Germanistikstudierende stehen zur Debatte

Chongqing lag Samstagmorgens um 6:00 Uhr noch im Dunkeln als 96 Studierende aus ganz China die erste Auslosung des Tages erwarteten. Denn der Zufall entschied, wann die Teilnehmenden des 8. Nationalen Debattierwettbewerbs für Germanistikstudierende in China welches Thema diskutieren sollten und wer beim Kräftemessen der Argumente am gegenüberliegenden Pult stehen würde.

Mit 24 Debatten in den Vorrunden war der Wettbewerb nicht nur hitziger Meinungsaustausch, sondern auch eng getaktet: Im achten Jahr seiner Austragung zog er so viele Teams an wie nie zuvor, von denen schließlich nur 48 Universitäten zugelassen werden konnten, um an der Sichuan International Studies University in Chongqing gegeneinander anzutreten. Der Austragungsort des Debattierwettbewerbs wird vom Anleitungskomitee für Germanistik des Chinesischen Bildungsministeriums bestimmt, das gemeinsam mit dem Goethe-Institut Organisator des Wettbewerbs ist.

Die morgendlichen Auslosungen legten je eines von acht Themen für jede Debatte fest, auf die sich die Teilnehmenden eine Woche lang vorbereiten konnten bevor die Diskussionen starteten. Anders in der Finalrunde – hier war Improvisationstalent gefragt, denn deren Themen wurden erst kurz vor Debattenbeginn bekannt gegeben.

In den Vorrunden der Veranstaltung erörterten die Studierenden im Schlagabtausch Fragen nach der Notwendigkeit von Sicherheitskontrollen in öffentlichen Verkehrsmitteln, ob Eltern bei der Partnerwahl ihrer Kinder mitzureden haben oder ob China Kulturgüter aus dem Ausland zurückkaufen sollte. Zur Stützung der Argumente wurde zu allen Mitteln gegriffen: Bald charmant bald ernst wurde das Publikum für sich gewonnen, dem Team gegenüber Emotionalität und „Anthropozentrismus“ vorgeworfen oder versucht, es mit Fragen in die Ecke zu drängen. Im Halbfinale argumentierte eine Seite gekonnt dagegen, verpflichtend traditionelle Schriftzeichen zu lehren. Als sie anführte, dass sie zu kompliziert als Teil der Schulbildung seien, lachte das sprachbegeisterte Publikum über die Antwort „Wollen wir jetzt aufhören, Deutsch zu lernen, nur weil es kompliziert ist?“. Vor allem aber fiel die Liebe der Studierenden zu Redensarten auf – ob deutsche oder chinesische, viele Teams griffen auf die sprachlichen Häppchen Weisheit zurück.






Bildergalerie: Die Gewinnerinnen und Gewinner des 8. Nationalen Debattierwettbewerbs für Germanistikstudierende in China

Man merkt: die Vorbereitung auf den Wettbewerb begann nicht erst bei Ankündigung der Themen. Jeder Debattierwettbewerb erfordert Training des Formates, Schlagfertigkeit und Strategien im Umgang mit der Gegenseite. Hier kam erschwerend hinzu, dass nur exzellente Kenntnisse der Fremdsprache ein Weiterkommen ermöglichten.Und die wurden unter Beweis gestellt. Bis zum Finale diskutierten sich das Meisterteam der Fremdsprachenuniversität Peking, Frau Du Jing (杜婧) und Herr Bao Zhiwen (包智文), und die Nanjing Universität mit den Vizemeisterinnen Chen Yuqiu (陈雨秋) und Shuao Yuan (帅元) – indem sie vor mehr als 300 Zuschauern und zahlreichen Kameras diskutierten, ob „guoxue“ (国学/chinesische Landeskunde) verbindlich an Schulen gelehrt werden solle. Die Siegerinnen und Sieger haben damit ein Stipendium für einen Sprachkurs an einem Goethe-Institut in Deutschland gewonnen, die Vizemeister erhielten ein Teilstipendium für einen DAAD-Sommersprachkurs in Deutschland. Zweite Preise und Sonderpreise für die Höchste Überzeugungskraft, die Beste Aussprache und die beste individuelle Debattierleistung erhielten Studierende der Beijing International Studies University, der Pädagogischen Universität Peking, der Universität für Außenhandel und Außenwirtschaft sowie der Fremdsprachenuniversität Shanghai. Das Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Chengdu, der „Foreign Language Teaching and Research Press“ Verlag der Fremdsprachenuniversität Beijing sowie das Goethe-Institut stifteten Sachpreise für die Teilnehmer.
 

Die unabhängige Jury deutscher und chinesischer Expertinnen und Experten musste also sowohl Einzelleistungen als auch Teamarbeit, sprachliche Fähigkeiten und Argumentation bewerten. Am Ende der Vorrunden betrat der Vorsitzende der Jury die Bühne und verkündete die Ergebnisse. Für die Hälfte der Teilnehmenden ging es dann weiter zur nächsten Auslosung: Pro oder Contraseite vertreten? Umwelt, Kulturpolitik oder Bildungsfragen diskutieren? Keine Frage, Germanistikstudierende stehen zur Debatte!