Rollenspiele im Unterricht Handeln in der Fremdsprache

Rollenspiele sind ein probates Mittel, um die mündliche Ausdrucksfähigkeit zu verbessern.
Rollenspiele sind ein probates Mittel, um die mündliche Ausdrucksfähigkeit zu verbessern. | Foto: mabe123 © iStockphoto

Das Allround-Talent im Klassenzimmer: Richtig angeleitet machen Rollenspiele im Fremdsprachenunterricht in der Regel viel Spaß und ermöglichen ein probeweises Handeln in der Fremdsprache.

Seien wir doch mal ehrlich: Auch wenn sich das Credo „Maximize students’ speaking time“ längst durchgesetzt hat und theoretisch jedem klar ist, dass eine Fremdsprache nur durch Sprechen erlernt wird – neigt sich ein Kurs dem Ende entgegen, wird die benötigte Zeit für bis dato nicht bewältigten Unterrichtsstoff meist beim freien Sprechen und Spielen abgeknapst. Dabei erweisen sich gerade Rollenspiele, in denen das Handeln in bestimmten Situationen simuliert wird, als probates Mittel, die mündliche Ausdrucksfähigkeit zu verbessern.

„Was möchten Sie trinken?“

Gelächter, Gekicher, fröhliche Zwischenrufe: Pablo aus Venezuela hat sich den Tafellappen über den Arm geworfen und mimt einen Kellner, der gerade eine Bestellung aufnimmt. Am Lehrerpult sitzt Line aus Dänemark und studiert eine fiktive Speisekarte. Lehrbuch und Stifte sind zu Teller und Besteck geworden. Und der Kursleiter? Beobachtet das muntere Treiben aus der zweiten Reihe. Hin und wieder notiert er sich etwas, ansonsten verhält er sich mucksmäuschenstill, stellt weder Zwischenfragen noch korrigiert er sprachliche Fehler. Er gibt einen Kurs für Anfänger (Niveaustufe A1) in Deutsch als Fremdsprache (DaF). Einmal pro Woche stehen im Unterricht Rollenspiele an – und das mit gutem Grund. Rollenspiele, eine Untergruppe der dramapädagogischen Spiele, erweisen sich als wahres Allround-Talent im Klassenzimmer: Laut Christa Dauvillier und Dorothea Lévy-Hillerich, Autorinnen von Spiele im Deutschunterricht, erhöhen sie die Freude an der Fremdsprache, reduzieren Sprechhemmungen und fördern durch die Anforderung, sich in eine andere Rolle und damit andere Denkweisen und Gefühlswelten einzufinden, die interkulturelle Kompetenz.

„Rollenspiele ermöglichen dem Lerner Handlungen, die er situativ bereits beherrscht, auch in der neuen Sprache auszuprobieren“, erläutert Paul Rusch, seit 20 Jahren als Autor für Langenscheidt sowie in der Lehrerfortbildung tätig. Um Lernende bei diesem probeweisen Agieren in der Fremdsprache von Anfang an zu unterstützen und relevante Sprachhandlungen langfristig ins eigene Repertoire zu integrieren, bieten moderne Lehrwerke wie Netzwerk daher bereits für das A1-Niveau Redemittelkästen und Dialoggitter speziell für Rollenspiele an.

Das A und O – die Vorbereitungsphase

Rollenspiele – ideal für Unterricht aus dem Stegreif? Von wegen. Auch wenn der Dozent als stiller Beobachter im Hintergrund bleibt, ist sorgfältige Planung gefragt. Rollen zuweisen, Redemittel einführen, Spielregeln erklären und zum Abschluss eine angemessene Auswertungsphase: Gerade beim Rollenspiel schlägt eine detaillierte Vor- und Nachbereitung als Lernerfolg zu Buche. Die Dauer der eigentlichen Vorbereitungsphase, die den Lernenden dazu dient, sich in die Aufgabe einzufinden, orientiert sich dabei an der Komplexität des Rollenspiels. In gut durchgemischten und immer wieder neu zusammengestellten Gruppen fühlen sich die Lerner in ihre Rolle ein und machen sich die Situation samt erforderlicher Redeintentionen klar.

Dabei sei besonders wichtig, so Rusch, dass man den Lernenden das sprachliche Werkzeug im Raum bereitstelle – also etwa, indem es an die Wand projiziert oder auf die Tafel geschrieben wird. „Schließlich können wir die Lerner nicht in eine Situation schicken, für die sie keine Redemittel haben.“ Darüber hinaus könne den Lernenden noch zusätzlicher Wortschatz, der eine inhaltliche Ausdifferenzierung ermögliche, an die Hand gegeben werden.

Spielphase und abschließende Auswertung

Allerdings, so schreiben Christa Dauvillier und Dorothea Lévy-Hillerich, geht es beim Rollenspiel nicht nur ums Sprechen, sondern auch ums Handeln. Dadurch werde die emotionale Beteiligung erhöht. Das Gesicht zu verziehen, etwa, weil das servierte Essen nicht schmeckt, ist also nicht nur erlaubt, sondern geradezu erwünscht – und passiert überdies meist automatisch. Um den Handlungsrahmen authentischer zu gestalten, empfiehlt das Autorenduo Dauvillier und Lévy-Hillerich, Requisiten zur Verfügung zu stellen – ein Notanker, den gerade unsichere Sprecher dankbar ergreifen werden. An der Kleidung angebrachte Etiketten oder Klebestreifen, auf denen die Rolle – zum Beispiel „Kellner“, „Frau Schmidt“ – zu lesen ist, erleichtern die Orientierung untereinander.

Bevor es losgeht, soll man außerdem ein Zeitlimit vorgeben. So wird verhindert, dass die Spieler zu lange diskutierten. Rollenspiele können schließlich vor der Klasse präsentiert werden, allerdings warnt Rusch davor, permanent „alles ins Plenum zu zerren“. Ebenso unangebracht seien Unterbrechungen, da sie vor allem im Anfängerbereich stark verunsichern. Christa Dauvillier und Dorothea Lévy-Hillerich wiederum schlagen für die Auswertungsphase zunächst eine Besprechung der Rollenmerkmale vor (War der Kellner freundlich?), dann eine Betrachtung des Spielverlaufs (Worin bestand der Konflikt? Wie wurde er gelöst? Welche Alternativen gibt es?) und erst abschließend die Korrektur der sprachlichen Seite.

Übrigens: Angst, dass sich das Rollenspiel verselbstständigt, hält Lehrbuchautor Rusch – solange gesprochen wird – für überflüssig. „Das freie Sprechen ist der Motor für den Lernfortschritt.“ Somit sind Rollenspiele eine höchst kreative und motivierende Möglichkeit, jene für den Spracherwerb so wichtige Komponente in den DaF-Unterricht einzubauen.
 

Literatur:
Christa Dauvillier und Dorothea Lévy-Hillerich:
Spiele im Deutschunterricht (Langenscheidt, 2004)