Schüleraustausch In Deutschland ein zweites Zuhause finden

Warum sollten Schüler in der globalisierten und vernetzten Welt noch reisen?
Warum sollten Schüler in der globalisierten und vernetzten Welt noch reisen? | Foto: Hongqi Zhang © iStockphoto

Warum in der ohnehin globalisierten Welt noch reisen und nach Deutschland kommen? Kultur und die deutsche Sprache locken Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren.

Die Welt zu Gast in Deutschland, so könnte das Motto der vielen Schüleraustauschaktivitäten lauten, die zwischen der Nordsee und den Alpen stattfinden. Jugendliche im Alter zwischen 15 und 18 Jahren suchen neue Freunde und Erfahrungen, wenn sie sich auf den Weg aus Nord-, Mittel- und Südamerika, Asien und West- oder Osteuropa nach Deutschland machen. Sie verbringen hier ein halbes oder ganzes Schuljahr und lernen dabei sich und mehr von der Welt kennen. „Die beste Erfahrung meines Lebens“, das sagt Belén aus Chile, einer von über zweitausend Austauschschülern pro Jahr über den Aufenthalt in Deutschland. Den Alltag in einer anderen Kultur und auf Deutsch zu bewältigen, ist für die jungen Menschen eine große Herausforderung. Doch warum in der ohnehin globalisierten und auch via Internet, Facebook und Twitter vernetzten Welt noch reisen?

Motivation für den Weg

Die Beweggründe, nach Deutschland zu kommen, sind vielfältig. Manche Jugendliche wollen einfach etwas anderes erleben, das Schulfach Deutsch mit Leben erfüllen oder das Land ihrer Vorfahren kennenlernen. Besonders junge Menschen aus Asien fühlen sich vom ökologischen Bewusstsein, der akademischen Bildung, der klassischen Musiktradition, die überall im Land durch Orchester lebendig ist, aber auch von der Deutschland zugeschriebenen Leistungsorientierung, angezogen.

Alle Austauschschüler wollen ihre Deutschkenntnisse verbessern, vor allem durch Gespräche mit Muttersprachlern. Auf diesem Weg wird den Jugendlichen bewusst, wie sie bislang Fremdsprachen gelernt haben. Die Chinesin Yi freut sich darüber, dass sie Schwächen zeigen darf: „In China hatte ich immer Angst davor, eine Sprache zu sprechen, da ich Fehler machen könnte. Aber seitdem ich nach Deutschland gekommen bin, bin ich mutiger geworden. Durch das Sagen falscher Sätze konnten die anderen meine Fehler verbessern. Etwas Falsches zu sagen, ist nicht furchtbar. Aber nicht reden ist wirklich furchtbar!“ Die Georgierin Mariam entdeckte beim Fremdsprachenerwerb vor allem die innere Kraft: „Ich dachte, dass mein Austauschjahr sehr wichtig für meine Sprachkenntnisse werden würde, aber letztendlich verstehe ich, dass es Wichtigeres gibt, und habe mir lieber ein zweites Leben aufgebaut. Ich habe sehr prägende Erfahrungen sammeln können und viel gelernt.“

Interkulturelles Lernen

Mit der Sprache kommt man ins Gespräch und durch die eigene Wahrnehmung erschließt sich nach und nach eine neue Welt. Aufmerksam beobachtet man das Leben in der Fremde, lässt idealerweise seine Vorurteile fallen. An die Stelle der früheren Bilder rückt die persönliche Erfahrung und ein eigenes begründetes Urteil. Die Austauschschüler erleben während ihres Aufenthalts in der anderen Kultur eine ganze Bandbreite von Gefühlen, beginnend bei „froh, begeistert, über traurig, bitter bis hin zu süß und scharf“, wie Yi aus China erzählt. Menschen haben überall ihre Traditionen, Gewohnheiten, Rituale und sind tief von ihrer Kultur geprägt. Verständnis und Toleranz entwickeln sich erst, wenn die neuen Erlebnisse reflektiert werden, denn interkulturelle Erfahrungen sind nicht immer positiv. Dabei können vor- und nachbereitende Seminare der gemeinnützigen oder kommerziellen Austauschorganisationen helfen, kulturelle Unterschiede wahrzunehmen und zu verarbeiten.

Eine unmittelbare menschliche Begegnung vollzieht sich in den Gastfamilien der Austauschschülerinnen und -schüler. Die Familien können traditionell aus Mutter, Vater und zwei Kindern bestehen; als Gastfamilie gilt bei den vermittelnden Einrichtungen aber auch eine alleinerziehende Mutter mit sieben Kindern und einer Katze. Wo die Chemie stimmt, da bleibt man. In dreißig Prozent der Fälle wechseln Austauschschüler bis zu dreimal die Familie. Zu unterschiedlich sind die Vorstellungen von Zusammenleben, Regeln oder nötiger Freiheit, die sich die Schüler wünschen. In jedem Fall findet interkulturelles Lernen mit dem nötigen Perspektivwechsel bei Gästen und Gastgebern statt.

Andere Formate für Schülerbegegnungen

Partnerschaften zwischen Muttersprachlern und Fremdsprachenlernern lassen sich auch über räumliche Entfernungen entwickeln. Ein virtuelles europäisches Projekt heißt eTwinning, „e“ steht für „elektronisch“ und „Twinning“ hier für „Partnerschaft“. Auf dieser Internetplattform können Lehrer aus verschiedenen Ländern gemeinsam Austauschprojekte durchführen und mit interessierten Klassen regelmäßig daran arbeiten. Einblicke in ein fremdes Leben ermöglichen auch Aufenthalte von wenigen Wochen oder Tagen, die Jugendliche im Rahmen von festen Schulpartnerschaften machen können.

„Nicht alles ist einfach. Aber wer sich für seine Träume nicht einsetzt, verwirklicht sie auch nicht. Ich glaube, das Wichtigste ist, dass wir den ersten Schritt gegangen sind. Wir haben begonnen, die weite Welt zu entdecken“, so formuliert Carolina aus Argentinien. Trotz der Schwierigkeiten liegt die Abbrecherquote bei den Austauschprogrammen nur bei fünf Prozent. Neben der persönlichen Reife kann ein Austauschjahr die Einsicht bringen, wo der eigene Standpunkt ist, und die Toleranz, andere Meinungen stehen zu lassen. Bianka aus Ungarn sagt es so: „Ich glaube nach einem Austauschjahr kann man respektvoller, selbstständiger sein und andere Menschen besser verstehen.“