei der Frieden allerdings darauf beruht, dass die Frau ihre eigenen Bedürfnisse unterdrückt und sich bemüht, es jedem recht zu machen. Erst als Isa nicht mehr mitspielt und sich gegen die Unterdrückung wehrt, ist die Familie in ihrer Hilflosigkeit gezwungen eine andere Ordnung festzulegen und die Regeln neu zu verhandeln.

Szene aus Stitches
Szene aus Stitches | © Nika Fehmiu
Szene aus Stitches
Szene aus Stitches | © Nika Fehmiu
Der Film Stitches von Miroslav Terzic beginnt mit einer Totalen auf das traurige Gesicht einer Frau in mittleren Jahren. Die Frau wirkt beherrscht und vornehm, doch zugleich liegt in ihrem Blick immer eine vage Skepsis, Irritation und Gedankenverlorenheit. Aus der Schilderung alltäglicher Details setzt sich der Zuschauer allmählich ein Bild zusammen und merkt, dass hier etwas nicht stimmt: Bei den Routinehandlungen des Frühstücks gießt die Mutter der Tochter ein Glas Milch ein, obwohl die gar keine Milch mag; nach dem Frühstück backt sie einen Kuchen mit einer Kerze für einen ersten Geburtstag. Nachdem die Tochter ablehnt, schneidet sie den Kuchen mit ihrem Mann an, der als Nachtwächter arbeitet. Bevor sie die Wohnung verlässt, rückt sie aus einer Gewohnheit heraus das Porzellanpferd auf der Kommode unter dem Garderobenspiegel mit den Fingern vom Rand ein Stückchen in die Mitte. Dann, auf dem Weg zur Arbeit in einem Schneideratelier, fährt sie im Büro eines Gerichtsmediziners vorbei und will sich mit einer Bescheinigung, die viele Jahre alt ist, auf die Suche nach einer Leiche machen. Sie macht noch einen Abstecher zum Kindergarten des Frauen- und Kinderkrankenhauses und beobachtet die dort spielenden Kinder. Was der Frau schmerzlich fehlt, ist ihr kleiner Sohn, der vor achtzehn Jahren gleich nach der Entbindung in der Geburtsklinik für tot erklärt wurde. Die Leiche des Jungen hat sie nie zu Gesicht bekommen und sie weiß auch nicht, wo er begraben wurde. Als Mutter läuft sie von Pontius zu Pilatus, die Polizei droht ihr mehr oder weniger unverhohlen und die Ärztin im Krankenhaus hat angekündigt, sie in die Nervenklinik einzuweisen, wenn sie keine Ruhe gibt. Auch ihr Mann und ihre Schwester raten ihr, die Sache endlich auf sich beruhen zu lassen. Die von ihr vernachlässigte Tochter hat sich längst von ihr entfernt und ist wie eine Fremde. Die präzise, zurückgenommene Bildsprache mit der der Film die Verbohrtheit einer Mutter schildert, die wie eine Löwin kämpft, zieht den Zuschauer bald in den Bann. Während man der Geschichte folgt, drängen sich einem ständig neue Hypothesen auf, nur um anschließend wieder verworfen zu werden. Man hört nicht auf, sich zu fragen: Was ist tatsächlich passiert? Ist diese Frau vielleicht wirklich nicht ganz richtig im Kopf? Oder ist ihr Baby doch gleich nach der Geburt verstorben? Welche der Personen, die im Film alles Mögliche behaupten, lügen am Ende?

Während man noch gekonnt im Ungewissen gelassen wird, entwickelt sich der Film unter dem gekonnten Einsatz der Kamera stringent weiter. Der Lebensraum der Familie ist ein trister Nachkriegsbau aus Beton. Niemals nimmt die Kamera die Vogelperspektive eines allwissenden Beobachters ein, stattdessen verweilt sie zumeist auf dem Gesicht der Mutter, die äußerst subtil gespielt wird. So deutet sich allein in dem Zug um ihre Mundwinkel oder in ihrem unsteten Blick, der mal das Gegenüber fixiert und dann wieder ins Leere geht, allen Widerständen zum Trotz die Unbeirrbarkeit einer Frau an, die seit achtzehn Jahren eine unverrückbare Überzeugung in sich trägt. Eine Frau, die die Realität zwar klar erkennt, aber wich weigert aufzugeben. In der Nahaufnahme sieht man manchmal, wie die Mutter die Trageriemen ihrer Handtasche zwischen den Händen knetet, dann wieder, wie sie neben der Nähmaschinennadel den Stoff weiter nach oben schiebt, während ihr Fuß in Großaufnahme das Pedal der Maschine bedient. Einmal öffnet sich die Perspektive im Weitwinkel und man sieht die Mutter davongehen. Während in der ersten Hälfte des Filmes die Mutter der Tochter nachstellt und ihr hinterher spioniert, vertauschen sich die Rollen in der zweiten Hälfte. Die Tochter tritt an die Stelle der Mutter und nun sieht man, wie sich die Tochter in Weitwinkelperspektive Richtung Horizont entfernt.

Stitches ist Miroslav Terzics zweiter abendfüllender Spielfilm. Dabei legt der Regisseur ein erstaunliches Feingefühl und emotionale Zurückhaltung an den Tag und entscheidet sich klar gegen emotional überladene Szenen und Tränenausbrüche. Vielmehr konzentriert er sich auf die mütterliche Psyche hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Resignation, auf den Menschen, in dem Gefühle wie Wut und Vergebung nebeneinander existieren und auf die Verstrickung der Individuen in ein gigantisches System von Korruption. Sogar das auf den ersten Blick etwas unbefriedigende Ende wirkt am Ende überzeugend. Absolut einer der besten Filme auf der diesjährigen Berlinale.

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