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"Grâce à Dieu" von Francois Ozon

"Grâce à Dieu"
"Grâce à Dieu" | © Jean-Claude Moireau

In Francois Ozons Grâce à Dieu geht es um den sexuellen Kindesmissbrauch durch einen katholischen Priester.

Von Chen Yun-Hua und Ding Dawei

 
© Chen Yunhua
Chen Yun-hua: In Francois Ozons Grâce à Dieu geht es um den sexuellen Kindesmissbrauch durch einen katholischen Priester. Der Fall hat sich vor mehr als 30 Jahren tatsächlich zugetragen und momentan findet der Prozess statt, dessen Urteil im Laufe des Monats verkündet wird. Der Vatikan hat einerseits eine Null-Toleranz-Devise für Fälle sexueller Übergriffe ausgegeben, andererseits aber will er solche alten Skandale nicht wieder aufwärmen. Im Fokus von Ozons Film steht sowohl das sexuelle Verbrechen, als auch die Kirche dahinter oder wie er den Medien gegenüber sagte: Er möchte mit diesem Film soziale Gerechtigkeit, er wolle die Öffentlichkeit wachrütteln und eine Diskussion in Gang bringen, in der Hoffnung, die Gesellschaft und das Denken zu verändern.

Es ist ein sensibles Thema und deshalb hält sich Ozon strikt an die Fakten. Auch wenn die Wut über solche Fälle und ihre Vertuschung Ausgangspunkt für den Film sind, wahrt er nüchterne Distanz. Dieses Ungleichgewicht ist, meiner Meinung nach, das größte Problem des Films. Weil Ruhe, Ratio und Selbstbeherrschung im Vordergrund stehen, wirkt der Film geradezu zurückgenommen. Er packt den Zuschauer nicht emotional. Das soll nicht heißen, der Film hätte im Stil einer Seifenoper inszeniert werden sollen, aber Ozon opfert seine Figuren den Fakten. Sie wirken meist reißbretthaft. So wissen wir, dass  Francois, wenn er wütend ist, Schlagzeug spielt und Emmanuel epileptische Anfälle bekommt, wenn er aufgeregt ist. In intimen Beziehungen ist diese Kontrolle der Gefühle ein echtes Hindernis. Aber auch die Partner und Ehefrauen bleiben in der Beschreibung oberflächlich. Den meisten Rollen fehlt das Identifikationsmoment und diese extreme Zurücknahme bildet den Grundton des Films. Da werden keine persönlichen Gehimnisse aufgewirbelt, der Umgang mit den Opfern bleibt sehr respektvoll.

Den Rollen fehlt es an Fleisch und Blut, der Film lässt einen irgendwie kalt. Wirklich emotional aufwühlend ist, wenn Emmanuel und seine Freundin sich streiten und handgreiflich werden. Dieser Ausbruch häuslicher Gewalt kommt, gemessen am kalten Grundton des Films, völlig unerwartet. Warum wird das sexuelle Verbrechen so rational dargestellt, Gefühlsausbrüche aber in nebensächliche Handlungsstränge, wie diese Szene zu Hause verbannt? Wenn es die Absicht war, mit diesem Film einen Dialog zu eröffnen, wie geht das mit einem so rationalen Film und der sehr emotionalen öffentlichen Meinung?

Die Rückblicke auf die sexuellen Übergriffe in dem damaligen Sommercamp sind in die Erzählungen von Mitgliedern einer Selbsthilfegruppe eingebettet. Darunter eine Einstellung, die zeigt, wie der Priester Alexandres Zelt betritt und eine Szene, in der wir sehen, wie er unter dem Vorwand des Gebets, ein Kind in den Wald führt. Diese Rückblenden sind gar nicht nötig. Die Szene mit der Selbsthilfegruppe ist sehr "französisch" abgehoben. Über den Stellenwert und die Arbeit dieser Organisation sagt sie herzlich wenig.

In diesem Film siegt das apollinische über das dionysische Prinzip, zwar wurden die Sinne angesprochen, dennoch lässt einen der Film kalt.


Damit einhergehend wurden einige wichtige Themen nur angedeutet, wie zum Beispiel die Glaubenszweifel ehemaliger Opfer. Ozon macht es sich hier leicht, indem Alexandre nach wie vor gläubiger Katholik ist, und Francois Atheist wurde.  Das ist zu schwarz-weiß und verhindert mögliche Diskussionen über Religion zwischen beiden. Wenn das Glaubensdogma im Widerspruch zum realen Verhalten steht, verliert da die Kirche nicht an Glaubwürdigkeit? Gibt es den Glauben an sich oder bedarf er eines Vermittlers zwischen den Menschen? Und wie soll man ausgehend von Glaube, Moral und Gesetz so einen Fall begreifen und beurteilen?

In diesem Film siegt das apollinische über das dionysische Prinzip, zwar wurden die Sinne angesprochen, dennoch lässt einen der Film kalt.
"Grâce à Dieu"
"Grâce à Dieu" | © Jean-Claude Moireau

 
Ding Dawei
Ding Dawei: Der über 50jährige Ozon schlug in den letzten Jahren etwas über die Stränge, indem er oft Dinge zeigte, die so gar nicht zu seinem Alter passen wollen: Rebellion, Freizügigkeit, das grenzenlose Spiel mit Sexualität und unvorstellbar Surreaes. Er wollte des öfteren besonders schlau und cool sein, wie jemand der permanent den Netzjargon benutzt.

Aber Grâce à Dieu ist endlich wieder ein typischer Ozon-Film (zumindest was der Autor dafür hält). Ozon setzt seinen ganzen französischen Einfallsreichtum endlich für ein passendes Thema ein. Wie früher schon baut er zahlreiche Dialogszenen. Er wechselt zwischen Dialogen und Emotionen seiner Protagonisten hin und her. Auch wenn der Einblick in letztere nicht allzu groß ist, erfährt man Stück für Stück mehr und wird sowohl auf dramatischer als auch visueller Ebene vollauf zufrieden gestellt.

Die drei Hauptrollen im Film zeigen drei verschiedene Wege auf: Sie haben nicht die gleichen Lebenserfahrungen gemacht, genauer gesagt, sie stammen aus unterschiedlichen sozialen Milieus. Was Ozon zeigen möchte ist, wie unterschiedlich verschiedene soziale Schichten mit leidvollen Erfahrungen umgehen. Alexandre als Vertreter der Mittelschicht ist sehr konservativ. Der Arbeiter Francois ist stark, voller Kampfgeist und er besitzt die größte Bereitschaft zum Handeln. Emmanuel ist weit nach unten gefallen, es gibt häusliche Gewalt, die schrecklichen Kindheitserlebnisse lasten auf ihm, er hat keine Möglichkeit, sich davon zu befreien.

Wie früher schon baut er zahlreiche Dialogszenen. Ozon wechselt zwischen Dialogen und Emotionen seiner Protagonisten hin und her. Auch wenn der Einblick in letztere nicht allzu groß ist, erfährt man Stück für Stück mehr und wird sowohl auf dramatischer als auch visueller Ebene vollauf zufrieden gestellt.


Der Film Grâce à Dieu hat nicht die trügerische große Dramatik der früheren Filme, was ihm die Zuschauer danken werden. Das Thema des Films ist schließlich sensibel und ernst, und die Geschichte greift die altehrwürdige Institution Kirche an. Ozon erzählt diese Geschichte unbeirrt, geradezu introvertiert als ein Skeptiker. Sein Denken wird immer angetrieben von der Frage: Und was dann? Bis es nicht mehr weitergeht und er in Metaphysik verfällt.

Aber entlang dieser manchmal bohrenden Fragen entdeckt man, dass der schuldige Pater selbst schon früh im Film  seine Taten zugegeben hat. Und das ist anders als in anderen Filmen dieser Art, in denen das ausstehende  Geständnis Motor der Geschichte ist. Ozons Kritik richtet sich gegen das Kirchensystem als solches und ist in ihrer Analyse zweifellos konstruktiv.

Die Geschichte trägt sich in Lyon zu, der zweitgößten und sehr katholischen Stadt Frankreichs. Im Abspann erfährt der Zuschauer, dass der Fall derzeit vor Gericht verhandelt wird. Aus diesem Blickwinkel gesehen wird der Film gesellschaftlich relevant. Ozon hat schnell gehandelt und aus dem Nachrichtenstoff einen Film gemacht. Damit ist er nicht mehr untätig neutral, sondern durch seine bewusste Entscheidung ergreift er Partei, denn der Film wird möglicherweise öffentliche Meinung, wenn nicht gar die Gerichtsentscheidung beeinflussen.

Ozon blickt zurück auf das damalige Pfadfinder-Lager, im Namen Gottes betende Hände, auf unschuldige Kinder, die hoffnungslos verloren sind. Das Verbrechen erstreckt sich über Jahrzehnte, aus den naiven Jungs wurden Männer, die das gleiche Geheimnis mit sich herumtragen und sich schließlich über alle sozialen Unterschiede hinweg entscheiden, an einer Front zu kämpfen. Das ist natürlich ein traditionell westliches Denken des weißen Mannes, aber auch eine Errungenschaft. Selbst wenn wir die Gefühle nicht teilen, können wir mitfühlen, denn Kinder zu schützen, die Gerechtigkeit hochzuhalten und Verbrechen zu verfolgen sind universelle Prinzipien der Menschheit.

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