Stadt- und Landgeschichten: Berlin
Im Schatten der Gesellschaft

Görlitzer Park
Görlitzer Park | © Sebastian Lörscher

Der Zeichner und Autor Sebastian Lörscher lebt in Berlin und reist von dort mit Skizzenbuch und Stift in die Welt. Vom deutschen Autowerk bis nach Haiti. Wir sprachen mit ihm über das Medium der gezeichneten Reportage, über die soziale Verantwortung der Künstler*innen und über gutes Geschichtenerzählen.

Von Silvan Hagenbrock

Goethe-Institut: Angenommen wir würden uns in Berlin oder im Berliner Umland auf ein Gespräch treffen. Ein Ort, der vielleicht für die meisten Berliner*innen weniger sichtbar ist oder ausgeblendet wird, wo würdest Du mich hinführen?
 
Sebastian Lörscher: Es gäbe einen Ort, den ich spannend finde, der allerdings alles andere als ausgeblendet wird. Er ist durchaus auch verrufen und trotzdem wird er geliebt, das ist der Görlitzer Park. Da sind einerseits die Drogendealer, dann gibt es im Sommer die türkischen Familien, die ihr Barbecue machen. Es gibt Frisbee-Spieler und Musiker. Dort kommen sämtliche Nationalitäten zusammen, um sich zu treffen, um ein Bier zu trinken und in der Sonne zu sitzen. Es ist wirklich ein Pot im Zentrum Kreuzbergs, wo immer etwas passiert. Die Drogendealer haben natürlich einen sehr schlechten Ruf, aber man kann sich auch mit denen unterhalten. Die sind auch nett. Das ist ein Ort, wo ich sagen würde, den kennt zwar jeder, aber er ist immer wieder aufs Neue spektakulär.
 

Schatten der Gesellschaft
Schatten der Gesellschaft | © Sebastian Lörscher
Du nutzt das Medium der „gezeichneten Reportage“. Wenn ich an Reportage denke, fällt mir der Amerikaner Gay Telese ein. New York: Stadt im Verborgenen. Er ist für viele Journalisten der Vorreiter der amerikanischen Reportage. Wie hast du zu dem Medium gefunden? Wer oder was diente für dich als Inspiration?
 
Mein Kommilitone Sylvain Mazas von der Kunsthochschule Weißensee hatte ein Skizzenfestival in Stralsund organisiert. Dort haben sich Zeichner aus Deutschland und Europa getroffen und zehn Tage lang nur gezeichnet. Auf dem Festival lernte ich Damien Roudeau kennen. Er zeichnet sehr realistisch und ist immer am Puls der Zeit. Damien geht raus und sieht, dass zum Beispiel Sinti und Roma im Park um die Ecke campen und schnappt sich sein Skizzenbuch. Er geht zu denen hin redet mit ihnen und zeichnet sie. Damien ist politisch engagiert und an dem sozialen miteinander interessiert. Das inspiriert mich. Und nachdem ich ihn kennengelernt habe, habe ich gedacht, das möchte ich auch machen: die Missstände im Umfeld aufdecken und denen auch ins Auge blicken.
 
Von der Berliner „Obdachlosen-Unterkunft“ an der Frankfurter Allee ins Wolfsburger Autowerk. Du unternimmst den Versuch, „ein breit gefächertes Bild unserer Gesellschaft zu zeichnen“. In Zeiten identitätspolitscher Debatten wird viel zu wenig über die gravierenden Klassenunterschiede geredet. Höchste Zeit also über Klassenunterschiede zu sprechen?
 
Man sollte auf jeden Fall immer über Klassenunterschiede sprechen. Gerade weil die Schere zwischen den Armen und Reichen immer breiter und gravierender wird. Mich interessieren die Menschen, die auf der vielleicht linken Seite der Schere sind. Also die, die weniger haben. Ich merke nämlich, dass ich immer bei den Leuten hängen bleibe, die zum Beispiel auf der Straße sitzen und Bier trinken. Oder ich bleibe bei den einfachen Arbeitern oder bei den „Normalos“ sitzen, die gar nicht viel Beachtung finden. Das sind die Leute, die ich dann porträtiere und auf die ich aufmerksam machen möchte. Mit meiner Reportage Schatten der Gesellschaft möchte nicht nur die Situation der Obdachlosen aufzeigen, sondern eben auch zeigen, dass man mit den Leuten sprechen kann. Das sind Menschen wie du und ich. Sie haben eben eine andere Geschichte. Aber das heißt nicht, dass sie nicht minder liebenswert und liebenswürdig sind. Was ich möchte: die Schatten in unserer Gesellschaft aufdecken und zeigen, dass sie eben auch zu unserer Gesellschaft gehören und ein großer Teil davon sind. Was ich noch gar nicht gemacht habe und was eine Herausforderung ist, wäre zu schauen, wie es auf der anderen Seite der Schere aussieht.
Görlitzer Park
© Sebastian Lörscher
Gehst du diese Herausforderung für dein aktuelles Deutschlandbuch an?
 
Ich möchte an Orten zeichnen, die ich für Deutschland prägnant und visuell spannend finde. Orte, die eine zeichnerische Herausforderung für mich darstellen. Unter anderem kam ich dabei auf das Autowerk von VW. Hier war es für mich aufgrund der vielen Sicherheitsvorkehrungen zwar kaum möglich mit Arbeitern zu sprechen. Dafür bekam ich aber sehr tolle Impressionen der Technik und Maschinen.

Was dort an diesen Orten passiert, das lasse ich geschehen und versuche es nicht durch Fragestellungen zu beeinflussen.

Für deine gezeichnete Reportage Schatten der Gesellschaft warst du vier Monate lang mit Stift und Skizzenbuch an Orten, an denen Obdachlose Schutz vor der Kälte suchten. Deine Herangehensweise ist: Du begibst Dich unvoreingenommen in die Situationen, Text und Bild gehen von den Menschen aus mit denen du sprichst. Du gibst den eher Stimmlosen eine Stimme.
 
Dass mehr Menschen von der Straße wegkommen, das ist was, was ich nicht leisten kann. Das muss die Politik leisten. Für mich ist es die Frage: Wie kann ich helfen oder was ist mein Teil, um zu helfen? Mir geht es darum, ein Bewusstsein in der Gesellschaft für die Obdachlosen zu schaffen. Und das kann ich in dem Moment, in dem ich ihnen eine Stimme gebe. Wenn andere Leute die Geschichten in Schatten der Gesellschaft lesen, bleiben sie vielleicht beim nächsten Mal stehen und werfen was ein oder suchen ein Gespräch mit Obdachlosen und fragen nach: Wie geht es Dir? Und: Kann ich vielleicht irgendwas tun? Das gibt es natürlich in Einzelfällen. Der große Wert im künstlerischen Bereich und auch der im Journalismus ist es, eine Aufmerksamkeit zu schaffen, sodass das Thema dann breiter gesehen wird. Ich finde das ist schon ganz schön viel.
  • Schatten der Gesellschaft © Sebastian Lörscher

    Schatten der Gesellschaft

  • Schatten der Gesellschaft © Sebastian Lörscher

    Schatten der Gesellschaft

Aufmerksamkeit schaffen durch gutes Geschichtenerzählen?
 
Unterhalten zu werden ist ja das, was uns Spaß macht in unserem Leben. Und wenn wir einerseits unterhalten werden und auf der anderen Seite noch was lernen und einen guten Input bekommen, dann ist es das Beste was passieren kann. Man lernt am besten mit Spaß.
 
Welche Fragestellungen führen zu einer guten Geschichte?
 
In meinen Arbeiten bin ich recht reagierend. Was dort an diesen Orten passiert, das lasse ich geschehen und versuche es nicht durch Fragestellungen zu beeinflussen. Ich bin dann wirklich sehr passiv und schaue: Was gibt mir der Ort? Was geben mir die Personen? Und dann wiederrum: Was mache ich daraus? Auf meinen Reisen setze ich mir kein festes Thema, sondern das Reisen und das, was ich erlebe, zeigt mir das Thema auf.
 
Wie können wir die erste eigene gezeichnete Reportage im Görlitzer Park angehen?
 
Zeichnet Leute, zeichnet Situationen. Probiert mal statische Sachen zu zeichnen. Oder Leute, die sitzen. Probiert aber auch mal Bewegung zu zeichnen. Leute, die Frisbee spielen oder Leute, die rumlaufen. Probiert jede Skizze in einer anderen Form zu zeichnen oder mit einem anderen Stil, mit einem anderen Material. Probiert eine Geschichte zu finden. Das heißt, geht rum, sprecht Leute an, fragt sie, was sie machen. Man kann auch ganz starr an diesem einen Ort sitzen bleiben. Zeichnet alles, was ihr um euch herum seht. Und vielleicht ist der Ort, an dem ihr gerade sitzt recht langweilig, weil nichts passiert. Aber in dem Moment, wo man sitzt und länger verweilt, fallen einem Details auf, die dann sehr spannend sind zu zeichnen. 
 

Sebastian Lörscher

Zeichner und Autor, 1985 in Paris geboren und bei München aufgewachsen, lebt und arbeitet in Berlin. Studium (Visuelle Kommunikation) an der FH Würzburg und an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Seine Graphic Novels wurden vielfach ausgezeichnet (u.a. mit dem Sondermann Preis und von der Stiftung Buchkunst) und erscheinen bei verschiedenen Verlagen in Deutschland und Frankreich. Lörschers jüngste Arbeiten beschäftigen sich insbesondere mit dem Medium der gezeichneten Reportage. Für seine Kunden arbeitet er in den Bereichen Illustration und Graphic Recording und gibt allerhand Workshops über das Zeichnen und Geschichtenerzählen.

Das Gespräch führte Silvan Hagenbrock. 

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